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Sport Fußball
06/12/2021

Russland-Teamchef vor EURO: "Beim Skifahren wäre Österreich Erster"

Warum Tschertschessow den neuen Vertrag nicht ablehnen konnte, was er über Österreich denkt und weshalb er Sputnik für den besten Impfstoff hält.

von Christoph Geiler

Der buschige Schnauzer, der einst sein Markenzeichen war, ist längst verschwunden, das Gesicht ist etwas fülliger geworden, aber sonst ist Stanislaw Tschertschessow ganz der Alte. Ein Mann, der gerne Gegenfragen stellt, mitunter in Rätseln spricht und sich als „halber Tiroler“ fühlt, weil er in Rinn eine Wohnung besitzt. „Ich habe doch fast keinen Akzent, oder?“

Das russische Nationalteam bereitete sich in Neustift im Stubaital auf die EM-Endrunde vor, bei der heute in Sankt Petersburg das erste Gruppenspiel gegen Belgien wartet. Der Heimvorteil hatte die Russen bereits bei der WM 2018 beflügelt, als Teamchef Tschertschessow die Mannschaft bis ins Viertelfinale führte.

KURIER: Welchen Nachhall hatte die Heim-WM 2018?

Stanislaw Tschertschessow: Für den russischen Fußball war dieses Turnier sehr wichtig. Wenn sich das Veranstalterland gut präsentiert, dann löst das eine Euphorie aus. Ich finde, wir haben uns als Land von einer guten Seite gezeigt, es war super organisiert, die Stadien waren voll. Bis zur Siegerehrung nach dem Finale gab es keinen Tropfen Regen. Da hat Gott dann geweint, weil die WM in Russland vorbei war. Wir erleben, dass seither viele junge Spieler in die Fußball-Akademien gehen. Und für mich persönlich war die WM natürlich auch nicht schlecht.

Sie erhielten einen Orden und einen neuen Vertrag. War Ihre Mission mit dem WM-Viertelfinale nicht erfüllt?

Wenn das Land mich will und mich fordert, dann kann man nicht Nein sagen. Wenn du Teamchef im eigenen Land sein kannst, dann stellt sich die Frage nicht. Ich musste weitermachen. Und dieser Job ist für mich auch eine Herzensangelegenheit.

Wie ist das Leben als Teamchef und berühmte Persönlichkeit in Russland?

In der eigenen Wohnung kann ich mein eigenes Leben führen, draußen ist es ab und zu schwieriger. In den Wochen nach der WM war es teilweise extrem und anstrengend, weil man dann ja doch mit den Fans reden und sich Zeit nehmen sollte. In letzter Zeit war’s besser, aber das lag auch an Covid.

Der Tormann

Stanislaw Tschertschessow (*2. September 1963 in Alagir) begann seine Tormann-Karriere bei Spartak Moskau. 1993 wechselte er zu Dynamo Dresden und hütete zwei Saisonen lang das Tor des deutschen Vereins. 1996 kam er zum FC Tirol und wurde dort Publikumsliebling und Kultspielte. In seinen sechs Jahren in Innsbruck wurde Tschertschessow drei Mal Meister. Danach kehrte er noch einmal zu seinem Stammklub Spartak Moskau zurück. Der Russe spielte 50 Mal für das Nationalteam seiner Heimat.

Der Trainer

Tschertschessow startete seine Trainerlaufbahn beim Regionalligaverein Kufstein. Von 2004 bis 2006 saß er bei Wacker Innsbruck auf der Bank. Es folgten Stationen bei Spartak Moskau, Sotschi, Grosny und Perm und Dynamo Moskau. 2016 führt er Legia Warschau zum polnischen Meistertitel. Danach übernahm er die russische Nationalmannschaft.

Der Mensch

Tschertschessow ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sein Sohn Stanislaw jun. ist ebenfalls Torhüter, der 26-Jährige stieg mit dem Verein FK Olimp gerade in die höchste russische Liga auf. Die Tschertschessows besitzen eine Wohnung in Rinn bei Innsbruck und sind regelmäßig in Tirol.

 

Wie anstrengend wird es für die Teams, eine EM quer über ganz Europa zu spielen?

Diese Frage kann ja nur ein Tiroler stellen. Denn Tirol ist zwei Meter auf der einen Seite und drei Meter auf der anderen. Als Russe bist du es gewöhnt, lange im Flieger zu sitzen. Nach Wladiwostok sind’s neun Stunden. Bei der WM sind wir nach Sotschi zwei Stunden geflogen. Also werden wir auch zwei Stunden nach Kopenhagen fliegen können. Wo liegt das Problem? Die UEFA hat entschieden, die 60 Jahre EM auf diese Art zu feiern. Das ist grundsätzlich eine gute Idee.

Was ist der Anspruch von Russland? Was ist das Mindestziel?

Ich arbeite Ziel für Ziel ab. Wenn wir jetzt schon über die letzte Hürde denken, dann stolpert man über die erste. Wir sind keine Träumer. Es gibt Nationalteams, die sind Favoriten, die können ihre Ziele klar aussprechen. Aber wir gehören nicht dazu.

Ist eine EM-Endrunde anspruchsvoller als eine Weltmeisterschaft?

Das muss ich bestätigen. Bei einer Weltmeisterschaft hast du immer das eine oder andere Land dabei, das ein bisschen schwächer ist. Das ist bei der EURO anders, das ist sehr anspruchsvoll. Aber früher war es noch schwieriger. Als ich noch gespielt habe, wurde die EM noch mit acht Teams ausgetragen.

Was trauen Sie eigentlich dem österreichischen Nationalteam zu?

Ich habe mir das Spiel gegen Dänemark sehr genau angeschaut, weil die Dänen ja unser Gruppengegner sind. Ich denke, Österreich ist in einer ähnlichen Position wie wir. Es gibt da gute Spieler, aber es geht vor allem darum, aus diesen eine gute Mannschaft zu machen. Aber Österreich ist nicht der Favorit. Beim Skifahren hätte ich gesagt: Da ist Österreich Erster, aber im Fußball müssen sie sich richtig einschätzen. Es geht auch darum, dass die wichtigen Spieler jetzt in Form und topfit sind. Und bitte vergessen wir nicht auf Corona.

Was meinen Sie genau?

Du kannst über Nacht drei infizierte Spieler haben. Und was ist dann? Wir haben so eine Situation bei uns im November erlebt, da sind dann einige ausgefallen und mussten in Quarantäne.

Sind Ihre Spieler geimpft?

Teilweise ja. Aber die meisten Spieler hatten bereits Corona und haben immer noch Antikörper.

Und was ist mit Ihnen?

Ich bin geimpft. Sputnik ist immer da. Der Beste.

Wissen Sie, dass Sputnik in Österreich nicht zugelassen ist?

Warum ist das so? Okay, da geht’s um Politik. Man sollte aber schon objektiv sein. Wenn mich zum Beispiel jetzt jemand fragt, welches Auto besser ist, Mercedes oder Lada.

Was sagen Sie dann?

Dann sage ich natürlich Mercedes. Und wenn ein Sputnik heute der beste Impfstoff ist, dann muss man ihn nehmen und das so objektiv sehen. Wenn morgen dann ein anderer Impfstoff noch besser ist, dann sage ich auch, dass das so ist.

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