Sport
15.01.2013

Ein Geständnis als Quotenhit

Die Sportwelt rätselt, was der frühere Rad-Star bei Oprah Winfrey gesagt hat.

Nun hat er also gesprochen. 13 Jahre lang hatte Lance Armstrong die Einnahme verbotener Mittel vehement bestritten – und ungläubigen Kritikern mit Klagen gedroht. Am Montag allerdings sprach der gefallene Superstar mit Star-Talkerin Oprah Winfrey über seine Doping-Vergangenheit. Ursprünglich sollte das Gespräch in Armstrongs Haus in Austin (Texas) stattfinden. Da das Grundstück jedoch von Journalisten belagert war, wich man in ein nahes Hotel aus.

Einige Fragen zu Armstrongs Beichte können bereits vor Ausstrahlung der Sendung beantwortet werden, andere werden auch danach noch offen bleiben.

Wo und wann ist die Sendung zu sehen?
Das Interview besteht aus zwei Teilen à 65 Minuten und wird in der Nacht auf Freitag und in der Nacht auf Samstag (vmtl. 3.00 MEZ) ausgestrahlt. Zu sehen auf Discovery Channel (für alle österreichischen Sky-Kunden) und zeitgleich mit der Erstausstrahlung auf dem Oprah Winfrey Network (OWN). Zudem ist das Gespräch auf www.oprah.com zu sehen, sowie im Free-TV am Freitag um 19.15 Uhr auf DMAX.

Warum spricht Armstrong in einer TV-Show und nicht vor der US Anti-Doping-Agentur?
Armstrongs Auftritt garantiert Oprah Winfrey an zwei Tagen Rekordquoten. Die 58-Jährige ließ über Twitter wissen: "Habe gerade zweieinhalb Stunden mit Lance Armstrong unter Dach und Fach gebracht. Er war VORBEREITET." Bei CBS sagte sie aber: "Ich würde sagen, er hat nicht so ausgepackt, wie ich es erwartet hatte." Armstrong hatte vor dem Interview gesagt, dass Winfrey fragen könne, was sie will. "Und ich werde direkt und offen antworten." Andererseits ist zu vermuten, dass Winfrey nur ausgewählte Fragen stellen durfte. Ein Luxus, den Armstrong vor der USADA nicht gehabt hätte.

Welche Motivation hatte Armstrong?
Der mediale Druck war hoch, die Faktenlage gegen Armstrong ist erdrückend, die sieben Tour-de-France-Siege wurden ihm bereits aberkannt. Der 41-Jährige hatte die Wahl, mit seiner Lebenslüge in die Zukunft zu gehen oder mit einem Geständnis einen Neustart zu versuchen. Zudem soll Armstrong bereits in Verhandlungen mit dem US-Justizministerium stehen, das einen Prozess gegen ihn erwägt. Armstrong könnte als Kronzeuge gegen Besitzer verschiedener Teams aussagen.

Was hat Armstrong zugegeben?
Sicher ist, dass Armstrong die Einnahme "leistungssteigernder Drogen" gestanden hat. Welche der zahlreichen Doping-Vorwürfe er bestätigte, ist unklar. Der Österreicher Bernhard Kohl, der 2008 ein Doping-Geständnis ablegte, sagte: "Entweder du sagst gar nichts, oder du sagst alles. Ein Mittelweg, wie es auch Jan Ullrich gemacht hat, das geht in die Hose."

Hat er Namen genannt?
Verschiedene Quellen berichten, dass er sich diesbezüglich zurückgehalten haben soll. CBS hingegen verkündet, dass er sehr wohl Personen nannte, die Teil seines Doping-Netzwerks waren.

Hat Armstrong mehr betrogen als alle anderen?
Doping im Radsport hat es immer schon gegeben. Bis in die 1930er-Jahre prahlten die Athleten sogar damit, die besten Schnellmacher zu besitzen, etwa Mixturen aus Schnaps, Kokain, Koffein und Strychnin. Auch Bernhard Kohl sagt: "Dort, wo Leistungsdruck ist, wird es immer Doping geben." Doch das ausgeklügelte Doping-Netzwerk, das Armstrong und seine Betreuer aufgebaut haben, scheint in der Welt des Sports einzigartig zu sein.

