Hans Holdhaus, 76: Gründer des IMSB (Institut für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung)

© fremd/Stefan Sigwarth

Sport
10/10/2021

Hans Holdhaus: "Ich weiß nicht, ob Strache uns loswerden wollte"

Vater und Sohn Holdhaus wurden in der Ära Strache als Sportmediziner fristlos entlassen. Die Ermittlungen wurden eingestellt, es geht um 700.000 Euro.

von Günther Pavlovics

Sie sehen sich als Opfer der Ära von Vizekanzler und Sportminister Heinz-Christian Strache. Die Rede ist von Johann Holdhaus und dessen gleichnamigen Sohn, beide jahrzehntelang angesehen im österreichischen Sport.

Ein Richtersenat des Landesgerichts Wiener Neustadt beschloss nun, dass das Verfahren gegen Johann Holdhaus senior und junior endgültig eingestellt wird. Es gibt kein Rechtsmittel mehr. „Ich bin erleichtert“, sagt Hans Holdhaus junior. Doch in die Freude mischt sich Wehmut. Drei Jahre lang kämpften er und sein Vater um die Wiederherstellung ihres Rufs. „Es ist nicht lustig, wenn das Lebenswerk zerstört wird“, sagt der 76-jährige Senior. Der Junior sagt: „Ich weiß nicht, ob Strache uns loswerden wollte.“ Die treibenden Kräfte saßen jedenfalls im Sportministerium. Und sie sitzen teilweise immer noch dort.

Worum geht es? Das IMSB war seit 1982 das Kind des Seniors. Das in der Südstadt beheimatete Institut für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung beriet Spitzensportler in den Bereichen Sportmedizin, Ernährung, Leistungsdiagnostik und Trainingsanalyse – darunter 20 von 23 Medaillengewinnern bei Olympischen Sommerspielen. Weil das IMSB ein gemeinnütziger Verein war, empfahl 1992 das Sportministerium, die Consult zu gründen, um Einnahmen zu erzielen, die das IMSB finanziell unterstützen sollten. Holdhaus senior war Geschäftsführer dieser GmbH, der Sohn arbeitete dort.

Der Senior wollte 2017 die Pension antreten, blieb aber auf ausdrücklichen Wunsch des Sportministeriums. Holdhaus senior: „Im Nachhinein gesehen erfolgte dies nur, weil das Strache-Ministerium meine Nachfolge noch nicht entschieden hatte und noch auf Personensuche war.“

1982
Das Institut für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung (IMSB) wird gegründet. Hans Holdhaus senior  wurde in Folge mit dem Aufbau und der Führung betraut

2018
Am 22. Oktober werden Hans Holdhaus und dessen Sohn Hans junior fristlos entlassen

2019
Am 17. Mai bringt die Finanzprokuratur eine  Sachverhaltsdarstellung  ein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts von Fördermissbrauch

2021
Im Jänner stellt die StA die Ermittlungen ein. Ein Antrag des IMSB-Nachfolgevereins „Leistungssport Austria“ auf Fortführung wird am
5. Oktober vom Gericht abgewiesen

Sportminister Strache

Am 8. Jänner 2018 wurde Vizekanzler Strache offiziell mit den Sportagenden betraut. Schon zehn Tage später geht aus einem Protokoll der Vorstandssitzung des IMSB hervor, dass es in Gesprächen zwischen dem damaligen Vereinspräsidenten Reinhard Gruden und dem damaligen Kabinettschef-Stellvertreter Philipp Trattner um die Holdhaus-Nachfolge ging.

Es fiel der Name Wolfgang Gotschke – einst Büroleiter von SPÖ-Sportminister Norbert Darabos und danach Geschäftsführer des Bundessportförderungsfonds. Es ging laut Protokoll auch um Druck. „Gruden berichtet, dass er befürchtet, dass – wenn Gotschke nicht die IMSB-Leitung bekommt – die Fördermittel nicht zu Verfügung stehen werden.“ Der Vereinsvorstand aber beharrte auf die alleinige Befugnis, die Leitung zu bestimmen. Das Ministerium ließ nicht locker. Im August 2018 sollten die Förderabrechnungen des Vereins geprüft werden – von einer vierköpfigen „unabhängigen Prüfungskommission“.

Wolfgang Gotschke, Wunschkandidat des Ministeriums auf den Chefposten, war ein Mitglied. Werner Kuhn, Vorstandsmitglied und Rechnungsprüfer des Vereins, sollte sich selber prüfen – er wurde im April 2019 Aufsichtsratsvorsitzender der Bundes-Sport GmbH. Dazu kam ein Steuerberater, der aufgrund der Erkenntnisse der Kommission einen Folgeauftrag aus dem Ministerium zur Prüfung des IMSB bekam und dafür mehr als 90.000 Euro erhielt – wie aus der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage hervorgeht.

