Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Lukas Weißhaidinger: „Ein Diskus ist wie eine Tanzpartnerin“

Im letzten Moment wurde Lukas Weißhaidinger fit für die EM. Der erfolgreichste Leichtathlet Österreichs spricht darüber, wie sich das Altern als Sportler anfühlt und was sein Lieblingsdiskus kann.
Lukas Weißhaidinger

Ideal war die Vorbereitung auf die Europameisterschaft (10. bis 16. August) keinesfalls. Wenige Tage vor dem Abflug nach Birmingham verriss sich Lukas Weißhaidinger beim Krafttraining den Rücken. Einen Wettkampf musste er in der Folge absagen und das Training stark anpassen. Am Donnerstag ließ sich der 1,97-Meter-Hüne in der Kraftkammer 200 Kilogramm beim Bankdrücken auflegen. Danach gab es für den 34-Jährigen grünes Licht. „Ich kann mich wieder im Grenzbereich bewegen“, sagte der Vize-Europameister von Rom und blickt der EM „vorsichtig optimistisch“ entgegen.

KURIER: Wie fit sind Sie?

Lukas Weißhaidinger: Ich fühle mich konkurrenzfähig, sonst würde ich nicht zu einer EM fahren. Meine Zubringerwerte sind vielversprechend, und für mich ist es etwas ganz Besonderes, wenn ich bei einer EM, WM oder Olympia starte.

Sie haben 2021 in Tokio Ihr Lebensziel erreicht und eine Olympia-Medaille geholt. Haben Sie noch Hunger auf Erfolge?

Ich habe noch einen sehr großen Hunger und noch große Ziele. Ich glaube, dass ich noch viel erreichen kann. Ich bin noch gut im Saft. Außerdem möchte ich der Lola (einjährigen Tochter; Anm.) zeigen, dass mit Biss und harter Arbeit viel möglich ist.

Teilen Sie Ihr Leben in eine Zeit vor und nach der Olympiamedaille ein?

Natürlich war das der Gipfel, und die Medaille hat viel verändert. Aber am meisten verändert hat sich die Art, wie die Menschen mich sehen. Und wenn ich an Olympia in Tokio denke, denke ich auch automatisch an Corona, das Stadion war leer. Ich war bei Olympia ja auch Sechster (2016) und Fünfter (2024). Auch wenn ich da nichts gewonnen habe, war das sehr cool in diesen vollen Stadien. Es waren facettenreiche Jahre bis jetzt.

Ist die Europameisterschaft so etwas wie ein Zwischenstopp zu Olympia 2028 in Los Angeles?

Natürlich ist eine WM ein Höhepunkt und Olympia ist das große Ziel. Aber auch die EM ist absolut wichtig. Gerade im Diskus sind bei einer EM zumindest 90 Prozent der Weltbesten am Start. Auch wenn es viele wahrscheinlich nicht verstehen, aber ich finde es immer schön, mit dem Nationaltrikot zu starten und die Fahne auf der Brust zu haben. Das macht mich stolz und es ist etwas Besonderes.

Fünf Europäer haben heuer schon 70 Meter geworfen. Da scheint eine Medaille für Sie weit entfernt zu sein.

Viele haben ihre Bestleistungen in Ramona (Oklahoma) bei günstigen Windverhältnissen aufgestellt. Aber natürlich brauche ich einen guten Tag, ich möchte in einen Flow kommen. Ich möchte Saisonbestleistung werfen, das wären 67 Meter, vielleicht ein bisschen mehr. Dann wäre viel möglich. Ich habe die drei Favoriten alle schon geschlagen: Daniel Stahl, Mykolas Alekna und Kristjan Ceh.

Sie haben in Ihrer Karriere etwa 100.000 Würfe gemacht. Inwiefern fühlt sich der Körper eines Athleten nun anders an? Spüren Sie das Alter?

Ich kann nicht sagen, dass ich alt werde. Ich habe nie schwere Verletzungen gehabt. Mit 18 trainiert man sehr viel Technik. Das Ganze zu erlernen, ist irrsinnig aufwendig. Dann kommen die ganzen Kraftübungen dazu, die nötig sind, um den Diskus so weit zu werfen. Wenn man auf einem gewissen Niveau ist, kann man dann mehr Zeit in die Regeneration stecken, um möglichst lange im Sport zu bleiben. Kaum ein Athlet hört auf, weil er keinen Bock mehr hat. Die meisten müssen aufhören, weil sie verletzt sind, weil es nicht mehr geht.

Sie sind heuer nicht der einzige Österreicher im Diskus-Bewerb. Es startet auch der 24-jährige Will Dibo. Haben Sie Tipps für den jungen Kollegen?

Ich freue mich, dass er dabei ist. Er hat die letzten Jahre immer gekämpft, hat viel einstecken müssen und ist oftmals nicht belohnt worden. Er ist dann nach Amerika gegangen, hat dort seinen Weg gesucht und auch gefunden. Ich habe geglaubt, dass er einmal im Kugelstoßen erfolgreicher wird, aber es ist doch das Diskuswerfen geworden ...

Sie sprechen oft über Ihren Lieblingsdiskus. Was kann der? Und wo ist das Problem, wenn Sie plötzlich mit einem anderen werfen müssen?

So ein Diskus ist wie eine Tanzpartnerin, die man schon ein ganzes Leben lang hat. Man spürt, dass alle Schritte aufeinander abgestimmt sind, man weiß, wie sich die Bewegung anfühlen muss. Man fühlt sich selbstsicherer und kann vielleicht den einen oder anderen Meter weiter werfen.

Ihr Wettkampfgewicht liegt bei 145 Kilogramm. Wo würde Ihr Wohlfühlgewicht liegen, wenn Sie nicht Diskuswerfer wären?

Da muss ich jetzt kurz überlegen ... Mein Bruder und meine Familie befinden sich so im Bereich von 90 bis 105 Kilo. Also bei mir wäre es wohl auch so ungefähr in dem Bereich, ... so 110 Kilo wahrscheinlich.

Und so wird man Sie dann nach der Karriere sehen?

Hoffentlich.

Haben Sie schon Pläne für die Zeit danach?

Nein. Ich bin Sportler und möchte 100 Prozent der Energie dafür verwenden, den Diskus so weit wie möglich zu werfen.

Kommentare