Versinkt der Radsport in der Bedeutungslosigkeit?
Es werden sich Sponsoren zurückziehen, doch die Show geht weiter. Im Sommer werden Millionen Fans an der Straße stehen und die Fahrer bei der Tour de France feiern. Und auch heuer werden einige – aber nicht alle – Teilnehmer gedopt sein.

Zittern die Personen beim Rad-Weltverband?
Ja. Die New York Times meldete, Armstrong wolle auch gegen die UCI aussagen. Armstrong war der größte Star des Sports. Mehrmals wurde er deshalb von der UCI gedeckt (siehe unten).

Welche Folgen drohen Armstrong?
Firmen werden Regressforderungen in zweistelliger Millionenhöhe stellen. Der Spiegel errechnete, dass Armstrong bis zu 60 Millionen Dollar zahlen müsse. Sein geschätztes Vermögen beläuft sich auf zirka 125 Millionen Dollar. Möglicherweise droht Armstrong aber wegen Meineids vor Gericht ein Prozess – und damit auch eine Gefängnisstrafe.

Frühere Aussagen von Armstrong zu Doping-Vorwürfen

"Ich bin vom Totenbett aufgestanden. Ich wäre verrückt, mich zu dopen." (Armstrong am 19. Juli 1999, dem zweiten Ruhetag der Tour de France, an deren Ende er zum ersten Mal in Paris triumphierte)

"Das war nicht Hollywood, das war nicht Disney. Meine Story ist fantastisch, aber wahr. Ich bin ein sehr glücklicher Mensch und habe ein reines Gewissen." (Am 25. Juli 1999 nach dem ersten Tour-Sieg in Paris)

"An alle, die nicht an den Radsport glauben, an alle Zyniker und Skeptiker: Ihr tut mir leid. Mir tut leid, dass ihr nicht groß träumen könnt. Es tut mir leid, dass ihr nicht an Wunder glaubt. (...) Es gibt hier keine Geheimnisse. Das ist ein hartes Rennen und harte Arbeit setzt sich durch." (Nach dem Gewinn des siebenten Tour-Titels am 24. Juli 2005)

"Ich habe es seit mehr als sieben Jahren gesagt: Ich habe nie gedopt. (...) Wenn man sich meine Situation ansieht: Als jemand, der quasi nach einem Todesurteil wieder zurückkommt, warum sollte ich einen Sport betreiben, mich dopen und mein Leben erneut riskieren? Das ist verrückt. Das würde ich nie machen. Nie. Niemals." (In der TV-Sendung "Larry King Live" am 26. August 2005)

"Ich habe nie Drogen genommen. War das deutlich genug?" (Bei einer Anhörung zum Rechtsstreit gegen den Versicherer SCA Promotions am 30. November 2005)

"Ich habe nichts zu verbergen. Die Geschichte spricht für sich." (Nach den Anschuldigungen von Ex-Teamkollege Floyd Landis am 20. Mai 2010, während der Tour of California)

"Ich habe nie gedopt, ich war 25 Jahre lang Ausdauersportler ohne Leistungsschwankungen, habe mehr als 500 Dopingtest abgegeben und bin bei keinem durchgefallen." (In einem Statement auf seiner Homepage vom 13. Juni 2012 als Reaktion auf die USADA-Vorwürfe)

"Unterm Strich bleibt: Ich habe nach den Regeln von UCI, WADA und USADA gespielt, als ich Rennen gefahren bin." (In einem Statement vom 23. August 2012, in dem Armstrong ankündigt, gegen die Vorwürfe der USADA nicht mehr vorgehen zu wollen)

US-Justizministerium erwägt Prozess gegen Armstrong

Das US-Justizministerium erwägt nach übereinstimmenden Medienberichten einen Prozess gegen den früheren Radprofi Lance Armstrong zu unterstützen. Dies hätten Offizielle der Behörde empfohlen, schrieben das Wall Street Journal und die USA Today auf ihren Internetseiten. Das Ministerium hatte diesen Schritt geprüft, seitdem Armstrongs früherer Teamkollege Floyd Landis 2010 eine offiziell bislang nicht bestätigte Klage eingereicht hatte.

Landis soll nach Berichten von Personen mit Kenntnis über die Klageschrift Armstrong und Teammanager des Betrugs bezichtigen, da sie Sponsorengelder der US-Postbehörde für Dopingzwecke missbraucht hätten. Im Vertrag mit dem Rennstall US Postal, für den Armstrong von 1998 bis 2004 fuhr, war der Verzicht auf leistungssteigernde Mittel festgehalten. Bis Donnerstag müsse sich das Justizministerium entscheiden, ob es sich der Klage anschließt.

