Sport | Fußball
14.08.2018

Rapid-Sportdirektor Bickel: "Die Mannschaft ist extrem"

Klartext von Fredy Bickel: Über die Krise, den Trainer und die Mannschaft zwischen Überheblichkeit und Depression.

So schnell geht’s nur bei Rapid: Vor zwei Wochen, nach dem 3:0 gegen die Admira, wurde die Tabellenführung gefeiert. Zwei Unentschieden in der Liga und ein 1:2 in Bratislava später wird von vielen Fans bereits der Kopf des Trainers gefordert.

Präsident Michael Krammer forderte via Sky vorerst „nur“ eine Erklärung vom Trainerteam für die immer schwächer werdenden Leistungen. Nach dem 0:0 gegen den WAC mit einem einzigen Torschuss in Minute 7 wurde stundenlang diskutiert und analysiert. Am längsten sprach Krammer mit dem von ihm sehr geschätzten Sportdirektor Fredy Bickel.

Das Ergebnis: Die Klubführung glaubt nach einem reinigenden Gewitter an die Wende gegen Slovan (Hinspiel 1:2) am Donnerstag (20.30 Uhr) mit Trainer Goran Djuricin. Im KURIER-Interview zeigt sich Bickel auffällig selbstkritisch, aber auch mit dem Glauben an das Ende der Negativspirale in der so wichtigen Qualifikation für die Europa League.

KURIER: Haben Sie Erklärungen für den massiven Leistungsabfall mit dem 0:0 gegen den WAC als Tiefpunkt?

Fredy Bickel: Der Rückfall bei den Spielen davor ist erklärbar, da gibt es unterschiedliche Gründe, die nicht alle in die Öffentlichkeit gehören. Gegen den WAC ist es hingegen ein kollektives Versagen. Ich habe Probleme kommen sehen. Aber dass wir so schnell in eine Nicht-Leistung fallen, überrascht mich. Das ist auch nicht alles zu 100% erklärbar. Das gebe ich zu.

Wer ist schuld?

Wir alle müssen uns hinterfragen. Die Spieler, das gesamte Trainerteam, der Staff rundherum – und auch ich nehme mich nicht aus. Wir müssen uns gemeinsam aus der Negativspirale befreien.

Wo liegen Ihre Fehler?

Die neuen Spieler haben Qualität, davon bin ich überzeugt. Aber ich muss mich kritisch fragen, ob sie auch in dieser Zusammenstellung perfekt passen.

Die Neuen sind alle hochbegabt, aber nicht stabil und kampfstark ...

... das kommt hin, wobei ich es nicht „kampfstark“ nennen würde. Es geht eher darum, ob wir bei den Persönlichkeiten ausgewogen genug sind.

Nach dem 0:0 gab es erstmals „Gogo raus“-Rufe gegen Djuricin. Hat Sie das überrascht?

Nein, aber es ist ein Alarmsignal. Ich habe nach dem Start schon gesagt, dass es zu früh ist für Einschätzungen. Es ist nicht die Zeit, um mit dem Finger auf einen zu zeigen. Ich meine es ernst: Jeder muss sich hinterfragen, der Trainer und jeder einzelne Spieler, genauso wie ich.

Haben Sie an einen Schnellschuss gedacht, um mit einem Interimstrainer den Aufstieg gegen Slovan zu retten?

Ich habe in meiner Karriere nie einen Schnellschuss gemacht, und ich werde auch keinen machen. Es muss allen klar sein: Mit einem Trainerwechsel wäre jetzt nicht alles geklärt. Da geht’s auch um tiefer liegende Probleme.

Ist das Ihre bisher heikelste Situation bei Rapid?

Es war schon öfters heikel, etwa beim letzten Trainerwechsel mit der Abstiegsgefahr. Aber damals gab es einen klaren Bruch zwischen der Mannschaft und dem Trainer. Das ist jetzt nicht so. Es ist etwas speziell, weil es um vier, fünf Dinge geht, die uns in diese Negativspirale gebracht haben.

Was ist in der Mannschaft los?

Der Umgang und der Zusammenhalt stimmen, es ist nichts Gröberes vorgefallen. Jetzt sind wir im Alarm-Zustand, das wurde auch mir gegen den WAC drastisch vor Augen geführt. Ich habe nach meinen Beobachtungen vor zwei, drei Wochen Dinge intern angesprochen, die ich nach dem guten Start nicht intensiv genug verfolgt habe. Das nehme ich auf mich.

Was meinen Sie konkret?

Diese Mannschaft ist extrem: Bei großem Lob wie nach dem starken Start neigt sie zur Überheblichkeit, bei harter Kritik ist der Hang zur Depression groß.

Das heißt, nach der letzten Kopfwäsche herrscht in der Mannschaft Depression?

Es geht in die Richtung. Umso mehr muss sich jeder selbst in Frage stellen, die klaren Worte intern auf- und annehmen und sich sofort so einbringen, dass jeder Einzelne dem Team helfen kann. Ich erwarte eine gemeinsame „Jetzt-erst-recht“-Stimmung und kein Selbstmitleid.

Haben Sie Angst vor dem Zusammenbruch nach einem Aus Donnerstagnacht?

Nein. Das ist eine große Chance, diese Negativspirale zu stoppen. Wenn wirklich jeder Einzelne ehrlich über die Bücher geht, können wir uns aus dieser Lage gemeinsam selbst befreien. Und das erwarte ich auch.

Sind Sie wirklich zuversichtlich – oder sind das nur Durchhalteparolen?

Auch wenn es aktuell nicht so aussieht: Wir haben genug Charakter in dieser Mannschaft. Wenn jeder selbstkritisch ist und die richtigen Schlüsse aus seinen Erkenntnissen zieht, haben wir sicher genug Potenzial, um gegen Slovan aufzusteigen. Davon bin ich überzeugt.