Emotionaler Typ: Ralph Hasenhüttl war in der vergangenen Saison öfter außer Rand und Band. Der FC Ingolstadt ist auch dank ihm erstmals in der Bundesliga am Ball.

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Ralph Hasenhüttl
07/20/2015

"Ich sehe für mich als Trainer keine Limits"

Ralph Hasenhüttl gelang mit dem FC Ingolstadt der Aufstieg in die Bundesliga. Der Steirer spricht über seine Karriere, sein Erfolgsrezept und seine Ziele als Trainer.

von Christoph Geiler, Wolfgang Winheim

Die Gäste im Schloss Mittersill konnten in der vergangenen Woche Augen- und Ohrenzeugen eines besonderen Schauspiels werden.Wie oft bekommt man schon einen Bundesligatrainer zu sehen, der sich am Abend hinter das Klavier setzt und seine Fingerfertigkeit unter Beweis stellt. Nicht nur wegen seiner musikalischen Ader ist Ralph Hasenhüttl, der Coach von Aufsteiger Ingolstadt, eine besondere Erscheinung.

KURIER: Ein Trainer, der Klavier spielt, hat Seltenheitswert.

Ralph Hasenhüttl: Ich setze mich meistens ans Klavier, wenn ich runterkommen will. Das ist vor allem dann wichtig, wenn es mal nicht so läuft und es schwer fällt, richtig abzuschalten. Ein verlorenes Spiel beschäftigt dich als Trainer ja vielmehr als ein gewonnenes. Weil du dann die richtigen Schlüsse ziehen musst. Kann also gut sein, dass in diesem Jahr bei uns daheim mehr Klavier gespielt wird und ich nach dieser Saison mehr Stücke beherrsche (lacht).

Welche Rolle will, welche Rolle soll der FC Ingolstadt spielen?

Im Ernst: Wir wollen jedenfalls eine Bereicherung für die Bundesliga sein. Und das meine ich jetzt nicht nur sportlich, sondern auch in der Art und Weise, wie wir rüber kommen. Wir haben sicher nicht den größten Anhang, aber einen, der sich gut zu benehmen weiß.

Ein Aufsteiger also, dem die Herzen zufliegen, wie in den vergangenen Jahren Braunschweig und Paderborn?

Ich glaube nicht, dass wir eine große Lobby haben werden. Die hatten wir in der zweiten Liga auch nicht. Aber die brauchen wir auch nicht. Wir müssen nicht von allen geliebt werden und wollen auch nicht als super, sympathische Truppe dann wieder absteigen. Wir sind gekommen um unangenehm und ekelhaft zu sein, da ist mir auch jedes Mittel recht. Wobei ich eines jetzt schon versprechen kann.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir der Prügelknabe werden"

Nämlich?

Dass wir uns nicht hinten einigeln und mit elf Mann verteidigen werden. Wir wollen mutig und offensiv auftreten. Natürlich ist mir klar, dass das nicht immer funktionieren wird – aber egal: wir wollen das durchziehen. Wahrscheinlich werden wir mehr Partien verlieren als in der letzten Saison,. Aber ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass wir der Prügelknabe werden. Ich weiß, dass wir nicht absteigen werden.

Von manchen Fußballfans wurde der FC Ingolstadt kritisch beäugt. Stichwort Werksklub.

Wir stehen jetzt in einem ganz anderen Fokus. Früher haben wir uns immer beschwert, dass wir gar nicht wahrgenommen worden sind. Und dass wir kein Werksklub sind, haben wir immer schon gesagt. Nur hat uns das lange keiner geglaubt. Viele haben ja gedacht, wenn wir aufsteigen, dann wird’s richtig krachen und Audi wird die Schatulle aufmachen. Nichts davon ist passiert, es wird wie in der Vergangenheit nachhaltig gearbeitet. Ich erinnere nur daran, dass wir letzten Sommer bei den Transfers mehr eingenommen haben als ausgegeben. Das adelt uns.

Sie setzen auf Österreicher. Mit Markus Suttner spielt jetzt bereits der dritte Österreicher in Ingolstadt.

Da Lustige ist ja, dass ich diese Spieler zuvor nicht einmal richtig kannte. Ich bin schon so lange weg aus Österreich und habe die Liga auch dementsprechend wenig verfolgt. Unser Glück ist Thomas Linke, der aus seiner Zeit in Salzburg den perfekten Überblick hat. Ich persönlich habe Hinterseer nur einmal live gesehen, bei Suttner war’s genauso. Aber ich vertraue da der Scouting-Abteilung. Wir haben Leute, die einen Spieler 17 Mal im Jahr beobachten, es wäre unprofessionell und unseriös, wenn ich mir da nach einer Beobachtung ein Urteil erlauben würde.

