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Sport
05/10/2019

Hai-Noon in Italien: Vincenzo Nibali jagt den Giro-Sieg

Der Italiener (34) könnte der älteste Champion in der Geschichte der Italien-Rundfahrt werden.

von Christoph Geiler

Jedes Jahr im Mai wird in Italien der Hai-Alarm ausgerufen. Selbst fernab der Küsten sind die Menschen dann völlig aus dem Häuschen und schwimmen im Sog der verrückten Masse mit. Alle wollen ihn sehen, ein jeder fiebert mit, wenn Lo Squalo di Messina, der „Hai von Messina“ auf Beutezug geht.

Vincenzo Nibali hat sich seinen Kosenamen redlich verdient. Der Sizilianer beißt gerne zu, wenn es um die bedeutendsten Trophäen im Radsport geht: Tour de France (2014), Vuelta (2010), Giro d’ Italia (2013, 2016) – Vincenzo Nibali hat die wichtigsten Rundfahrten alle bereits gewonnen. Aber der Erfolgshunger des Haies ist noch immer nicht gestillt. „Ich setze alles auf den Giro“, sagt der Italiener.

Genau solche Ansagen wollen die Tifosi auch von ihm hören. Als Publikumsliebling Nibali bei der großen Fahrerpräsentation in Bologna auf die Bühne gebeten wird, herrscht Hai Noon. „Vincenzo, Vincenzo“, rufen die tausenden Fans unermüdlich auf der Piazza Maggiore. Die meisten sind wegen ihm gekommen, Nibali ist seit Jahren der Star und Hoffnungsträger der stolzen Radnation.

Auf Draht

Das Problem ist nur. Vincenzo Nibali ist inzwischen etwas in die Jahre gekommen. Im Herbst wird der Italiener 35, die Rivalen, mit denen er es ab Samstag bei der 102. Auflage des Giro zu tun bekommt, sind bedeutend jünger – und sie zeigen vor allem auch wenig Respekt vor dem zweifachen Sieger der Italien-Rundfahrt.

„Der Giro sieht hart aus, aber ich bin auf jedem Terrain gut. Ich bin bereit“, verkündete etwa Primož Roglič. Viele Experten sehen im ehemaligen Skispringer den Topfavoriten auf den Gesamtsieger. Nicht nur weil das Streckenprofil mit mehr als 40.000 Höhenmetern dem 29-jährigen Slowenen wie auf den Leib geschneidert ist, Roglič befindet sich 2019 auch in bestechender Form. Der Skisprung-Juniorenweltmeister von 2007 gewann heuer bereits die Tour de Romandie und Tirreno-Adriatico.

Österreichisches Duo

Vincenzo Nibali treibt derweil das große Ziel an, als ältester Sieger in die Annalen des Giro einzugehen. Erreicht er am 2.Juni Verona im Rosa Trikot würde er seinen Landsmann Fiorenzo Magni ablösen, der bei seinem Triumph 1955 34 Jahre und 180 Tage alt war. Nibali wäre um 20 Tage älter. „Ich fühle mich noch nicht alt. Ich denke, dass ich eine dreiwöchige Rundfahrt immer noch drauf habe. Man sollte mich nicht abschreiben.“

Auch zwei Österreicher nehmen am Samstag in Bologna den Giro d’ Italia in Angriff und stellen sich in den nächsten drei Wochen den Strapazen der 3578, 8 Kilometer: Marco Haller für das Katusha-Team, Michael Gogl für Trek-Segafredo.