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Sport Fußball
05/24/2021

Schiedsrichterin Sara Telek: "Aha, heute pfeift eine Frau"

Die 32-Jährige war zuletzt im Champions-League-Finale der Frauen im Einsatz. Über das Leben als Schiedsrichterin im Männersport Fußball.

von Christoph Geiler

Am vergangenen Sonntag hatte Sara Telek ihren großen Auftritt. Beim Champions League-Finale der Frauen zwischen dem FC Barcelona und Chelsea (4:0) stand die 32-Jährige an der Linie.

KURIER: Ist so ein Champions League-Finale für einen Schiedsrichter Stress pur oder konnten Sie das Spiel auch ein wenig genießen?

Sara Telek: Ich hatte mich seit der Nominierung extrem auf das Match gefreut und immer das Gefühl, dass es super laufen wird. Sobald das Spiel einmal angepfiffen ist, ist man so in der Routine und in seiner Aufgabe drinnen, dass man den Rahmen und das Rundherum vergisst. Ich hab’ das Finale total genießen können. Vor allem nach dem Spiel, wenn man weiß, dass das gesamte Referee-Team seinen Job gut gemacht hat und nicht im Mittelpunkt gestanden ist.

Wie und warum sind Sie überhaupt Schiedsrichterin geworden?

Eher zufällig, weil ich nicht aus einer fußballaffinen Familie komme und erst spät mit dem Kicken angefangen habe. Nach meiner Schulzeit bin ich dann über ein Plakat gestolpert, auf dem eine Schiedsrichterin abgebildet war.

Die ÖFB-Kampagne „Karriere mit Pfiff“.

Genau. Das Image hat mich angesprochen. Wobei ich zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht das Ziel hatte, Schiedsrichterin zu werden. Sondern ich wollte einfach mehr über das Fußballspiel lernen und mir mehr Insiderwissen aneignen. Ich konnte mir damals noch nicht vorstellen, dass ich auf dem Feld stehen und ein Spiel leiten würde. Aber es hat mich gepackt und bis heute nicht mehr losgelassen.

Wie waren denn Ihre ersten Erfahrungen als Schiedsrichterin? Wurden Sie als Frau möglicherweise belächelt und unterschätzt?

Ehrlich gesagt habe ich es gar nicht negativ gesehen, wenn man mich unterschätzt hat.

Tatsächlich?

Ja. Weil ich mir dann immer gedacht habe: Solange mich Leute unterschätzen, kann ich nur positiv überraschen und sie vom Gegenteil überzeugen. Natürlich gab es überraschte Blicke, wenn plötzlich eine Schiedsrichterin aus der Kabine kommt. So nach dem Motto: Aha, heute pfeift eine Frau. Ich hatte aber gerade am Anfang den Eindruck, dass bei Spielern und Trainern fast ein wenig der Schutzinstinkt durchgekommen ist, weil ich so jung war.

Haben Sie auch negative Erfahrungen gemacht?

Es gab schon bei Nachwuchsspielen immer wieder Reaktionen von Seiten der Zuschauer. Das kriegst du natürlich mit, wenn die Eltern teilweise die derbsten Sachen reinrufen, obwohl sie genau sehen, dass die Schiedsrichterin auch noch jung und unerfahren ist. Die Kritik von Müttern hat mich am meisten getroffen, diese fehlende Solidarität unter Frauen konnte ich schwer nachvollziehen.

Haben Sie den Eindruck, dass die Spieler mit einer Schiedsrichterin anders umgehen und sich vielleicht weniger im Ton vergreifen?

Ich glaube, es macht keinen großen Unterschied. Erstens geht es immer um die Leistung, zweitens kommt es auf die Schiedsrichter-Persönlichkeit sowie auch auf die des Spielers an. Es gibt jene, die generell eher derb sind, unabhängig, ob sie jetzt mit einem Schiedsrichter oder einer Schiedsrichterin zu tun haben. Und dann gibt’s Gentlemen, die aber auch Sir gegenüber Männern sind. Ich habe nichts dagegen, wenn ein Spieler mal lauter wird, Fußball ist ja auch Emotion, dann werde ich gegebenenfalls auch lauter. Man versteht sich da gegenseitig auch mit dem Blick und spürt, wenn die Grenze erreicht wird.

Themenwechsel: Wie gehen Sie mit Fehlern um, die Ihnen im Spiel unterlaufen?

Man trifft ja Entscheidungen aufgrund der eigenen Wahrnehmung. Das heißt, man ist von seiner Entscheidung überzeugt. Natürlich kann eine schlechte Perspektive oder Reaktionen Zweifel hervorrufen beziehungsweise eine mögliche Fehlwahrnehmung vermuten lassen. Jedoch lernst du als SchiedsrichterIn von Beginn an: Wenn im Spiel ein Fehler passiert, nicht den Fokus verlieren, die Entscheidungen abhaken und weiter machen! Du hast die Entscheidung bereits getroffen.

Für das Aufarbeiten und die Analyse ist nach dem Spiel genug Zeit. Es werden immer wieder mal Fehler passieren, mit der Erfahrung und den Jahren reduzieren sie sich. Wenn man Glück hat, sind es Szenen, die unbedeutender sind. Je nachdem, wann, wie und wo ein Fehler passiert und ob dieser in der Öffentlichkeit überhaupt auffällt oder nur selbst wahrgenommen wird, ist die Aufarbeitung unterschiedlich fordernd. Es ist auf jeden Fall wichtig und hilfreich, die eigene Leistung nach jedem Spiel zu hinterfragen und zu analysieren.

Bald beginnt die EM. Können Sie privat ein Spiel noch normal anschauen, oder blicken Sie immer mit den Augen einer Schiedsrichterin auf das Geschehen?

Früher, als ich noch keine Schiedsrichterin war, bin ich oft richtig reingekippt in die Spiele. Da habe ich mich von der Emotion anstecken lassen und war ganz anders gefesselt als heute. Durch die Schiedsrichterei wirst du zwangsläufig neutraler. Ich merke schon, dass ich alles viel trockener betrachte und aus einem anderen Blickwinkel. Ich lege Wert auf andere, für Außenstehende vielleicht unwesentliche Details.

Zum Beispiel?

Die Zusammenarbeit des Schiedsrichterteams. Die Körpersprache der Schiedsrichter. Und mir ist aufgefallen, dass ich gewisse Sachen, wie zum Beispiel Entscheidungsfindungen und spielregelbezogene Kenntnisse, sehr schnell erkenne und antizipiere. Bei Freunden, die diesen Blick nicht haben, dauert das oft einige Sekunden länger.

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