"Der österreichische Fußball wurde nicht ganz voll genommen"

Österreichische Fußballer scheinen in Deutschland ohnehin im Trend zu sein. Spüren Sie den Imagewandel?

Ich kann mich schon noch gut an die Zeiten erinnern, als ich bei den Bayern Amateuren war und der Trainer Hermann Gerland noch gesagt hat: ,Mit Österreichern kannst du nichts gewinnen.’ Damals ist der österreichische Fußball anders wahrgenommen worden, er wurde belächelt und nicht für ganz voll genommen. Da gab es auch so Aussagen von Franz Beckenbauer wie: ,wir spielen ja nicht gegen Österreich, deshalb kann man schon einmal verlieren.’ Mittlerweile merkt man, dass durch die vielen Legionäre und Erfolge der österreichische Fußball endlich den Stellenwert erfährt – auch in Österreich.

Apropos Österreich: War eine Rückkehr in Ihre Heimat denn nie ein Thema?

Mich hätte gereizt, am Ende meiner Karriere noch einmal in Österreich zu spielen. Nur um zu zeigen, was ich in den Jahren im Ausland alles dazugelernt habe. Und das war nicht wenig. Meine Frau hat mir aber davon abgeraten. Sie hat gemeint: ,Was willst du mit 35 noch beweisen, das interessiert doch niemanden. Geh lieber deinen Weg in Deutschland.’

Rückblickend war es die richtige Entscheidung.

Natürlich war es die richtige Entscheidung. Wenn ich damals zurück nach Österreich gegangen wäre, dann wäre ich heute wahrscheinlich nicht in der Bundesliga. Du kommst ja von Österreich aus nicht so schnell und leicht wieder nach Deutschland. Es war zu Beginn für mich als Trainer eine schwierige Situation: weil du weißt, dass du nur eine Chance hast. Wenn du die nicht nützt, wenn das daneben geht, dann bist du weg.

Das muss für Sie bei Ihrer ersten Trainer-Station in Unterhaching ja ein extremer Druck gewesen sein.

Es ist nicht gelogen, wenn ich erzähle, dass ich in den ersten beiden Wochen nassgeschwitzte Hände hatte. 24 Stunden am Tag. Du stellst dir in dem Moment, wenn du da erste Mal in der Verantwortung stehst ja die Frage, ob du dir das wirklich zutraust. Habe ich das überhaupt drauf? Es war eine komplett neue Erfahrung sich vor eine Mannschaft hinzustellen und eine Philosophie zu vermitteln, die einem zu dem Zeitpunkt selbst noch gar nicht so klar ist.

"Ich hatte in meiner Karriere auch viele schlechte Trainer"

Was war und ist Ihr Erfolgsrezept?

Es hilft schon einmal dramatisch eine Mannschaft zu führen, wenn man Menschen liebt, wenn man sich gerne mit Menschen abgibt, sich mit ihnen austauscht und auf sie eingeht. Einfühlungsvermögen ist in allen Führungspositionen wichtig. Wenn man heute meine Spieler danach fragt, was sie am meisten an mir schätzen, dann ist es wahrscheinlich meine Menschlichkeit. Was für mich selbstverständlich ist, weil als ich Spieler genauso behandelt werden wollte, wie ich es jetzt mit meinen Spielern praktiziere. Ich hatte in meiner Karriere viele gute Trainer, aber auch viele schlechte Trainer. Ich tu’ mich im Umgang mit den Spielern sehr leicht, weil ich als Fußballer sehr viele Sachen erfahren habe müssen, die nicht angenehm und schön waren.

Gewähren Sie uns Einblick.

Ich habe als Spieler zum Beispiel eine Zeit gehabt, wo ich ein ganzes Jahr nur auf der Bank gesessen bin. Wo ich sehr viel Kritik einstecken habe müssen, weil ich aus einem halben Meter Entfernung übers Tor geschossen habe. Darum kann ich heute mit Kritik ganz anders umgehen. Das was ich damals erlebt habe, waren solche brutalen Prügel, von den Fans, von den Medien, aber das hat mich geprägt. Ich habe mir in meiner Karriere als Spieler und Trainer immer alles hart erarbeiten und erlernen müssen, aber im Endeffekt hat es mich zu dem gemacht, was ich heute bin.

Macht das Ihren Erfolg wertvoller, oder haben Sie manchmal Trainerkollegen beneidet, die bereits mit 40 Jahren einen Bundesligaverein trainieren durften?

