Kein Heiligenschein: Rapids Sportdirektor Müller hat den Meisterteller im Hinterkopf.

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Interview
02/10/2016

Andreas Müller: "Wir müssen Geld in die Hand nehmen"

Vor dem Cup-Spiel gegen die Admira spricht Rapid-Sportdirektor Andreas Müller über Ziele und Zukunft.

von Alexander Huber

Zu 100 Prozent passt Rapid zu mir", hat Andreas Müller nach zwei Jahren als Sportdirektor festgestellt. Dass der Cup traditionell gar nicht zu den Hütteldorfern passt, hat der 53-jährige Deutsche auch schon mitbekommen. Vor dem Viertelfinal-Heimspiel gegen die Admira (18 Uhr/ATV) spricht Müller über sein Bauchgefühl, die Transferpolitik und Schwächen der österreichischen Liga.

KURIER: Rapid wartet schon seit 1995 auf einen Cup-Sieg. Warum sollte gerade heuer diese schwarze Serie reißen?
Andreas Müller:
Eigentlich wäre der Cup der "einfachste" Titel. Wir nehmen den Pokal zu 100 Prozent ernst, wir wollen Titel gewinnen. Es wird alles für den Aufstieg unternommen werden, und das wird gegen die Admira, die ja kein Lieblingsgegner ist, auch nötig sein.

Sie haben bei Ihrem Start gesagt, dass Sie sich bei heiklen Entscheidungen auf Ihren Bauch verlassen können. Hat sich das bei Rapid bewahrheitet?
Personalentscheidungen entstehen durch die für mich besonders wichtige persönliche Kommunikation. Dabei bekomme ich auch ein Bauchgefühl für diesen Menschen. Das ist mit dem erwähnten Bauch gemeint. Ich bin in den Jahren im Fußball zur Erkenntnis gekommen: Etwas weniger Qualität, dafür mehr an Mentalität ist langfristig das Beste.

Sie haben diese Frage der Mentalität auch beim Abgang von Beric angesprochen. Trotzdem könnte mit dieser Entscheidung der Meistertitel verkauft worden sein.
Zum Titel: Wir sind ja noch lange nicht am Ende. Zu Beric: Wenn wir ihm den Wechsel verboten hätten, wäre die Gefahr groß gewesen, dass er danach nicht mehr der von davor ist. Das ist noch vorsichtig ausgedrückt. Wir hätten ein dauerhaftes Problem gehabt, weil er Angst hatte, dass St-Etienne das letzte Angebot aus einer Top-Liga sein könnte.

Und warum haben Sie dann Kainz den Wechsel zu Gladbach nicht ebenso erlaubt?
Erstens war es für den Jänner kein Angebot, sondern nur eine Anfrage, weil wir Gladbach gleich klargemacht haben, dass der Zeitpunkt ganz schlecht ist. Und zweitens war in den Gesprächen mit Florian zwar Enttäuschung, aber auch das nötige Verständnis für uns zu spüren. Er hat das abgehakt, identifiziert sich voll mit Rapid und will es noch in den EM-Kader schaffen.

Sie dürfen jetzt erstmals mehr Geld ausgeben als durch Transfers verdient wird. Wie ändert sich die Arbeitsweise bei Rapid?
Wir schlafen ruhiger, sonst ändert sich wenig. Die eigene Akademie bleibt eine ganz wichtige Säule, zusätzlich wollen wir noch mehr Top-Talente zu uns holen und dann entwickeln. Aber es ist allen klar: Wir wollen Titel gewinnen, und dazu müssen wir auch Geld in die Hand nehmen.

Was spricht dagegen, einen richtig guten 30-Jährigen zu holen, der nicht nach zwei Jahren weggekauft wird?
Das ist nicht die Philosophie. Ein Routinier wäre auch keine Versicherung für Titelgewinne. Meistens wollen Spieler im Herbst ihrer Karrieren in Österreich einfach nur noch gutes Geld verdienen – ob dann die Motivation dazu passt, ist fraglich.

Die Schlüsselspieler betonen, dass von Ihnen sehr gute Angebote zur Vertragsverlängerung vorgelegt werden. Warum nimmt diese dann keiner an?
Das ist der Fluch der guten Tat und hängt mit den Europacup-Auftritten zusammen: Jetzt weiß ganz Europa, dass da viele interessante Jungs herumlaufen. Die Spieler testen ihren Marktwert, wir können nachlegen, machen aber keine verrückten Dinge. Ich erinnere an die Aufregung, als 2014 fast alle Torschützen gegangen sind. Wer dafür gekommen ist, wissen alle noch.

Dafür passierte aber auch das Europacup-Aus gegen Helsinki, weil die neue Mannschaft damals noch nicht eingespielt war.
Klar. Aber dem müssen wir uns stellen und möglichst frühzeitig auf Abgänge reagieren. Ich würde nichts lieber tun, als die Mannschaft zu halten. Aber das spielt es nicht immer. Das ist die Realität.

Wollen die Besten aus finanziellen Gründen weg, oder nur weg aus dieser Liga?
Das läuft parallel. Diese Liga ist ein sehr gutes Sprungbrett, um sich einen guten Namen zu machen – und dann verlierst du die Spieler wieder. Dieses Dilemma kann Rapid nur lösen, wenn wir ständig international Erfolg haben. Dafür brauchen wir eine stärkere Liga mit besserer Infrastruktur und einem anderen Format. Leider gibt es viele Vereine, die mit dem Überleben kämpfen. Deshalb können wir in den nächsten ein, zwei Jahren nicht ernsthaft über eine 16er-Liga reden.

Sind die von Präsident Krammer als Ziel ausgegebenen Top 50 in Europa zu realisieren?
Es kann sein, dass Rapid bis 2019 in die Top 50 vorstößt. Mir wäre die Nachhaltigkeit wichtig – da ist das Ziel schon sehr ambitioniert. Man kann Basel als Vorbild nennen, muss aber auch die Umstände betrachten.

Wie meinen Sie das?
Die Schweizer Liga ist besser aufgestellt. Die Klubs werden im Schnitt besser geführt. Hier gibt es ein paar Klubchefs, die mit ihrer Macht den Verein als persönliches Spielzeug betrachten und auch so führen.