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Sport Fußball
04/19/2020

Heute vor fünf Jahren: Die Dopingbeichte des ÖFB-Teamkapitäns

Werner Kriess gibt Einblicke, wie in den 1970er-Jahren im Fußball gedopt wurde. "Schau dem in die Augen. Der ist bis oben hin zu."

von Christoph Geiler

Viele sagen, im Fußball würde Doping nichts bringen. Manche sind sogar der Meinung, dass es Doping im Fußball gar nicht geben würde. Tatsache ist, dass die Fußballer schon seit langem den Doppelpass mit verbotenen Mitteln gepflegt haben. "Jeder weiß, dass immer schon gedopt wurde, oder, sagen wir vielleicht besser: experimentiert", erzählt der ehemalige ÖFB-Teamkapitän Werner Kriess.

Der gebürtige Kärntner wurde in den 1970er-Jahren mit Wacker Innsbruck fünf Mal Meister und gewann fünf Mal den Cup. Zudem spielte der Defensivmann 15 Mal für das Nationalteam und trug dort unter Teamchef Leopold Stastny auch die Kapitänsschleife.

Das Mittel der Zuhälter

Kriess machte die Erfahrung, dass damals viele Fußballer zu Dopingmitteln gegriffen haben. "Wobei man schon sagen muss: Was zu meiner Zeit Doping war, das ist aus heutiger Sicht ja lächerlich", berichtet der heute 72-Jährige.

Haben Sie selbst denn jemals etwas Verbotenes genommen?
Wir haben damals in Innsbruck vor allem Captagon-Tabletten verwendet. Es hat noch ein zweites Mittel gegeben, das die Zuhälter genommen haben, damit sie in der Nacht munter bleiben. Da fällt mir aber der Name nicht mehr ein. Es war jedenfalls nicht der große Hammer.

Welche Wirkung hatte denn Captagon?
Das hat aufgeputscht, du warst dann halt richtig überdreht und ewig munter, und hast die ganze Nacht nicht geschlafen. Andererseits: Wegen dem ganzen Adrenalin schläfst du als Fußballer nach Partien sowieso nie gut. Insofern weiß ich nicht, ob das wirklich etwas genützt hat.

Lieber zwei Glas Cognac

Haben Sie und Ihre Teamkollegen denn bewusst zu Dopingmitteln gegriffen?
Ja, das wurde schon ganz gezielt eingesetzt. Auch in der Hoffnung, dass wir auf dem Spielfeld aufmerksamer sind. Aber wir haben das nicht vor jedem Match genommen, sondern hauptsächlich vor Europacupspielen und vor den richtig schwierigen und entscheidenden Partien in der Liga. Es haben auch nicht alle etwas genommen, es gab Spieler, die haben vor dem Match lieber zwei Gläser Cognac getrunken.

Wie sind die Spieler überhaupt zu Captagon gekommen? Über den Mannschaftsarzt?
Unsere Ärzte und Trainer haben davon nichts gewusst. Captagon war damals ein rezeptpflichtiges Medikament, aber das war natürlich für uns kein Problem, es zu kriegen. Das hat auch nichts gekostet, und irgendein Spieler hat immer zwei, drei Packerln besorgt, und vor dem Spiel gab es dann die Tabletten.

War Ihnen klar, dass Sie da etwas Verbotenes machen?
Legal war es sicher nicht. Das war uns schon allen klar, dass das eigentlich nicht erlaubt war. Andererseits ...

... andererseits?
Andererseits hat’s damals auch noch keine richtigen Dopingkontrollen gegeben. Die Schwerathleten haben zu meiner Zeit geschluckt wie die Narren. Die Biathleten haben Tranquilizer verwendet, um beim Schießen ruhig zu bleiben. Wir haben auch mit Vitamincocktails herumprobiert.

Hatten Sie keine Angst, ertappt zu werden, oder vor Spätfolgen?
Als Aktiver denkst du ja keine Sekunde an mögliche Spätfolgen. Klar hätte man das Mittel wahrscheinlich im Blut nachweisen können. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals kontrolliert worden wäre, obwohl es geheißen hat, dass sie Stichproben machen.

Warum wurde damals überhaupt gedopt?
Es hat geheißen: ,Wir nehmen das jetzt, weil es die anderen auch nehmen. Weil so blöd sind wir ja nicht, dass wir das nicht auch könnten.‘ Wir waren in Innsbruck ja nicht die einzigen. Es ist zwar nicht viel darüber geredet worden, aber alle haben gewusst, was los ist. Es ist schon anzunehmen, dass diese Sachen ziemlich flächendeckend genommen wurden. Wobei ich heute sage, dass es nicht wirklich etwas gebracht hat. Das war mehr Placebo und alles andere als professionelles Doping, wir hätten unsere Erfolge auch ohne diese Mittel gefeiert.

Haben denn die Gegner jemals argwöhnisch reagiert?
Ich kann mich erinnern, dass sich ein Rapid-Spieler, ein berüchtigtes Raubein, noch berüchtigter als ich, einmal beim Schiedsrichter beklagt hat. Der hat gesagt: ,Schau dem einmal in die Augen, der ist doch bis oben hin zu, der ist sicher gedopt.‘

Haben Sie auch einmal negative Erfahrungen gemacht?
Vor einem Europacupspiel in Basel haben wir neue Tabletten ausprobiert. Keine Ahnung, wer die damals daher gebracht hat, aber jedenfalls hat es geheißen: ,Die sind eine echte Sensation.‘

Und waren sie dann wirklich so sensationell?
Beim Aufwärmen im Stadion habe ich schon gekotzt. Daran sieht man schon, dass es bei uns damals äußerst dilettantisch zugegangen ist.

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