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Sport Fußball
06/01/2020

Heute vor 32 Jahren: Als Ernst Happel gegen Krems baden ging

Der Startrainer verlor 1988 mit dem FC Tirol das Cup-Finale gegen Zweitligist Krems. Spieler von damals erinnern sich.

von Christoph Geiler

„Ich bin mir nicht sicher, ich bin mir wirklich nicht sicher, ob wir Cup-Sieger werden.“

So wurde Ernst Happel auf den Tag genau heute vor 32 Jahren im KURIER zitiert. Offenbar hatte der größte Trainer der österreichischen Fußball-Geschichte wohl schon so eine leichte Vorahnung, was ihm und dem FC Tirol da am Abend im zweiten Endspiel gegen den Kremser SC widerfahren würde.

Die Tiroler gewannen zwar mit 3:1, schlichen aber als geprügelte Hunde aus dem Tivolistadion, nachdem sie das erste Match in Krems mit 0:2 verloren hatten. Und perfekt war eine der größten Sensationen in der heimischen Fußballgeschichte.

 

Im Jahr 1988 wurde in Österreich der Cup-Sieger noch in Hin- und Rückspiel ermittelt. Dementsprechend selten waren zu dieser Zeit auch Außenseitersiege. In 90 Minuten mag ein David dem Goliath immer wieder einmal ein Haxl stellen können, aber in zwei Partien setzt sich gewöhnlich der Favorit durch.

Und das war in der Endspielserie 1988 nun einmal eindeutig der FC Swarovski Tirol, der ein Jahr zuvor im UEFA-Cup-Semifinale gestanden war und ein wahres Starensemble aufbieten konnte. Mit Ernst Happel auf der Bank, mit Tomislav Ivkovic im Tor, mit Bruno Pezzey als Abwehrchef, mit Hansi Müller als Spielmacher, mit Peter Pacult als Goalgetter.

KREMSER SC - FC TIROL 2:0 (1:0)

1:0 Otto (22.), 2:0 Janeschitz (70.)

Krems: Gottfried Angerer; Franz Miesbauer, Slobodan Batricevic, Hannes Neumayer; Peter Netuschill, Erwin Höld (78., Erwin Wolf), Johann Drabek (88., Thomas Pirkner), Franz Weber, Thomas Janeschitz; Nedeljko Milosavljevic, Ronald Otto.

FC Tirol: Tomislav Ivkovic; Ivica Kalinic, Bruno Pezzey (63. Christian Peintinger), Robert Wazinger; Rudolf Steinbauer, Manfred Linzmaier, Heinz Peischl, Alfred Hörtnagl, Andreas Spielmann; Rupert Marko, Peter Pacult

 

9000 Zuschauer, SR Kaupe

 

Was sollte, was konnte da im Finale gegen den Zweitligisten Kremser SC schon großartig schief laufen?

„Wir waren auf jeder Position besser besetzt als die Kremser“, erinnert sich der damalige Tiroler Stürmer Rupert Marko.

„Bei uns haben die meisten Spieler gearbeitet“, erzählt Krems-Stürmer Thomas Janeschitz, der damals Mathematik studierte und am ehesten noch ein Profileben führte. Trainer Ernst Weber ging untertags einem Zivilberuf nach, Verteidiger Hannes Neumayer arbeitete in der Finanzdirektion, Erwin Wolf verdiente sein Geld in einem körperlich schweren Beruf. „Diese Konstellation im Finale war wirklich David gegen Goliath“, sagt Thomas Janeschitz.

Zumindest auf dem Papier. Auf dem Rasen war dann nicht mehr wirklich auszumachen, wer von den beiden Mannschaften denn nun der Favorit und wer der Zweitligist ist. „Wir waren damals extrem heimstark und haben gewusst, dass wir den FC Tirol vor allem im eigenen Stadion ärgern können“, erinnert sich Thomas Janeschitz.

