FUSSBALL-CHAMPIONS-LEAGUE: RED BULL SALZBURG - SSC NAPOLI

Salzburg-Verteidiger Andre Ramalho ist am Boden zerstört.

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Analyse
10/24/2019

Salzburger CL-Zwischenfazit: Offensiv top, defensiv flop

"Wir bekommen zu viele Tore", meinte Trainer Marsch nach dem 2:3 gegen Napoli in der Champions League. Warum ist dem so?

von Stephan Blumenschein

Sechs Tore gegen Genk, drei Tore gegen Liverpool, zwei Tore gegen Napoli - elf Tore hat Champions-League-Debütant Red Bull Salzburg in den ersten drei Gruppenspielen erzielt. Das ist beeindruckend. Nur Bayern München hat von allen 32 Teilnehmern an der Gruppenphase in dieser Saison noch öfters getroffen.

Zwei Gegentore gegen Genk, vier Gegentore gegen Liverpool, drei Gegentore gegen Napoli - neun Gegentore hat Champions-League-Debütant Red Bull Salzburg in den ersten drei Gruppenspielen kassiert. Das ist schon weit weniger beeindruckend. Nur Atalanta Bergamo (11) und Gruppengegner Genk (10) haben von allen 32 Teilnehmern an der Gruppenphase in dieser Saison noch mehr Treffer einstecken müssen.

"Wenn du auf höchstem Niveau erfolgreich Fußball spielen willst, dann muss die Balance zwischen Offensive und Defensive stimmen!" Das war das Credo von Ex-Salzburg-Trainer Huub Stevens. Diesen Satz bekam man vom Niederländer praktisch bei jedem Gespräch über den Fußballsport zu hören. Nach den drei ersten Gruppenspielen der Salzburger, in denen es einen Sieg (6:2 gegen Genk), aber auch zwei Niederlagen (3:4 in Liverpool, 2:3 gegen Napoli) gab, lässt sich ein Fazit ziehen: Diese Balance stimmt bei Österreichs Meister momentan nicht.

"Wir bekommen einfach zu viele Tore", attestierte am Mittwoch auch Salzburg-Trainer Jesse Marsch nach der zweiten Niederlage in der Champions League in Folge. Warum ist dem so?

  • Spielanlage

"Mir gefällt, wie Salzburg Fußball spielt", meinte Napoli-Trainer Carlo Ancelotti nach dem 3:2-Sieg seiner Mannschaft in Salzburg. Das Lob kommt also von höchster Stelle. 20 Tore fielen in den ersten drei Gruppenspielen mit Red-Bull-Beteiligung. Das ist Champions-League-Rekord. Österreichs Meister hat in den letzten Monaten seine Spielweise wieder radikalisiert. Es wird extrem offensiv agiert, die Absicherung oft vernachlässigt. Napoli verstand es etwa in den entscheidenden Phasen blendend, sich mit langen hohen Bällen dem Salzburger Offensivpressing zu entziehen. So wurden Überzahlsituationen geschaffen und freie Räume gefunden. Die auch genützt wurden. "Wir spielen ein sehr riskantes System, wo jeder Spieler in der Defensive mitsprinten muss. Wenn einer auslässt, entstehen Räume. Die nutzen Mannschaften wie Liverpool oder Napoli eiskalt aus", merkte auch Innenverteidiger Max Wöber an.

  • Personalrochaden

Salzburg war in der Ära Red Bull immer dann defensiv besonders stabil, wenn es eingespielte Innenverteidigerpaare gegeben hat - etwa Ibrahim Sekagya/Rabiu Afolabi oder Andre Ramalho/Martin Hinteregger oder Paulo Miranda/Dayot Upamecano. In dieser Saison hat sich so ein Pärchen noch nicht wirklich herauskristallisiert. Trainer Jesse Marsch rotiert gerne, auch in der Abwehrzentrale. Er hat aber auch - im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger - die Qual der Wahl, stehen ihm doch gleich fünf gestandene Innenverteidiger zur Verfügung. "Wir müssen die besten Verteidiger in unserer Mannschaft für diese großartigen Spiele finden", erklärte der US-Amerikaner, der auch über "eine Dreierkette" nachdenkt. Die hat bisher allerdings nicht einmal in der österreichischen Bundesliga wirklich gut funktioniert.

  • Flügelspiel

Salzburg kassiert momentan sehr viele Tore, die an den Seiten ihren Ursprung haben. Auch gegen Napoli war das so. Für die Außenverteidiger ist das System von Jesse Marsch noch fordernder als jenes unter dessen Vorgänger Marco Rose. Linksverteidiger Andreas Ulmer, normalerweise die Verlässlichkeit in Person, hatte gegen Napoli seine Probleme, wirkte erstmals überfordert. Alle drei Gegentreffer kamen über seine Seite. Dazu konnte der Abgang von Rechtsverteidiger Stefan Lainer (noch) nicht kompensiert werden. Neuzugang Rasmus Kristensen ist zwar extrem bemüht, aber fußballerisch ist er zumindest bisher den Nachweis noch schuldig geblieben, warum für ihn einige Millionen Euro an Ablöse bezahlt wurden. "Wenn wir Gegentore bekommen, ist es ein Fehler in unserem System oder ein Fehler im Kettenverhalten. Wir haben so oft über solche Sachen geredet", erläuterte Marsch.

  • Pech

Vom Glück sind die Salzburger in dieser Champions-League-Saison auch nicht unbedingt verfolgt. Zwei der drei Napoli-Treffer fielen etwa, weil der Ball zuvor unglücklich von einem Salzburger abgefälscht worden ist. Dazu kam noch, dass sich Österreichs Teamtorhüter Cican Stankovic schon während der ersten Hälfte am Oberschenkel verletzt hatte. Sein Ersatzmann Carlos Coronel leistete sich zwar keinen Fehler, aber sattelfester wurde die Salzburger Defensive durch die unfreiwillige Tormannrochade freilich auch nicht.

  • Schönheitsideal

Die Salzburger wollen immer gepflegt von hinten herausspielen. Einmal einfach den Ball kompromisslos und weit nach vorne zu schießen, um so auch den Druck von der eigenen Defensive zu nehmen, ist im Red-Bull-Fußball offensichtlich verpönnt. Aber gerade gegen so unangenehme und ausgefuchste Gegner wie Napoli müsste aber auch einmal der hohe Ball als Mittel erlaubt sein, um der eigenen Mannschaft Sicherheit zu geben. „Wir müssen den Ball auch mal nur wegschießen“, merkte auch Zlatko Junuzovic an. Es ist zwar eine alte, aber noch immer gültige Regel im Fußball: Je weiter der Ball vom eigenen Tor weg ist, desto geringer ist die Gefahr, ein Gegentor zu erhalten.

  • Individualität

Andre Ramalho und Maximilian Wöber, die gegen Napoli das Innenverteidigerduo bildeten, Marin Pongracic, Albert Vallci und Jerome Onguene, die gegen die Italiener nicht zum Einsatz kamen, sind für die österreichische Bundesliga alles sehr gute Spieler. Aber von der individuellen Klasse fallen sie im Vergleich mit den Salzburger Offensivspielern ab, die in der Champions League schon großen Eindruck machten - egal, ob sie nun Erling Haaland, Takumi Minamino oder Hee-Chan Hwang heißen. Salzburg hatte schon Verteidiger mit wohl höherer individueller Qualität im Kader. Von den Besten der Besten konnten diese allerdings nie geprüft werden, weil Salzburg ja erst zum ersten Mal in der Ära Red Bull in der Champions League spielt. 

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