© REUTERS/STEPHANE MAHE

Sport
11/08/2021

Historischer Kampf: Wie eine Frau den Iran verließ, um Boxerin zu werden

Im Iran ist das Boxen für Frauen verboten. Sadaf Khadem beugte sich den Regeln nicht. Dadurch schafft sie es auf die Kinoleinwand und in die Geschichtsbücher.

von Silvana Strieder

„Jeden Tag spreche ich mit ihr. Sie ist immer in meinem Herzen und schaut auf mich herab. In meinem Leben gibt es viele Herausforderungen, aber ich muss sie annehmen und mich auf meinen Sport konzentrieren.“ Sadaf Khadem ist Boxerin. Für ihren Traum verließ sie ihre Familie – nun aber hat die wichtigste Person ihres Lebens sie verlassen. Für immer.

Die 26-Jährige konnte nicht ahnen, dass ihre Mutter kurz nach einem Familientreffen vor zwei Monaten in der Türkei am Coronavirus sterben würde. „Weil es in meiner Heimat Iran zu wenig Impfstoff gibt“, erklärt Sadaf Khadem mit Tränen in ihren Augen.

Das Zoom-Gespräch in der Länge eines üblichen Fußballspiels, verbirgt weder unterdrückte Emotionen noch ihren angelernten französischen Akzent. Am anderen Ende der Video-Übertragung spricht eine junge Frau offen über ihren Verlust, alte Träume, Kindheitserinnerungen aus einem für sie nun verbotenen Land und den Kampf, der ihr Leben auf den Kopf stellen sollte – und sie offiziell zur ersten Boxerin des Iran machte.

Kampf um Freiheit

24 Jahre lebte Khadem in Teheran bei ihren zwei Schwestern, ihrem Vater und ihrer Mutter. „Wir waren eine reiche Familie. Es wurde viel Wert auf unsere Bildung, Musik und Sport gelegt. Mit fünf lernte ich schwimmen, später spielte ich Basketball im Verein und meine Mutter schickte uns auf eine Privatschule“, sagt Khadem. Sie war es auch, die ihre Tochter auf einer Universität sehen wollte. „Für die Astronomie-Aufnahmeprüfung war ich zwei Jahre lang nur am Lernen, machte keinen Sport und wurde übergewichtig.“ 107 Kilogramm wog die einst so sportliche Schülerin. „Ich sagte zu meiner Mutter, ’Ich mag das Mädchen in diesem Spiegel nicht mehr! Ich muss etwas ändern’. Weil ich keine dicke Physik-Lehrerin werden wollte, beendete ich das Lernen und fing wieder mit dem Basketball an.“

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Für ihre Mutter war das nur schwer zu akzeptieren. „Sie zahlte so viel für meine Ausbildung und sprach danach zwei Jahre nicht mit mir“, sagt Khadem. Ihre Liebe zum Weltraum verlor sie dennoch nie und während andere auf Partys gingen, beobachtete sie die Sterne. „Davor wollte ich auch Archäologin werden. Ich liebte alles in der Erde und im Himmel – aber nichts dazwischen. Ich hatte wohl nie eine Balance in meinem Leben“, lacht Khadem und zeigt am Handy Bilder eines Nachthimmels. Heute verpasst sie gelegentlich ihren Gegnerinnen Sterne im Boxring.

„Ein Trainer sagte mir, ich solle Boxen, damit ich stärker werde. Ich trainierte Basketball mit den Jungs auf den Straßen Teherans und anschließend schlug ich im Park stundenlang auf einen am Baum befestigten Boxsack ein. Dabei entdeckte ich eine völlig neue Welt und wusste – das ist es, was ich wirklich machen wollte!“

Iranian boxer Sadaf Khadem poses in the locker room after winning the fight against French boxer Anne Chauvin during an official boxing bout in Royan

Nachdem sie einen Trainer gefunden hatte, war ihr nächstes Ziel: „Kämpfen! Denn eine Boxerin ohne Kampf ist keine richtige Boxerin.“ Doch im Iran gab es keinen Boxverband für Frauen. „Ich wollte wissen warum. Deshalb sprach ich viel mit den Medien, damit sie helfen, etwas zu ändern. Doch sie taten nichts.“ Khadem war deprimiert und verlor die Motivation. Beim Yoga und der Meditation mit ihrer Mutter, fand sie wieder zu sich selbst und startete mit dem Boxen noch einmal durch. Ihr damaliger Trainer Mahyar Monshipour war gebürtiger Iraner, der in Frankreich aufwuchs. Dort organisierte er in Royan einen Kampf.