Denn natürlich war den Kremsern nicht entgangen, dass der FC Tirol eine durchwachsene Saison hingelegt hatte. In der Meisterschaft hatte es nur zum fünften Rang gereicht, dazu herrschte im Klub Unruhe, nachdem Trainer Happel sich kurz vor dem ersten Finale mit Spielmacher Hansi Müller angelegt hatte. „Wir wussten auch, dass sie auswärts nicht immer ganz bei der Sache sind und ihre Probleme haben.“

Als Ronald Otto nach 22 Minuten die Kremser in Führung brachte, brandete das erste Mal Jubel im Sepp-Doll-Stadion auf, das so voll war, dass einige Anhänger sogar auf den Flutlichtmasten hockten. Als Thomas Janeschitz nach der Halbzeit auf 2:0 erhöhte, kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr.

Und je länger das Hinspiel dauerte, desto länger wurden auch die Gesichter der Spieler des FC Tirol. Thomas Janeschitz und seine Teamkollegen bemerkten auf dem Feld, dass sie die Tiroler Stars auf dem falschen Fuß erwischt hatten. „Die haben sich das nicht so vorgestellt, wahrscheinlich haben sie von uns auch nicht diese Qualität und Spielstärke erwartet.“

Müde von Happels Training

Tatsächlich waren die Tiroler vor allem mit sich selbst beschäftigt, erzählt Rupert Marko. Die Mannschaft war zu dieser Zeit unrund und ausgelaugt und mit der Situation und dem neuen Trainer überfordert. Ernst Happel war seinem Ruf als harter Hund gerecht worden, „viele Spieler waren sein intensives Training nicht gewohnt. Wir waren müde und nicht spritzig genug“, sagt Stürmer Marko. „In Wahrheit haben wir während der beiden Cupfinalspiele nie das Gefühl, dass das noch was werden könnte und wir den Titel holen.“

Dem 2:0 in Krems ließ der Außenseiter dann am Tivoli die nächste Meisterleistung folgen. Bereits nach einer Viertelstunde konterten die Kremser die Hausherren aus und gingen durch Erwin Wolf in Führung. Damit war zwar nicht der Widerstand des FC Tirol gebrochen, aber die Entscheidung schon früh herbeigeführt. „Wirklich gezittert haben wir nie, wir haben das relativ gut kontrolliert und recht souverän runter gespielt“, sagt Janeschitz. Auch dank Goalie Gottfried Angerer, der sich mit Händen und Füßen wehrte und zur Hochform auflief.

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Den Tirolern gelang unmittelbar nach der Pause durch Robert Wazinger zwar der frühe Ausgleich, doch die Aufholjagd ließ auf sich warten. Erst in den Schlussminuten trafen Andreas Spielmann und Rupert Marko zum 3:1 – dank der Auswärtstorregel ging der Cup-Sieg aber an Krems.

FC TIROL - KREMSER SC 3:1 (0:1)

0:1  Erwin Wolf (13.), 1:1 Robert Wazinger (46.), 2:1 Andreas Spielmann (80.), 3:1 Rupert Marko (90.)

FC Tirol: Tomislav Ivkovic; Michael Streiter, Bruno Pezzey, Robert Wazinger; Rudolf Steinbauer, Manfred Linzmaier, Heinz Peischl (35. Alfred Hörtnagl), Hansi Müller, Andreas Spielmann; Ruper Marko, Peter Pacult

Kremser SC: Gottfried Angerer; Franz Miesbauer, Slobodan Batricevic, Hannes Neumayer; Peter Netuschill, Erwin  Wolf, Johann Drabek, Franz Weber, Thomas Janeschitz (87. Helmut König); Nedeljko Milosavljevic, Ronald Otto (85. Helmut Hoffmann)

9000 Zuschauer, SR Kohl

„Das war völlig verdient“, sagt Rupert Marko heute. „Das muss man neidlos anerkennen.“ Und auch Thomas Janeschitz ist heute noch begeistert darüber, wie souverän und clever seine Mannschaft in den beiden Endspielen aufgetreten ist. „Das war kein Zufallsprodukt“.

32 Jahre später ist Thomas Janeschitz inzwischen Co-Trainer von Marcel Koller beim FC Basel. Was ihn heute fast noch mehr freut als der historische Cup-Sieg ist die enge Verbindung zu den Teamkollegen von damals. „Wir Cup-Sieger treffen uns noch immer zwei, drei Mal im Jahr in großer Runde. Und das ist keineswegs üblich, dass man nach so langer Zeit noch so engen Kontakt hat.“