© Red BUll/GEPA pictures/ Jasmin Walter

Sport Fußball
07/06/2021

Neo-Salzburg-Coach Jaissle: "Ich bin absoluter Überzeugungstäter"

Wie der 33-Jährige bei seiner ersten echten Tätigkeit im Profifußball die Herausforderungen in Salzburg meistern möchte.

von Christoph Geiler

Für viele kam es eher überraschend, dass Matthias Jaissle in Salzburg die Nachfolge von Jesse Marsch antritt. Der Deutsche ist erst 33 und hat bisher fast ausschließlich Nachwuchsteams betreut.

KURIER: Herr Jaissle, ist es für Sie in Ordnung, wenn wir nicht über Ihr Alter reden?

Matthias Jaissle: Sehr gerne. Sie sind der erste Journalist, der das versucht. Dann bin ich einmal gespannt, ob Sie es auch wirklich durchziehen (lacht).

Glauben Sie denn, dass Sie als vergleichsweise unbekannter Trainer bei einem anderen Bundesligisten auch die Chance  erhalten hätten?

Red Bull Salzburg steht nun einmal für einen mutigen, zugleich auch konsequenten Weg. Insofern war es für mich persönlich nicht die ganz große Überraschung. Christoph Freund hat meine Karriere als Trainer ja doch schon einige Jahre verfolgt. Aber klar: Es freut mich natürlich sehr, dass ich diese Chance erhalte.

Sie haben als Trainer  im Nachwuchs von Leipzig und Salzburg und zuletzt beim FC Liefering gearbeitet, haben sozusagen Stallgeruch: Ist das jetzt ein Startvorteil?

Wenn man wie ich diese, ich nenn’s jetzt einmal Red Bull-DNA, quasi im Blut hat, dann ist das natürlich von Vorteil. Bei mir ist das Ganze sogar noch ein Stück weit extremer ausgeprägt, weil ich als Spieler in Hoffenheim schon mit dieser Art des Fußballs großgeworden bin. Mit dem schnellen Umschaltspiel, dem hohen Pressing, diese Erfahrungswerte kommen mir natürlich zugute. Und auch als Trainer habe ich diese Idee des Fußballs von der Pike auf gelernt. Da bin ich auch ein absoluter Überzeugungstäter.

Sie mussten Ihre Spielerkarriere sehr früh beenden. Wie schnell haben Sie eigentlich gelernt, den Fußball nicht mehr durch die Spielerbrille zu sehen, sondern wie ein Trainer zu denken?

Ehrlich gesagt gar nicht komplett. Natürlich muss ein Trainer auf viele andere Dinge achten als ein Spieler. Trotzdem will ich mir eine gewisse Spielersicht überhaupt nicht abgewöhnen.  Ich sehe das als Vorteil, wenn man immer auch am Radar hat, wie Spieler ticken und welchen Blickwinkel ein Fußballer hat. Das behalte ich mir bei. Ich hätte natürlich gerne selbst bis 35 gekickt, das hat mir leider der Körper nicht erlaubt. Aber der Trainerjob ist ein Beruf, der mich absolut befriedigt, ich gehe darin auf.

Der Fußballer
Matthias Jaissle (*5. April 1988)  spielte im Nachwuchs des VfB Stuttgart und bestritt 60 Partien für die TSG Hoffenheim, ehe er seine Karriere mit 26  Jahren wegen körperlicher Probleme beenden musste.

Der Trainer
Der Deutsche begann als Nachwuchscoach bei RB Leipzig (U-16, U-17), ehe er Co-Trainer bei Bröndby Kopenhagen wurde. In der Saison 2019/’20 betreute Jaissle die U-18-Auswahl von Salzburg, im Jänner übernahm er den FC Liefering und wurde Vizemeister in Liga zwei.

Was muss aus Ihrer Sicht ein Trainer im Jahre 2021 mitbringen?

Das Aufgabenfeld eines Trainers ist mittlerweile dermaßen komplex, dass es nicht mehr reicht, sich einfach nur im Fußball auszukennen.  Der Job hat sich gegenüber früher sicher gewandelt, soweit ich das aus heutiger Sicht beurteilen kann. Das bestätigen mir auch Kollegen, die schon lange dabei sind. Heute sind viel mehr Managementaufgaben zu verrichten, aber wir sind uns sicher auch alle darüber einig, dass heute wie früher ohne die fachliche Kompetenz nichts geht.

Bei Ihren bisherigen Trainertätigkeiten hatten Sie ausschließlich mit jungen Spielern zu tun. Was ändert sich für Sie, wenn Sie jetzt Familienväter und auch ältere Fußballer trainieren müssen?

Ich glaube, jeder unserer Spieler hat einen riesigen Erfolgshunger. Egal ob das jetzt ein Andi Ulmer mit 35 ist oder eben ein deutlich jüngerer Spieler. Du musst sowieso auf jeden Spieler individuell eingehen, das Alter macht da keinen Unterschied.

Es gibt auch in diesem Sommer bei Salzburg wieder ein reges Kommen und Gehen. Wie groß ist die Herausforderung, ein neues Team formen zu müssen?

Hand aufs Herz: Natürlich hätte ich einen Spieler wie Patson Daka gerne weiter im Kader. Aber mir war bewusst, dass es im Sommer einen großen Umbruch geben wird. Andererseits.