„Alles, was ich wollte, war boxen. Doch ich wusste nicht, wie sehr sich mein Leben deshalb verändern würde.“ Weltweit interessierten sich Medien für diese Geschichte und deren Siegerin, „die Barrieren eingerissen“ hat – schrieb etwa die Sportzeitung L'Équipe. Auch im Iran wurde darüber berichtet – negativ. Bis heute weigert sich der Verband, das Ergebnis anzuerkennen. „Es war eine Ehre für mich, für mein Land zu kämpfen. Doch sie haben nichts für mich gemacht und wollen mich nur vergessen.“

Kinofilm über ihr Leben

In Deutschland wird gerade ein Film über sie gedreht, der nächstes Jahr in die Kinos kommt. Darin geht es um eine Frau, die trotz aller Verbote ihren Weg geht. Die ohne Hijab in einem fremden Land, einen für Frauen unerlaubten Sport ausübt. Eine Frau, deren Sieg bedeutete, nie wieder einen Schritt in ihr Heimatland setzen zu dürfen. Einem Land, dessen Regime sie sich widersetzte und zeigte, dass Träume wahr werden können. Er erzählt von einer Frau, die anderen Mut und Hoffnung gibt. „Im Iran boxen viele Mädchen, heimlich.“ Die möchte sie unterstützen und hofft, dass das Land irgendwann stolz auf Frauen wie sie sein kann.

„Ich habe vieles für meinen Sport gemacht und bin glücklich.“ In Frankreich hat ihre Reise gerade erst begonnen: „Ich bin Boxerin und liebe es meine Kunst zu präsentieren.“

Neben den – teils – rechtlichen, den politischen und religiösen Hürden gibt es für Frauen im Iran vor allem eine praktische Einschränkung, wenn es darum geht, Sport zu betreiben: die staatlich verordneten Bekleidungsvorschriften. Die Schleierpflicht führt nicht nur zu Wettbewerbsnachteilen, sondern birgt auch körperliche Gefahren. Dennoch gibt es immer wieder Sportlerinnen, die sich durchzusetzen versuchen. Denn Sport ist für Frauen im Iran mehr als nur Wettkampf und Kräftemessen. Es ist ein Kampf gegen das Klischee des „schwachen Geschlechts“ und gegen die männliche Bevormundung.

Nach der Revolution 1979 wurde Frauen fast jeder Sport verboten. Erst schrittweise und durch den Druck liberaler Politiker und Aktivistinnen wurden einige Bereiche geöffnet. Vor allem im Breitensport wächst heute der weibliche Zulauf – während auf der anderen Seite die infrastrukturelle Förderung des Frauensports so gut wie inexistent ist. Auch wenn im Jänner 2019 die Islamische Föderation für Frauensport reaktiviert wurde, die 1990 von Faezeh Rafsanjani, der Tochter des früheren Präsidenten, gegründet worden war. Die religiösen Hardliner hatten die Institution aber jahrelang lahmgelegt. Trainiert haben iranische Sportlerinnen dennoch. Heimlich oder im Ausland. Das Ziel: die Qualifikation für internationale Bewerbe in einer Sportart, die für sie zugelassen ist. Boxen ist das nicht.

Doch auch für zugelassene Bewerbe fehlt noch Entscheidendes: die Zustimmung des männlichen Vormundes für die Ausreise. Die Cheftrainerin der iranischen Skifahrerinnen, Samira Sargari, konnte ihren Schützlingen für die WM in Cortina d’Ampezzo im Februar nur via Instagram alles Gute wünschen – ihr Ehemann hatte ihr die Reiseerlaubnis verweigert. Niloofar Ardalan, der Kapitänin des iranischen Fußball-Teams, ging es ähnlich. Als sie 2015 zu den Asien-Meisterschaften fliegen wollte, wurde ihr am Flughafen mitgeteilt, dass ihr Mann die Zulassung nicht unterzeichnet hatte.

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