Das Ministerium drängte weiter auf den Wunschnachfolger. Die Vereinsführung aber hatte sich Anfang des Jahres einstimmig auf Holdhaus junior als geeigneten Nachfolger des Seniors für die IMSB Consult festgelegt. Für die Vereinsleitung gab es ein Hearing, Holdhaus junior hatte sich dafür nie beworben. Andreas Vock wurde als Nachfolger festgelegt.

Das passte dem Ministerium gar nicht. Am 3. Oktober 2018 wurde der Geschäftsführervertrag mit Holdhaus jr. für die IMSB Consult GmbH unterzeichnet. Am 17. Oktober gab es einen mündlichen Zwischenbericht der Kommission, woraufhin Vater und Sohn beurlaubt wurden und Wolfgang Gotschke als Geschäftsführer des IMSB Consult installiert wurde – am selben Tag und ohne Vorstandsbeschluss. Der 51-jährige Holdhaus junior sagt: „Man hat mir zu verstehen gegeben, dass ich in der Sportwissenschaft keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen werde, wenn ich vom Vertrag nicht zurücktrete.“

Die Fristlose

Er weigerte sich und wurde wie sein Vater am 22. Oktober fristlos entlassen – samt Hausverbot und Sperre des eMail-Kontos sowie der Mobiltelefone. „Obwohl sie in unserem Eigentum waren. Laut A1 aufgrund eines ministeriellen Wunsches“, sagt Holdhaus senior.

Die Fristlose kam vom damaligen IMSB-Präsidenten Paul Haber, Mediziner und Präsident des Sportvereins Hakoah. Damit ging die langjährige Freundschaft mit Holdhaus senior in die Brüche. Haber wurde vom Ministerium dazu gedrängt, wie er in einem der arbeitsrechtlichen Prozesse 2019 zu Protokoll gab.

Denn Vater und Sohn klagten gegen die Fristlose. Die Prozesse wurden unterbrochen, weil die Finanzprokuratur eine Sachverhaltsdarstellung einbrachte. Just am 17. Mai 2019, als die Veröffentlichung des Ibiza-Videos Straches Karriere erschüttern sollte.

Seither ermittelte die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf missbräuchliche Verwendung der Förderungen, der Verein bekam 1,4 Millionen pro Jahr. Die Verwendung der Mittel wurde ständig vom Ministerium geprüft, ohne dass es Beanstandungen gegeben hat. Holdhaus jr. hat nie etwas mit Förderungen zu tun gehabt. Bei ihm ging es ausschließlich um den Geschäftsführervertrag.

Das IMSB wurde im März 2019 in „Leistungssport Austria“ umbenannt, einer der beiden Vorstände heißt Wolfgang Gotschke. Die andere ist die Sportanwältin Christina Toth, die im Jänner, nachdem die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt hat, einen Antrag auf Fortführung gestellt hat. Dieser wurde am 5. Oktober abgewiesen.

Die Familie Holdhaus wird ihre Verfahren vor dem Arbeitsgericht wieder aufleben lassen – und die Fristlosen werden ohne Strafverfahren wohl nicht halten. Der Anwalt der beiden schätzt, dass Verfahrenskosten, Abfertigung und Abgeltung für den Vertrag des Juniors fast 700.000 Euro ausmachen – Kosten, die auf Leistungssport Austria zukommen.

Holdhaus junior: „Unsere ganze Existenz wurde auf den Kopf gestellt, finanziell wie auch psychisch.“ Er hat mittlerweile gemeinsam mit Patrizia Holdhaus und Lukas Nord am 1. Februar in Kottingbrunn das Life Quality Center eröffnet, das Unterstützung und Information bietet zu den Themen Sport, Gesundheit, Ernährung und Medizin. Er und sein Vater überlegen aber, ob sie nicht gegen führende Mitarbeiter des Ministeriums wegen Amtsmissbrauchs vorgehen.

Straches Schwager

Wie Bürokratie und Politik mit Menschen umgehen, zeigt das Beispiel des Bruders von Strache-Gattin Philippa, Christoph Beck: Der Restaurator und Schwimminstruktor erhielt nach den Holdhaus-Entlassungen einen Job. Ein Jahr später, als sein Schwager nicht mehr Minister war und die FPÖ die Wahl verloren hatte, trennte man sich rasch wieder von ihm.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.