Sport | Fußball
23.07.2018

Pressestimmen zu Özil-Rücktritt: "Als Vorbild ist er erledigt"

"Naivität und mangelnde Selbstkritik": Die deutschen Medien gehen mit ihrer ehemaligen Nummer 10 hart ins Gericht.

Die Pressestimmen zu Mesut Özils Rundumschlag gegen Medien, DFB und die deutsche Gesellschaft. 

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Sein Rundumschlag vom Sonntag wird vielen noch lange in den Ohren klingen. Er wird den DFB und seinen Präsidenten Grindel, den Özil offen zum Rücktritt auffordert, noch tiefer in die Krise stürzen. Das Versagen des Verbandes rund um die Causa Özil/Erdogan, verbunden mit dem Versagen in der Aufarbeitung des sportlichen Desasters während der WM könnte selbst einen über alle Maßen selbstgefälligen Verband wie den DFB zu Reaktionen zwingen, die mehr sind als Retusche. In vielem, nicht in allem, ist Özil am Sonntag über das Ziel hinausgeschossen. Grindel offen rassistische Tendenzen zu unterstellen, geht zu weit, auch Özils pauschale Attacken gegen Medien, die in die gleiche Richtung zielen, sind ebenso abstrus wie unverschämt."

Die Welt: "Es ist das eingetreten, was zu befürchten war und sich abgezeichnet hatte: Der Fall Mesut Özil endet mit Verlierern auf beiden Seiten. Mit dem Rücktritt des Spielgestalters verliert die deutsche Fußball-Nationalmannschaft einen in Topform genialen Spieler, einen Ausnahmekönner, einen Weltstar, der technisch einer der besten in der Geschichte des deutschen Fußballs ist. Und Özil selbst verliert Wertschätzung. Ton und Inhalt seiner Rücktrittserklärung wirken zum Teil längst nicht reflektiert und selbstkritisch genug. Es ist sehr schade, dass das Kapitel Nationalspieler Özil so zugeschlagen wird. Es ist ein Rücktritt und Rundumschlag mit enormer Tragweite, der die Krise des deutschen Fußballs verschärfen dürfte."

Der Spiegel: "In Deutschland wird das Denken aber nicht vorgegeben. Hier herrscht Meinungsfreiheit. Und die gilt für AfD-Anhänger genauso wie für Fußballspieler und für viele Erdogan-Fans, die hier leben. Mit ihnen darf und muss man streiten. Aber man darf sie wegen ihrer Positionen nicht von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausschließen. Bei der Kritik an Özil und Gündogan schwang aber von Beginn an mit, dass den beiden Sportlern das "Deutschsein" abgesprochen wurde. Was für eine Anmaßung."

Die Bild: "Özil bedankt sich nicht für die Unterstützung, die ihm die allermeisten Fans stets entgegenbrachten. Er bedankt sich nicht für die bedingungslose Treue bis zum Schluss von Bundestrainer Löw. Und besonders wichtig: Mesut Özil bekennt sich nicht zu Werten wie Meinungsfreiheit oder Toleranz. Werte, für die Deutschland und der DFB stehen - aber der türkische Staatschef Erdogan nicht. Kein kritisches Wort zu Despot Erdogan, kein Wort der Selbstkritik. Stattdessen Wut-Attacken gegen DFB-Präsident Grindel, den er als Rassisten brandmarken und offenbar stürzen will. Wer so über Deutschland denkt, kann nicht für Deutschland spielen. Oder um es mit Özils Worten zu sagen: Genug ist genug."

Kölner Stadtanzeiger: "Özils Erklärung - warum eigentlich auf Englisch? - klingt einnehmend, wenn er auf Respekt und auf die Hochachtung vor dem familiären Erbe verweist, die seine Mutter ihn gelehrt hätten. In Wahrheit spricht daraus eine Art umgekehrter Chauvinismus. Er solle nie vergessen, wo er herkam, habe seine Mutter ihn gemahnt. Was hindert ihn, sich zu erinnern, wo er hingekommen ist? Mindestens so borniert ist Özils Standpunkt, das alles habe nichts mit Politik zu tun, und überhaupt sei er ja bloß Fußballer. Schon im Mai hätte Özil wissen können, dass solche Persönlichkeitsspaltung nicht funktioniert. Im Licht der folgenden Diskussion hätte er es wissen müssen. Sich dem zu verweigern, ist ein Armutszeugnis und ein Affront. Mesut Özil als Vorbild - der Fall ist erledigt."

