Sport | Fußball
23.07.2018

Özils Abschied aus DFB-Team tritt Integrationsdebatte los

Die deutsche Politik reagiert auf den emotionalen Rücktritt Mesut Özils besorgt - aus der Türkei kommt Unterstützung.

Seit dem Bekanntwerden seines Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan stand Mesut Özil im Kreuzfeuer der Kritik: Er solle nicht mehr für das DFB-Team nominiert werden, er trage allein die Schuld am peinlichen Vorrunden-Aus des Ex-Weltmeisters bei der WM in Russland. Am Sonntag zog Özil die Reißleine - und trat nach einer furiosen Abrechnung mit den Medien, Sponsoren, dem DFB und insbesondere dessen Präsidenten Reinhard Grindel aus der deutschen Nationalmannschaft zurück.

Hoeneß wettert

Bayern-München-Präsident Uli Hoeneß ließ eine regelrechte Schimpftirade in Richtung Özil los: "Wann hat er das letzte gute Länderspiel gemacht?", fragte Hoeneß. Sportlich habe der 29-Jährige "schon lange nicht mehr geglänzt und seit Jahren keine Leistung mehr in der Nationalmannschaft gezeigt. Mesut Özil hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto."

Hoeneß sieht den Rücktritt von Özil als Chance für den DFB. Ein Neuanfang ohne Özil sei das Beste, was passieren könne, so Hoeneß. "Er hat nur gegen San Marino geglänzt. Und jetzt sollen Jöw, Bierhoff und Grindel schuld sein?"

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"Rückschlag für Integration"

Theo Zwanziger, früherer Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, bedauerte den Rücktritt von Özil aus der deutschen Nationalmannschaft und befürchtet Konsequenzen nicht nur im Fußball. "Ich bin tief traurig über die von Mesut Özil getroffene Entscheidung", sagte Zwanziger zur dpa. Der Rückzug des türkischstämmigen Weltmeisters sei "für die Integrationsbemühungen in unserem Land über den Fußball hinaus ein schwerer Rückschlag. Er war ein großes Vorbild für junge Spielerinnen und Spieler mit türkischem Migrationshintergrund, sich auch in die Leistungsstrukturen des deutschen Fußballs einzufinden."

Özil hatte am Sonntag seinen Rücktritt verkündet und dies mit einem Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit begründet. In diesem Zusammenhang kritisierte er den DFB und dessen Präsidenten Reinhard Grindel scharf. Özil und sein ebenfalls in England spielender Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündogan hatten sich im Mai wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl in der Türkei in einem Londoner Hotel mit Erdogan getroffen und ihm Trikots von ihrer jeweiligen Vereinsmannschaft überreicht.

Dies war in Deutschland scharf kritisiert worden, unter anderem als Wahlkampfhilfe für Erdogan, dem ein autoritärer Kurs und Missachtung von Menschenrechten vorgeworfen wird. Die Affäre überschattete die WM-Vorbereitung der Nationalmannschaft und war auch während des Turniers in Russland Dauerthema. Nach dem deutschen Ausscheiden schon in der Vorrunde hielt die Kritik an, und DFB-Manager Oliver Bierhoff und DFB-Präsident Grindel forderten von Özil eine öffentliche Erklärung.

Noch ausständig ist eine Reaktion des DFB auf die schwerwiegenden Anschuldigungen von Özil gegen den Verband und insbesondere gegen dessen Präsidenten Grindel. Özil hatte Grindel Rassismus vorgeworfen und ihm maßgeblich die Schuld an der Debatte gegeben. "In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir siegen, aber ein Einwanderer, wenn wir verlieren. Ich werde als 'anders' behandelt. Gibt es Kriterien für das vollständige Deutsch-sein, die ich nicht erfülle? Ist es, weil es die Türkei ist [aus der ich stamme]? Ist es, weil ich Moslem bin?"

"Alarmzeichen"

Mit seinem Schritt trat Özil in Deutschland, aber auch in der Türkei eine regelrechte Lawine los: Es sei ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) nicht repräsentiert fühle, so Justizministerin Katarina Barley (SPD) am Sonntag.

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir sagte der Berliner Zeitung, Özils Erklärung zu den umstrittenen Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sei zwar falsch, aber sein Rücktritt tue weh. Das katastrophale Krisenmanagement der DFB-Spitze habe Raum gelassen "für eine unsägliche Debatte von rechts". "Es ist fatal, wenn junge Deutsch-Türken jetzt den Eindruck bekommen, sie hätten keinen Platz in der deutschen Nationalelf."

CDU kritisiert Özil

Der CDU-Politiker und Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Bareiß bezeichnete Özils Vorwürfe von Rassismus und Respektlosigkeit dagegen als deplaziert. "Es ist oft noch ein sehr langer Weg zur Integration und zum Punkt bis sich wirklich alle zu ihrer neuen Heimat bekennen", schrieb er auf Twitter.

"Niemand muss oder soll Wurzeln verleugnen, freilich wünsche ich mir schon auch ein deutliches Bekenntnis für das neue Heimatland", sagte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl ( CDU) der Bild-Zeitung (Montagsausgabe). Er wünsche sich "ein klares Bekenntnis zu unseren Werten", "gerade gegenüber jemandem" wie Recep Tayyip Erdogan, sagte er mit Blick auf das umstrittene Treffen Özils mit dem türkischen Staatschef.

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Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, hält nun sogar die Integrationswirkung der Nationalmannschaft für gefährdet. "Vielfalt in der Nationalmannschaft war ein tolles Vorzeigeprojekt, was durch unfähige Führungskräfte nun zu scheitern droht", schrieb Sofuoglu auf Twitter.

Die Integrationsbeauftragte der Regierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), begrüßte, dass sich Özil nach zwei Monaten des Schweigens endlich erklärt habe. Bei allem Verständnis für die familiären Wurzeln, müssten sich Nationalspieler aber Kritik gefallen lassen, wenn sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben, twitterte die CDU-Politikerin. Diese berechtigte Kritik dürfe aber nicht in pauschale Abwertung von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen.

Türkische Rückendeckung

Unterstützung erfährt Özil unterdessen aus der Heimat seiner Familie. Der türkische Sportminister Mehmet Kasapoglu schrieb am Sonntagabend auf Twitter: "Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen." Auch Justizminister Abdulhamit Gül gratulierte dem gebürtigen Gelsenkirchener mit türkischen Wurzeln, weil dieser mit seinem Rücktritt das "schönste Tor gegen den faschistischen Virus geschossen" habe.

Der Sprecher des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, Ibrahim Kalin, begrüßte Özils Aussage, dass er den türkischen Präsidenten wieder treffen würde. Weiter schrieb er auf Twitter: "Aber stellen Sie sich vor, welchem Druck Herr Mesut in diesem Prozess ausgesetzt war. Wo sind Höflichkeit, Toleranz, Pluralismus geblieben...?!"