Er kam zurück, sah seine Chance und siegte bei der Tour sieben Mal: Dann stürzte Armstrong ins Debakel.
 

© REUTERS/Jean-Paul Pelissier

Sport
07/20/2019

Lance Armstrong: Der Mann, der vom Himmel fiel

Vor 20 Jahren feierte der US-Rad-Profi ein glorreiches Comeback und landete im Doping-Sumpf. Die Geschichte eines tiefen Falls.

von Florian Plavec

Es war das größte Comeback in der Geschichte des Sports; ein weltweit strahlendes Beispiel für Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit; der einst todgeweihte Krebspatient gewinnt die Tour de France, das schwerste Radrennen der Welt.

Doch das Märchen war zu schön, um wahr zu sein. Es endete in einem fast schon skurrilen Albtraum.

Vor exakt 20 Jahren, im Juli 1999, fand der Radsport seinen neuen Heilsbringer. Sein Name: Lance Armstrong. Der Texaner kommt für seinen Sport genau zur rechten Zeit. Im Jahr zuvor erschüttert die Festina-Affäre die Tour de France in ihren Grundfesten – flächendeckendes Doping beim französischen Team, vor allem mit EPO, damals noch nicht nachweisbar. Zudem fehlen Titelverteidiger Marco Pantani wegen Dopingverdachts und Jan Ullrich wegen einer Verletzung. Kein einziger Tour-Sieger ist am Start.

Totgesagt

Die Organisatoren rufen 1999 einen Neuanfang aus und promoten eine saubere Tour. In deren Mittelpunkt steht plötzlich Lance Armstrong. Er sieht gut aus, er kann sich verkaufen, er weiß, was er sagen muss, und er hat eine fantastische Geschichte zu erzählen. Als junger, kräftiger Fahrer holt er 1993 den Weltmeistertitel auf der Straße, dann die katastrophale Diagnose: Hodenkrebs im fortgeschrittenen Stadium, Metastasen in Lunge und Hirn, Überlebenschance weniger als 50 Prozent. Doch Armstrong besiegt den Krebs, kämpft sich zurück und schafft 1999 das Unfassbare. Deutlich schlanker als vor seiner Erkrankung zerstört er die Konkurrenz. Er gewinnt insgesamt vier Etappen und am Ende mit großem Vorsprung die Gesamtwertung. Einhellig wird von Beobachtern der Sieg als „Comeback des Jahrhunderts“ gefeiert.

Armstrong hebt den Radsport auf ein neues Niveau. Nicht nur er ordnet alles dem Projekt Tour-Sieg unter, auch sein US-Postal-Team steht wie ein Mann hinter ihm. Es reicht Armstrong nicht, seine Gegner zu besiegen. Es scheint, als wolle er sie vernichten. Sieben Mal in Serie gewinnt er die Tour de France. Der Amerikaner wird zum Millionär, Teil der High Society. Popsängerin Sheryl Crow ist seine Freundin, die US-Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush bitten um Treffen mit dem Charismatiker. Die Krebs-Stiftung „Livestrong“ wird ein Welterfolg.

Die fast übermenschlichen Leistungen faszinieren Menschen auf der ganzen Welt. Sie verblüffen – und sie machen skeptisch.

Gnadenlos

Mit ungewöhnlich hoher Trittfrequenz und versteinerter Miene jagt Armstrong über die Berge. Er hat die absolute Kontrolle. Über sich, sein Team, das gesamte Fahrerfeld. Wer sich gegen ihn wendet, wird gnadenlos bekämpft. Etwa Filippo Simeoni. Der Italiener hat zugegeben, Kunde von Michele Ferrari zu sein, der später als „Dottore EPO“ in die Geschichte eingeht. Das Problem: Auch Armstrong wird von Ferrari betreut. Als der in der Gesamtwertung weit abgeschlagene Simeoni 2004 auf der 18. Etappe der Tour einen Ausreißversuch startet, jagt Armstrong dem Italiener nach und lässt erst locker, als sich dieser wieder ins Feld zurückfallen lässt. Auf TV-Bildern ist zu erkennen, wie Armstrong Simeoni mit den Fingern verschlossene Lippen anzeigt – er habe gefälligst den Mund zu halten.

Armstrongs größte Feinde sind aber kritische Journalisten. Ob er je gedopt habe? „Nein. Niemals“, antwortet er. Oder: „Wurde ich positiv getestet? Nein! Wurde ich getestet? Ja, hunderte Male!“ Jene, die zu tief recherchieren, werden eingeschüchtert und im nächsten Schritt verklagt. Armstrong unterscheidet von der Konkurrenz der Wille, seine Gegner zu demütigen. Auch jene außerhalb des Rennens.

Verschleiert

Betrogen haben zu dieser Zeit sehr viele Fahrer im Peloton. Armstrong, Ullrich, Winokurow, Virenque. Doch Armstrong installiert mit seinem Team ein noch nie dagewesenes Dopingsystem. Es geht um Eigenblutdoping, EPO, Wachstumshormone, Testosteron, Kortison. Als er positiv auf Kortison getestet wird, legt er nachträglich ein vordatiertes Rezept gegen Sitzbeschwerden vor. Als eine andere Probe auffällig ist, kauft er sich mit einer „Spende“ von 125.000 Dollar an den Weltverband frei. Als die Sportzeitung L’Équipe kurz nach seinem Rücktritt 2005 meldet, dass in Dopingproben aus dem Jahr 1999 Spuren von EPO gefunden wurden, entlastet ihn der Weltverband UCI.

Doch die Fragen bleiben.

Vielleicht hätte Armstrong ungestraft davonkommen können. Doch mit 38 Jahren will er es noch einmal wissen. 2009 (Rang drei) und 2010 (23.) bestreitet er abermals die Tour, dann tritt er endgültig zurück.

Doch das Netz der Beschuldigungen hat sich eng um ihn gelegt. Noch wehrt er sich mit aller Macht – unterstützt durch ein Heer von Anwälten. Aber 2012 veröffentlicht die US-Anti-Doping-Agentur USADA einen Bericht über das „höchstentwickelte, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm, das die Sportwelt jemals gesehen hat“.

Armstrongs Lügengebäude bricht krachend in sich zusammen, seine Sponsoren (Nike, Trek, Oakley, ...) ziehen sich zurück. Nach eigenen Angaben verliert Armstrong innerhalb kürzester Zeit 70 Millionen Dollar (62,5 Mio. Euro). Aber noch schlimmer: Die UCI aberkennt Armstrong all seine sieben Tour-Siege.

Im Jänner 2013 gesteht er bei Oprah Winfrey umfassend. Umfassend? Nein. Armstrong gesteht nur, was nicht mehr zu leugnen ist. Weiterhin behauptet er, in seinen Comeback-Jahren 2009 und 2010 sauber gefahren zu sein.

Unbelehrbar

Bei der Tour de France ist Armstrong mittlerweile eine Persona non grata. Doch von seinen Erfolgen und seiner Popularität lebt er auch 2019 noch. Er lässt sich bei Mountainbike-Rennen feiern, er hat 3,3 Millionen Follower bei Twitter, er verdient Geld mit seinem Rad-Podcast „The Move“, der täglich bis zu 75.000 Zuhörer hat.

Seine Reue hält sich in Grenzen. „Wir haben getan, was wir tun mussten, um zu gewinnen“, sagt er mit mittlerweile 47 Jahren in einem Interview mit NBC Sports. „Es war nicht legal, aber wir hätten sonst nicht gewonnen. Ich würde heute nicht eine Sache anders machen.“

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