© Strecha Alexander

Sport Fußball
02/11/2019

Prohaska: "Natürlich hat Rapid gegen Inter eine Chance"

Herbert Prohaska plauderte vor dem Europa-League-Duell über seine Inter-Zeit in Mailand.

von Alexander Strecha, Wolfgang Winheim

Es gibt einen Klassiker unter den Prohaska-Anekdoten aus seiner Inter-Zeit in Mailand. Eine Geschichte, 1000-mal erzählt, 1000-mal wurde gespannt gelauscht und herzlich gelacht. Signor Prohaska speiste einst mit seiner Frau beim Italiener, wenig verwunderlich in Mailand, und erblickte wenige Tische entfernt Sänger- und Schauspielstar Adriano Celentano.

Prohaska wollte ein Autogramm, seine Frau gemahnte, Herrn Celentano doch in Ruhe zu lassen. Da kam der Kellner zu Prohaska. „Entschuldigen Sie die Störung, doch der Herr Celentano hätte gern ein Autogramm von Ihnen. Er ist großer Inter-Fan.“

Vor dem Europa-League-Duell Rapid gegen Inter Mailand am Donnerstag in Wien traf der KURIER Herbert Prohaska in Klosterneuburg im Kaffeehaus Veith – und fragte den 63-Jährigen bewusst nicht nach Herrn Celentano.

KURIER: Herr Prohaska, gibt es überhaupt noch eine Anekdote aus Mailand, die Sie noch nicht erzählt haben?

Herbert Prohaska: Das kann ich mir nicht vorstellen, wenn, dann müsste ich eine erfinden. Meine Frau sagt immer: Das habe ich schon 1000-mal gehört. Wobei, kennen Sie die Geschichte mit dem Christbaum?

Die dürfte uns entgangen sein. Wären Sie so nett?

Also. Im ersten Jahr sind wir zu Weihnachten nach Wien gefahren, im zweiten Jahr wollten wir in Mailand bleiben und dazu einen richtig schönen Christbaum haben, Tanne oder Fichte. Die Italiener hatten aber immer nur Föhren in Töpfen oder Plastikbäume, fürchterlich hässlich. Daher habe ich unseren Zeugwart gefragt, wo ich denn einen schönen Christbaum bekommen könnte. Und er hat gemeint, dass er sich darum kümmern würde. Am Tag darauf ist er mit zwei Tannen da gestanden, eine für mich, eine für ihn. Ich fragte ihn, woher er die hätte. Er: Das willst du nicht wissen.

Wieso das?

Man muss wissen, dass sich in der Nähe unseres Trainingszentrums ein Wald mit einigen Villen von Millionären befanden, die meisten Inter-Fans. Der Zeugwart ist in der Nacht über einen Zaun gesprungen und hat bei einem Millionär tatsächlich zwei Bäume abgesägt. Vom Zeugwart konnte ich alles haben.

Was denn noch?

Zum Beispiel eine Sandkiste für meine kleine Tochter auf der Dachterrasse, die sie mit einem Flaschenzug auf die Terrasse befördern mussten. Besagter Zeugwart hat mir dann extra Meeressand dafür gebracht, weil der seiner Erklärung nach schwerer ist und bei Wind nicht weggeweht wird.

Auch bei den Inter-Fans waren Sie durchaus beliebt.

Es gab da einen speziellen Fanklub, die „Boys“. Die wollten immer nur zwei, drei Spieler zu Treffen einladen, der Rest der Mannschaft war ihnen egal. Für mich war es ein Ritterschlag, dass ich eine Einladung erhielt. Dort bin ich dann ungefähr 300 Jahren Häf’n gegenüber gesessen (lacht).

Ihr Einstand bei Inter war beeindruckend mit einem 5:2 im Test gegen Mönchengladbach im San-Siro-Stadion.

Mein Gegenspieler war Lothar Matthäus, ich habe drei Tore geschossen. Für mich war das extrem wichtig. Liebling und Spielmacher war Beccalossi, ein überragender Kicker, der allerdings mehr für die Zuschauer als für das Team spielte. Er schoss die ersten zwei Tore, ich dann zwei und mein drittes aus einem Elfer. Die Zeitungen haben danach nur über mich geschrieben.

Sie haben auch für Roma gespielt. Lieben Sie beide Klubs gleich?

Anders. Inter ist als Klub größer als Roma, war er immer. Der Druck war in Mailand zehnmal größer, weil sie dort noch immer in den erfolgreichen 1960er-Jahren gelebt haben. Hast du daheim nur unentschieden gespielt, hat keiner von den Funktionären mit dir reden wollen.

