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Sport Motorsport
03/13/2020

Formel 1: Die Chronologie eines PR-Desasters

Die professionellste Rennserie der Welt zeigte, wie man im Krisenfall genau nicht reagieren sollte.

von Florian Plavec

Unprofessionell, beschämend, die Gesundheit gefährdend. Das sind nur einige der Zuschreibungen für das Verhalten der Verantwortlichen der Formel 1 in den vergangenen Stunden. Nach langen nächtlichen Beratungen kam erst um 10 Uhr Ortszeit in Melbourne die offizielle Nachricht, dass der Formel-1-Grand-Prix von Australien gestrichen wird. Das Statement kam viel zu spät, nämlich zu einem Zeitpunkt, als die Fans schon an die Strecke strömten und andererseits die Teams schon wieder beim Packen waren. Eine Zusammenfassung der Vorgänge:

6. März: Die Veranstalter des Rennens in Bahrain (geplant für 22. März) stellen den Ticketverkauf ein. Das Rennen soll wegen des grassierenden Coronavirus unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

9. März: Der Auftakt in Melbourne (15. März) soll wie geplant mit Zuschauern stattfinden, sagt der Chef des Australien-Grand-Prix.

11. März: Alle Teams sind längst in Melbourne angekommen. Aus dem Fahrerlager werden die ersten Verdachtsfälle gemeldet. Der Grand Prix soll wie geplant stattfinden.

12. März, 12.00 Uhr Ortszeit: Beim Team von Haas sind ein Ingenieur und vier Angestellte betroffen. Der Grand Prix soll wie geplant stattfinden.

14.00 Uhr: Weltmeister Lewis Hamilton wählt ungewohnt drastische Worte. „Für mich ist es schockierend, dass wir alle in diesem Raum sitzen.“ Der Rest der Welt reagiere, nur die Formel 1 nicht. Das Rennen soll laut Veranstalter stattfinden.

22.22 Uhr: McLaren zieht sein Team wegen eines bestätigten Corona-Falls zurück. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist klar, dass abgesagt werden muss. Denn die Mannschaften haben sich schon davor darauf verständigt, dass sie nur antreten, wenn alle zehn Teams am Start sind. Eine Entscheidung muss her – und zwar schnell!

23.30 Uhr: Die Verantwortlichen von FIA, Formel 1 und Rennorganisatoren ziehen sich zu Beratungen zurück und besprechen das weitere Vorgehen mit dem Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste. Vermutlich geht es auch um Geld und Schadenersatzforderungen.

Freitag, ca. 2.00 Uhr Ortszeit: Sky Sport twittert, dass das Rennen stattfindet. BBC Sport berichtet von einer Absage.

ca. 3.00 Uhr: Die Streckenposten bekommen die Nachricht, dass sie wie geplant zur Strecke kommen sollen.

5.00 Uhr: Journalisten und TV-Teams warten noch immer auf eine Information. Langsam wird es wieder hell.

ca. 8.00 Uhr: Die Australian Grand Prix Corporation verblüfft mit der Ansage, dass das Wochenende wie geplant ablaufen wird. Die Wahl-Schweizer Sebastian Vettel (GER/Ferrari) und Kimi Räikkönen (FIN/Alfa Romeo) sitzen bereits im Flugzeug Richtung Europa.

8.45 Uhr: Mitglieder einiger Teams beginnen im Albert Park mit ihrer Arbeit.

9.00 Uhr: Die Fans strömen bereits zur Rennstrecke. Dort warten sie dicht gedrängt vor verschlossenen Toren.

ca. 9.30 Uhr: Mercedes fordert von FIA und Formel 1 die Absage. Das Schreiben endet mit den Worten: „Unser Team beginnt, das Equipment zusammenzupacken.“ Angeblich wollen nur noch Red Bull, Racing Point und Alpha Tauri ein Rennen fahren.

10.00 Uhr: Zwei Stunden, bevor das erste Training hätte beginnen sollen, erfolgt endlich die offizielle Absage in einem Statement der FIA und der Formel 1. Auch alle Rahmenserien werden abgesagt. Noch gibt es aber keine Bestätigung einer Absage der Rennen in Bahrain und Vietnam (5. April). In Hanoi arbeiten Männer gerade daran, die Sitzschalen auf die Tribünen zu schrauben.

13.40 Uhr MEZ: Auch die Rennen in Bahrain und Vietnam werden „auf unbestimmte Zeit“ verschoben. Alle zehn Teams geben bekannt, sich freiwillig bis 29. März in Quarantäne zu begeben.

Die Zukunft? Offen ist, wann die Formel 1 tatsächlich in die Saison starten wird. Ein möglicher Termin ist der 3. Mai (Zandvoort) oder der 24. Mai (Monaco), am wahrscheinlichsten ist der 8. Juni (Baku). Nicht ausgeschlossen ist, dass einige der ausgefallenen Rennen nachgetragen werden und dass sich die Saison 2020 möglicherweise sogar bis 2021 erstrecken könnte. Klar ist nur, dass die Formel 1 für die vorhersehbare Krise keinen Notfallplan hatte. Der Imageschaden ist enorm.