Flensburger Tagesblatt: "Der türkische Staatspräsident Erdogan baut sich sein eigenes Recht zusammen - ohne Rücksicht auf Verluste tritt er das Völkerrecht mit Füßen, lässt kritische Menschen einfach in den Knast wandern, entlässt Tausende von Beamten, denkt laut über die Wiedereinführung der Todesstrafe nach und, und, und. Nein, Herr Özil, so einem Mann muss und sollte man keinen Respekt zollen, egal, ob man selbst türkische Wurzeln hat oder nicht."

International

Corriere della Sera (Italien): „Er hat das lange Schweigen mit einer Erklärung in drei Teilen beendet, die den Effekt einer Bombe hatte. Er spart niemanden aus: die Medien, die Führung des DFB, die Politiker, die ihm nie eine Geste verziehen hätten, die für ihn nur Respekt für das höchste Amt im Land seiner Familie gewesen sei. Es ist ein schmerzlicher Bruch, voller Groll. Und der ist verheerend für den bereits zerkratzten Mythos einer vielfältigen und bunten Nationalmannschaft, die Symbol für die gelungene Integration in einem siegreichen Deutschland war und die auch fester Bestandteil der politischen Narration von Kanzlerin Angela Merkel war.“

Habertürk (Türkei): „In das Land, in dem er (Özil) Fußball spielt, kommt ein Staatsmann seiner ursprünglichen Heimat - der Präsident - und natürlich kann sich Mesut mit ihm fotografieren lassen. Was ist natürlicher als das? Wenn Mesut an diesem Punkt angelangt ist, dann stellt Euch nur den Druck vor, der auf ihn ausgeübt wurde. Nicht Mesut, sondern die Deutschen haben die Politik in den Sport gemischt. Mesut hat getan, was richtig ist. Und ich denke, Deutschland muss sich bei Mesut entschuldigen. Das Ziel, Özil aus der Nationalmannschaft zu drängen, ist erreicht worden. Der rassistische Kopf, der in Deutschland noch immer im Hintergrund agiert, hat ihn regelrecht zu dieser Entscheidung gezwungen.“

St. Galler Tagblatt (Schweiz): „So nachvollziehbar Özils Kritik im Einzelnen sein mag: Der Fehler liegt letztlich bei ihm selber. Im Unterschied zu anderen türkischen Fußballern, die sich geweigert hatten, zusammen mit dem umstrittenen türkischen Staatschef öffentlich zu posieren, ließ sich Özil gerne einspannen. Dies legt auch seine jetzige Stellungnahme nahe, in welcher es Özil unterlässt, sich auch nur mit einem Wort von Erdogan zu distanzieren. Mit Verlaub, das ist und bleibt ungeschickt.“

Neue Zürcher Zeitung (Schweiz): „Wie Gündogan versuchte Özil, das Treffen als eine Zusammenkunft rein privater Art begreiflich zu machen. Was er allerdings genauso wie sein Mitspieler übersah - oder womöglich übersehen wollte -, ist der Umstand, dass allein schon aufgrund von Erdogans Amt ein politischer Zusammenhang besteht. Gegen diesen Kontext mag Özil sich in seiner Erklärung sträuben - an der öffentlichen Wahrnehmung dürfte sich aber wenig ändern, zumal sich Erdogan seinerzeit im Wahlkampf befand. Durch Özils Rücktritt ist dem DFB, der im Zuge dieser Affäre zu keinem Zeitpunkt souverän gewirkt hat, eine womöglich unliebsame Entscheidung abgenommen worden. Für den geplanten Neuaufbau des DFB-Teams durch den Bundestrainer Joachim Löw könnte sich Özils Demission gar als Chance erweisen. Doch die Erdogan-Affäre hinterlässt im DFB gleichwohl Misstöne.“