Und wie war’s dann in Rom?

Das war der Süden, immer lachen und singen, gleich ob du gewonnen hast oder nicht. Nach einer Niederlage gegen Juve habe ich den Kopf hängen lassen. Da haben meine Kollegen gesagt: Bist du schon ganz deppert, glaubst du wir sind unschlagbar? Wir gehen jetzt gut essen und basta. Das war eher meine Mentalität.

Dabei sorgten Sie in Rom für einen Skandal, weil Sie Trainer Lidholm abgeschossen haben.

Stimmt. Vor dem Training haben wir aufs Tor geschossen. Der Zugang zum Platz war ein schmaler Weg, durch zwei Bäume hindurch. Ich habe aufs Tor geschossen, in dem Moment schreitet der Trainer durch die beiden Bäume, ich treffe ihn genau im Gesicht, und Lidholm hat es durch zwei Zypressen zurück gehaut. Wenig später ist er mit einem verbundenen Auge erschienen. Die Bilder waren am nächsten Tag auf einigen Titelseiten, weil wie zumeist etliche Fotografen bei unserem Training waren.

Dennoch genossen Sie ein Privileg. Für Sie war die Kabine angeblich keine rauchfreie Zone.

Stimmt. Roberto Pruzzo, Bruno Conti und ich durften in der Kabine rauchen. Ich habe das erst riskiert, als ich gemerkt hatte, dass Conti raucht und dass es für ihn, den Weltmeister, keine Konsequenzen gibt. Da habe ich mir auch eine angezündet.

Zurück in die Gegenwart: Hat Rapid im Sechzehntelfinale der Europa League am Donnerstag gegen Inter überhaupt eine realistische Chance?

Natürlich. Inter hat das letzte Heimspiel vor einer Woche 0:1 gegen Bologna verloren. So gut wie Bologna ist Rapid auch. Wenn die Mailänder ihre Qualitäten ausspielen, sind sie selbstverständlich klarer Favorit, aber das tun sie derzeit ja nicht. Und wenn ich in der Zeitung sehe, dass Stürmerstar Icardi den Trainer nicht eines Blickes würdigt, dann ist das kein gutes Zeichen. Im Cup ist Inter ausgeschieden, auf den Meistertitel haben sie keine Chance. Bleibt nur die Europa League. Aber Inter ist es auch aus finanziellen Gründen wichtiger, in der Liga unter den ersten vier zu landen, um sich für die Champions League zu qualifizieren. Daher werden sie gegen Rapid wohl nicht mit der besten Garnitur antreten, sondern einige Stammspieler schonen. Und die Ersatzbank ist nicht aufregend gut.

Derzeit spielt von den italienischen Klubs nur Juventus in der europäischen Spitze eine Rolle. Wann gibt es eine Renaissance der Mailänder Klubs, die eine Zeit lang den europäischen Fußball beherrschten?

Juventus, Inter, Milan – das sind die drei Großen in Italien. Dahinter kommen Roma und Napoli, danach Traditionsklubs wie Fiorentina und Sampdoria Genua. Der Berlusconi beim AC Milan und der Moratti bei Inter haben lange ihr Geld in die Klubs gesteckt, waren sehr engagiert. Irgendwann hatten sie genug davon. Das Problem ist, dass die Klubs vor allem gegen die Engländer finanziell nicht mehr mitkommen. Vielleicht ist der Wechsel von Ronaldo zu Juventus für andere Topstars ein Zeichen, wieder nach Italien in der Serie A zu wechseln. Nur Juventus Turin hat aktuell das nötige Geld.

Dabei war einst Italien das Schlaraffenland des Fußballs.

In der Zeit, wo ich dort war, hat’s begonnen. Nach meiner Italien-Zeit sind die Besten der Besten nur nach Italien gegangen. Dann noch zu Real Madrid oder Barcelona. Aber die Deutschen und die Engländer waren im Vergleich dazu nirgendwo. Das hat sich alles gedreht. Jetzt hast du Real und Barcelona und die englische Premier League, dann noch den Scheich bei Paris St-Germain. Selbst die Bayern, wirtschaftlich für mich der am besten organisierte Klub, kommen da nicht wirklich mit.

Inter spielt nach wie vor im San Siro. Nicht modern, aber immer noch imposant, oder?

Absolut. Es wird zwar immer ein Neubau diskutiert, aber wer weiß, ob die chinesischen Eigentümer überhaupt Interesse daran haben. San Siro in Mailand, das Bernabéu von Real Madrid oder Camp Nou in Barcelona, das sind Paläste. So muss es auch bleiben.