Armstrong-Geständnis "erschüttert keinen mehr"

Lance Armstrong und Bernhard Kohl haben einiges gemeinsam. Beide haben als Radprofis jahrelang gedopt, beide versuchen, sich mit Geständnissen zu rehabilitieren. Wie für ihn nach seinem positiven Test 2008 sei auch für Armstrong das umfassende Auspacken die Bedingung für einen Neuanfang, erklärte Kohl in einem APA-Gespräch .

Der Radsport habe sich seit seinem Geständnis nicht grundlegend geändert. Es werde weiterhin gedopt und daran werde auch das Geständnis von Superstar Armstrong nicht viel ändern, vermutet der mittlerweile zum Geschäftsmann gewordene 31-jährige Ex-Profi.

Wird das erwartete Geständnis von Armstrong ein Erdbeben im Radsport auslösen?
Kohl:
Es wird keinen mehr erschüttern, wenn Armstrong alles zugibt. Es wird keinen großen Flash geben. Es weiß ein jeder, dass er es getan hat. Wenn man bedenkt, was in letzten zehn Jahren alles herausgekommen ist, dann weiß man, wie der Sport tickt. Armstrong ist ein Part davon. Die Vorstellung von den schwarzen Schafen, davon muss man sich verabschieden. Es gibt ein paar weiße, und es reguliert sich natürlich ein bisschen, zum Beispiel mit dem Blutpass, aber man wird es nie ausrotten können."

Welche Motive könnte Lance Armstrong haben, nach langem Schweigen doch noch alles zuzugeben?
Das ist schwierig zu sagen, aber zurück in den Sport wird er nicht mehr wollen. Die Faktenlage ist erdrückend, und der mediale Druck ist hoch. Er wird sicherlich gute Anwälte haben, es wird für ihn eine Kosten-Nutzen-Rechnung sein. Es wird sicher Regressforderungen geben, eventuell droht im sogar eine Gefängnisstrafe. Er wird sich fragen: "Wie viel kostet mich das, wenn ich auspacke? Lohnt es sich, so viele Millionen zu zahlen, wie viel Geld habe ich am Konto?" Oder sagt er: "Das Risiko ist zu hoch, ich müsste zu viel zahlen und ich lebe lieber mit dem Geld, das ich derzeit habe, und das Lügengebilde bleibt bestehen."

Macht das kolportierte Geständnis Armstrongs ohne die Nennung von Details Sinn?
Nein, entweder du sagst gar nichts oder du sagst alles, sonst hat es keinen Sinn. Ein Mittelweg, wie es auch Jan Ullrich gemacht hat, das geht in die Hose, damit bekommt man wieder keine Akzeptanz, das wird von den Medien und der Bevölkerung nicht honoriert.

Sind seine Situation und Ihre damalige vergleichbar?
Ja, damit er in der Öffentlichkeit wieder normal auftreten kann und etwas Neues beginnen kann, muss er mit dem Thema abschließen, damit es respektiert wird. Wenn ich das damals nicht gemacht hätte, hätte ich kein Radsportgeschäft aufmachen können. Bei mir habe ich es auch ganz deutlich gemerkt, solange nicht alles am Tisch war, habe ich nichts Neues beginnen können.

Wäre er bei einem Geständnis welcher Art auch immer noch glaubwürdig?
Ich finde schon, dass er dann wieder etwas Neues machen kann. Jeder, der sportinteressiert ist, kann das schon einschätzen und weiß, wie der Sport tickt. Bei mir war es auch so, es wird sicher Leute gegeben haben, die nach meiner Geschäftseröffnung gesagt haben: "Zum Kohl gehen wir nicht, der hat uns betrogen und belogen." Gott sei Dank sind die Leute aber sehr zahlreich gekommen, diese Leute wissen, dass es nicht eine Spritze ist und schon fährt man schnell Rad. Klar wird es aber auch welche geben, die deshalb nicht zu mir kommen.

Sind Sie Armstrong jemals persönlich bei Rennen begegnet?
Ich bin ein Jahr gemeinsam mit ihm gefahren, zum Beispiel Paris-Nizza und die Baskenland-Rundfahrt. Er war schon eine Persönlichkeit, als Neoprofi schaut man da schon hinauf. Er hat schon Charisma gehabt.