Andererseits...

 Zugleich wusste ich    von meiner Tätigkeit beim FC Liefering, dass da Riesentalente nachkommen. Und das sehe ich   auch tagtäglich im Trainingslager hier in Bramberg:  Da schlummert viel Potenzial, das versuchen wir jetzt gemeinsam zu wecken und weiter zu fördern. Dazu ist es auch für die Spieler des bisherigen Kaders die Chance, den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung zu machen und noch mehr Verantwortung zu übernehmen.

Jahr für Jahr hofft die österreichische Konkurrenz darauf, dass Salzburg einmal schwächelt. Warum kommen die Gegner Red Bull Salzburg nicht wirklich näher?

Die Struktur, die der Klub über die Jahre geschaffen hat, ermöglicht es, dass immer wieder Abgänge sehr gut aufgefangen werden.  Die Talente sind auch überzeugt von der Spielphilosophie, weil  sie natürlich auch sehen, welchen Weg  Spieler von Salzburg aus dann eingeschlagen haben.  Die wollen denen nacheifern und eine ähnliche Karriere machen. Ich kann nur soviel sagen: Die Spieler, die vom FC Liefering gekommen sind, fallen im Training überhaupt nicht ab. Die sorgen  eher für Aufsehen und überzeugen. Das macht einfach Spaß.

Ein neuer Trainer bedeutet gerne auch eine neue Handschrift. Sind einem Salzburg-Coach wegen der vorgegebenen Spielidee in dieser Hinsicht die Hände gebunden?

Wenn wir jetzt den Verein als Straße sehen würden, dann sind die Leitplanken rechts und links vorgegeben. Aber innerhalb dieser Leitplanken kann sich ein Trainer frei bewegen und entfalten und hat viele Gestaltungsmöglichkeiten. Natürlich will ich der Mannschaft meine eigene Handschrift geben, so wie es  die Trainer vor mir auch gemacht haben.   Ich bin mir sicher, dass Sie in dieser Saison Dinge sehen werden, die neu sind. Das muss auch so sein, man muss immer wieder neue Inhalte bringen und neue Akzente setzen. Sich zurückzulehnen und einfach nur das zu machen, was vor fünf oder zehn Jahren das Credo war, würde den Verein auf der Stelle treten lassen. Und Stillstand ist bekanntlich Rückschritt.

Ihre erste große Herausforderung ist die Qualifikation für die Champions League. Muss es der Anspruch eines Vereins wie Salzburg sein, jedes Jahr in der Gruppenphase zu spielen?

Red Bull Salzburg steht für hochgesteckte Ziele. Deswegen wollen wir auch in dieser Saison die Gruppenphase der Champions League erreichen. Möglicherweise wird das diesmal wegen des großen Umbruchs ein Stück weit eine größere Herausforderung. Wir wissen, dass das alles andere als eine leichte Aufgabe ist, aber wir gehen das mit vollem Elan an.

Worauf legen Sie persönlich als Trainer wert?

Es gibt schon einige Werte, die ich meinen Spielern immer wieder vermittle und auch selbst vorlebe.  Respekt, Vertrauen, eine offene Kommunikation, der Leistungsgedanke, der nie außer acht gelassen werden sollte.  Das sind einfache Werte, die aber von Zeit zu Zeit geschärft werden müssen.

Wie intensiv verfolgen Sie die EM und haben Sie womöglich in den bisherigen Spielen neue Erkenntnisse gewonnen?

Natürlich verfolge ich die EM-Spiele. Neue Erkenntnisse würde jetzt vielleicht zu weit gehen.  Der Fußball verändert sich ja permanent, das ist ein laufender Prozess. Einmal geht’s Richtung Fünferkette, beim nächsten Turnier wird dann eher auf Viererkette gesetzt.  Was mir sehr wohl aufgefallen ist: Die Spielweise, für die wir als Red Bull Salzburg stehen, kann man  bei der einen oder anderen Mannschaft erkennen. Das sticht mir dann natürlich besonders ins Auge.

Apropos Auge. Die Spiele der österreichischen Bundesliga werden jetzt vom Video Assistent Referee (VAR) überwacht. Wie stehen Sie eigentlich dazu?

Was den VAR betrifft, bin ich noch geteilter Meinung.  Ich bin ja doch eher ein Trainer, der an der Seitenlinie aktiv ist und gerne Emotionen ins Spiel bringt.  Da bin ich einmal gespannt, was passieren wird, wenn ich die ersten Erfahrungen mit dem VAR mache und womöglich ein Tor von uns nach 30 Sekunden aberkannt wird.   Das ist für alle ein Lernprozess, auch für mich als Trainer. Wichtig wird sein, dass man sich dadurch nicht beirren lässt und nicht den Fokus verliert.

Herr Jaissle, dürfen wir zum Abschluss vielleicht doch noch eine klitzekleine Frage zu Ihrem Alter stellen. Hat es Sie irritiert, dass es offenbar so ein großes Thema ist, weil Sie erst 33 sind?

Überhaupt nicht. Wahrscheinlich bin ich ja wirklich in den obersten Fußballligen mit der jüngste Trainer.  Aber ich habe schon oft genug betont, dass es um Leistung geht und um sonst nicht. Und ja, ich freue mich über jeden Journalisten, der eigentlich nicht darüber sprechen wollte...(lacht).

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