Ich hätte mir meine Entwicklung als Trainer nicht besser und schöner vorstellen können. Als ich meinen ersten Trainerkurs machte, da hatte ich überhaupt keine Ahnung von der Materie. Ich habe mich nach oben gearbeitet, und die Erfahrungen, die ich in der dritten Liga gesammelt habe, waren unglaublich lehrreich. Du wirst nur ein besserer Trainer, wenn du auch als Trainer arbeitest und nicht nur von außen zuschaust. Was ich heute über den Fußball weiß, ist so viel mehr als vor sechs Jahren. Damals hätte ich als Trainer noch lange nicht das Zeug gehabt für die Bundesliga.

Jetzt treffen Sie plötzlich auf Trainerkollegen wie Guardiola, Favre, Tuchel. Verspüren Sie eine Anspannung und Aufregung?

Klar ist die Aufmerksamkeit jetzt eine andere. Es gibt viele Trainer, gegen die ich noch nicht gespielt habe. Ich kenne die Bundesliga, aber genau geschaut habe ich das noch nicht. Aber gerade das ist ja auch so interessant. Sich mit den Besten zu messen ist eine tolle Herausforderung.

Gibt es denn Vereine, die Ihnen als Vorbild dienen und an denen Sie Sich als Trainer orientieren?

Es gibt Mannschaften, die mich faszinieren. Zum Beispiel Salzburg zu der Zeit, als Roger Schmidt dort Trainer war. Das war unglaublich begeisternder Fußball, so stelle ich mir Fußball vor, so möchte ich auch spielen. Mich fasziniert immer, wenn Mannschaften mit vermeintlich weniger Qualität Teams schlagen, die am Papier besser sind. Das ist dann eine große Trainerleistung. Was jetzt aber keineswegsheißen soll, dass es nicht eine weniger große Leistung ist, wenn du mit einem Topteam wie den Bayern den Meistertitel holst.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass Ihre zwei Jahre als Spieler bei den Bayern-Amateuren die lehrreichste Zeit gewesen sei. Inwiefern?

Es war interessant zu sehen, wie weit Spieler mit 18, 19 Jahren sind, und was sie in dem Alter können müssen, um später einmal Weltklasse zu werden. Schweinsteiger, Lahm, Misimovic, Trochowski – da waren damals wirklich sehr gute Spieler dabei. Hermann Gerland war als Trainer gnadenlos: der hat genau geschaut, wer in der Lage ist, sich gegen Widerstände durchzusetzen, wer sich nicht unterkriegen lässt. Viele haben der brutalen Auslese nicht stand gehalten, aber die, auf die er gesetzt hat, die haben es geschafft.

Wie etwa Philipp Lahm.

Ich habe ihn das erste Mal im Massageraum gesehen. Er war 19, hat aber für mich eher ausgesehen wie 16, und ich hab’ mir nur gedacht: ,Puh, und von dem schwärmen jetzt alle?’ Bis ich ihn dann das erste Mal spielen gesehen habe. Dann war mir klar, dass das einer wird. Der hat damals schon keinen Fehler gemacht.

Abschließend: Wo wird Ihre Trainerlaufbahn noch hinführen?

Meine Frau hat schon früh zu mir gesagt, dass ich es einmal als Trainer weiter bringen werde, als zu meiner Spielerzeit, weil ich als Fußballer meine Limits hatte. Körperlich oder spielerisch. Diese Limits sehe ich als Trainer für mich nicht. Ich weiß, dass ich ein bisschen was über den Fußball weiß. Ich weiß, dass ich gut mit Menschen umgehen kann. Deshalb sehe ich keine Limits.

Der Spieler

Ralph Hasenhüttl (*9. August 1967 in Graz) begann seine Karriere als Verteidiger, wurde aber bald zum Stürmer umfunktioniert. Vom GAK aus führte sein Weg zur Austria und nach Salzburg (insgesamt vier Meistertitel). Der Steirer spielte auch noch in Belgien (Mechelen, Lierse), wurde Zweitligameister mit Köln, ehe er seine Laufbahn bei Fürth und den Bayern Amateuren (mit den Talenten Lahm, Schweinsteiger) ausklingen ließ. Hasenhüttl spielte acht Mal für das Nationalteam (drei Tore).

Der Trainer

Hasenhüttl diente sich bei Unterhaching vom Jugend- zum Chefcoach (2007 bis 2010) hoch. 2011 übernahm er den VfR Aalen, den er in die zweite Liga brachte. 2013 verließ der Steirer Aalen und landete nach einer kurzen Auszeit in Ingolstadt. Den bayrischen Klub führte er vom letzten Platz innerhalb von 18 Monaten in die 1. Bundesliga.

Der Familienmensch

Ralph Hasenhüttl ist mit Sandra, einer Steirerin, verheiratet. Er hat zwei Söhne. Patrick (18) stürmt seit dieser Saison für Ingolstadt (A-Jugend) und gehört dem ÖFB–Nachwuchskader an.

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