Haben Sie Aussagen von ehemaligen Teamkollegen wie Floyd Landis und Tyler Hamilton gegen Armstrong überrascht?
Nein, es hat aber gedauert, bis sie ernst genommen wurden. Dann ist in Amerika aber das Interesse entstanden, nachzuforschen. Die haben gute Arbeit geleistet, würden sie so in anderen Sportarten nachschauen, zum Beispiel die Spanier beim Fuentes-Skandal, dann würden viele Sportarten anders dastehen.

Sind Sie jemals von den US-Behörden kontaktiert worden?
2010 war ich in Amerika bei einem Anti-Doping-Kongress, da habe ich mich mit dem USADA-Chef unterhalten. Er hat mich gefragt, ob ich etwas über Doping von US-Sportlern weiß. Das war nicht der Fall, aber meine Erfahrungen, was ich wann genommen habe, wie man positive Tests verhindert - das war für sie interessant. Das hat sicher die Sichtweise, die sie von Hamilton hatten, bestätigt, dass Doping wie das Amen im Gebet dazugehört hat.

Hat sich seit Ihrem Geständnis im Radsport etwas Grundlegendes verändert?
Ich denke nicht. Dort, wo der Mensch ist, wo Leistungsdruck ist, wird es immer Doping geben. Der UCI-Pass hat Dopen sicher eingedämmt, aber es wird nach wie vor praktiziert. Es ist sicherlich fairer geworden, man kann sich nicht mehr so austoben."

Was hätte Sie damals vom Dopen abgeschreckt?
Die Aussicht, in den 'Häfn' zu gehen, wenn man dopt, hätte mich definitiv abgeschreckt. Zwei Jahre Berufsverbot jucken einen nicht. Wenn man sagst, man will den sauberen Sport, dann kann man das nur über Gefängnisstrafen machen. Wenn man es unter Haftstrafe stellt und sagt, du bist positiv, du musst ins Gefängnis, dann wird sich das schnell aufhören. Sonst bleibt kein anderer Weg.

Wäre die Entfernung von Ex-Dopern aus Führungspositionen, wie zum Beispiel Bjarne Riis, ein Lösungsansatz?
Die Teamchefs auszutauschen bringt nichts, Quereinsteiger sind nicht sinnvoll. Das Doping war nur früher teamorganisiert: Festina, T-Mobile und US-Postal, da ging alles vom Team aus. Heute ist das anders, weil die Teams sich das nicht mehr erlauben können. Jeder Sportler sucht seinen eigenen Weg, die Radfahrer kann man nicht austauschen.

Lance Armstrong

Name: Lance Edward Armstrong
Geburtsdatum: 18. September 1971
Geburtsort: Plano, Texas, USA
Familienstand: geschieden; fünf Kinder

Teams: Motorola (1992-96), Cofidis (1997), US Postal (1998-2004), Discovery Channel (2005), Astana (2009), RadioShack (2010-2011)
Bestehende Erfolge (u.a.):
- Weltmeister Straße 1993
- 2 Etappensiege Tour de France

Wegen Dopings aberkannte Erfolge (u.a.):
- Sieben Gesamtsiege Tour de France (1999-2005)
- 22 Etappensiege Tour de France (1999-2005)
- Gesamtsieg Tour de Suisse (2001)

Offene Erfolge:
- Olympia-Dritter Zeitfahren 2000 (IOC-Urteil steht noch aus)

Doping-Vergangenheit

Juli 1999: Armstrong gibt bei der Tour de France eine positive Dopingprobe (Kortison) ab, die UCI akzeptiert ein nachträglich vorgelegtes ärztliches Attest.

Juni 2001: Bei der Tour de Suisse wird ein positiver EPO-Test Armstrongs vermutet. Armstrong wird nicht belangt und „spendet“ danach der UCI 125.000 Dollar.

23. August 2005: In sechs Urinproben Armstrongs aus dem Jahr 1999 wird das Dopingmittel EPO entdeckt, das erst seit 2001 nachweisbar ist. Die UCI spricht Armstrong am 31. Mai 2006 frei.

10. Oktober 2012: Die US-Anti-Doping-Agentur schreibt, Armstrongs Team US Postal habe „das professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm betrieben, das der Sport jemals gesehen hat“.