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Sport Fußball
04/25/2021

Thomas Silberberger: Die Notlösung, die alle Trainer überlebt

Der WSG-Tirol-Coach ist seit 2013 im Amt und ein Trainer, der etwas anders tickt ist als viele seiner Kollegen

von Christoph Geiler

Als Thomas Silberberger seinen Trainerjob in Wattens antrat, hieß der Bundeskanzler noch Werner Faymann. Dominic Thiem wurde in der Weltrangliste als Nummer 277 geführt und im Samstag-Hauptabendprogramm lief noch „Wetten, dass ..?“

Im Sommer 2013 dümpelte WSG Tirol unter dem Namen WSG Wattens in der Regionalliga West vor sich hin. Thomas Silberberger war damals eher zufällig beim Drittligisten gelandet. „Eigentlich war ich ja nur eine Notlösung“, erzählt der 47-Jährige. „Ich bin’s nur deshalb geworden, weil Manfred Linzmaier und Michael Baur abgesagt haben.“

Treue Seele

Dafür, dass er nur die dritte Wahl war, hat Thomas Silberberger eine erstklassige Trainer-Karriere hingelegt. Der Unterinntaler führte WSG Tirol nicht nur von der Regionalliga bis in die Meistergruppe, in der heute das Duell mit Rapid wartet, er ist auch der Bundesliga-Trainer mit der längsten Amtszeit. Und zwar mit Abstand.

In den knapp acht Jahren, die Thomas Silberberger nun schon bei den Wattenern auf der Bank sitzt, haben die elf Ligakonkurrenten mehr als 100 Trainer verbraucht.

Ist es bloß Glück und Zufall, dass er sich so lange hält? Hat dieser Thomas Silberberger etwa besonders viel Sitzfleisch? Oder ist er einfach nur die Ausnahme von der Rauswurf-Regel?

Wie viele Trainer waren bei der Bundesliga-Konkurrenz seit Juli 2013 im Amt?

16 beim SKN St. Pölten
 (Trainer zum Stichtag  1. Juli 2013: Martin Scherb)
14 Ried  (Michael Angerschmid)
13 Admira (Toni Polster)
  9 Altach  (Damir Canadi)
  9 Austria (Nenad Bjelica)
  9 Sturm  (Darko Milanic)
  9 WAC  (Slobodan Grubor)
  8 Hartberg  (Bruno Friesenbichler)
  7 Salzburg (Roger Schmidt)
  6 LASK  (Karl Daxbacher)
  5 Rapid  (Zoran Barisic)

 

Familiäres Klima

„Auf jeden Fall ist das im heutigen Fußball ungewöhnlich“, sagt der Langzeitcoach. Denn auch wenn er den Verein aus der Drittklassigkeit in die oberste Liga geführt hat, auch sein Stuhl hat immer wieder einmal gewackelt. Zuletzt im Sommer 2020, als WSG die erste Bundesligasaison auf dem letzten Rang beendete. Silberberger ist überzeugt: „Bei keinem anderen Verein in Europa, außer vielleicht bei Freiburg, hätte ich den letzten Sommer überlebt.“

Allerdings ist WSG Tirol jetzt auch kein gewöhnlicher Fußballverein. Präsidentin Diana Langes-Swarovski legt großen Wert auf Harmonie und redet gerne von der „Familie“, die durch dick und dünn geht. Seit ihrem Amtsantritt 2013 genießen Trainer Thomas Silberberger und Manager Stefan Köck ihr uneingeschränktes Vertrauen. „Als wir im vergangenen Sommer gezweifelt haben, ob wir noch die Richtigen sind, hat unsere Präsidentin die Gute-Laune-Schokolade ausgepackt und uns das Vertrauen ausgesprochen“, erzählt Köck.

Präsidiale Geduld

Diese präsidiale Gelassenheit und Geduld haben sich jedenfalls bewährt, wie die Auftritte in dieser Saison beweisen. WSG Tirol mischt plötzlich in der Meistergruppe mit und sorgte zuletzt mit einem 3:2-Erfolg über Meister Salzburg für ein Ausrufezeichen.

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Team und Spielstil sind gegenüber der Vorsaison, in der die Tiroler oft einen unansehnlichen, uninspirierten Fußball zeigten, nicht wiederzuerkennen. „Silberberger nützt sich als Trainer auch deshalb nicht ab, weil er sich immer wieder neu erfindet und über die Jahre immer wieder einen anderen Fußball spielen lässt“, meint Stefan Köck.

Aktuell steht WSG Tirol für viele Tore und großen Unterhaltungswert. Im Kalenderjahr 2021 haben nur die Salzburger häufiger getroffen als die stürmischen Wattener rund um Goalgetter Nikolai Baden-Frederiksen (14 Tore).

Im Herbst hatte Silberberger dem jungen Dänen noch mehrmals öffentlich die Leviten gelesen und der Juventus-Leihgabe ausgerichtet, doch endlich „Männerfußball“ zu spielen. Denn auch das ist Silberberger: Unverblümt, undiplomatisch, ein „grader Michl“, wie man in Tirol sagt.

Ehrliche Haut

„Ich trau’ mich halt das zu sagen, was sich andere nur denken“, erklärt der 47-Jährige. „Ich kann diese ganzen Floskeln nicht hören und will mich auch nicht verstellen. Bei den Interviews kommt dann immer der Wörgler Bauernbua in mir durch.“

Thomas Silberberger hat aber auch leicht reden. Er genießt einerseits die volle Rückendeckung des Vereins, andererseits ist er nicht zwingend auf den Trainerjob angewiesen. Daheim auf dem großen Familien-Bauernhof würde genug Arbeit warten.

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Spezieller Vertrag

„Ich traue es mir zu, bei jedem Verein in Österreich zu arbeiten“, sagt Silberberger, der keinen Berater hat, dafür bei der WSG aber einen Vertrag mit Seltenheitswert. „Bei mir steht keine Laufzeit drinnen“, verrät der Tiroler.

Man kann davon ausgehen, dass Silberberger mit Wattens noch einige Trainer überleben wird. „Leider fehlt vielen Klubs der Weitblick. Und Social Media hat den Druck auf die Vereine noch zusätzlich erhöht.“ Die fehlende Geduld im Profifußball kann er nicht verstehen. „Welche Firma entlässt einen Topmanager, und nichts anderes ist ein Trainer, wenn es zwei Monate nicht läuft?“

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