Sport | Fußball
31.10.2018

Georg Pangl: "Ich habe ernsthafte Sorgen um den Fußball"

Der Geschäftsführer des europäischen Ligen-Verbandes spricht über den kommenden Europacup und die Zukunftsaussichten.

Der Österreicher Georg Pangl arbeitet seit 33 Jahren im Fußball, auf nationaler wie internationaler Ebene. Der Burgenländer war zunächst beim ÖFB tätig, später bei der UEFA für die Organisation der Champions League und der Finalspiele 2003 und 2004. Dann lenkte er die Geschicke der Bundesliga als deren Vorstand. Seit viereinhalb Jahren ist er Generalsekretär der European Leagues, die mittlerweile 35 europäische Länder vertritt und zuletzt bei der von der UEFA geplanten Einführung eines dritten Europacup-Bewerbes Begleitmaßnahmen einfordert. Dabei geht es vor allem um mehr Solidarität und Chancen für mittlere und kleine Ligen und Klubs.

KURIER: Welchen Einfluss können die „European Leagues“ im europäischen Fußball überhaupt nehmen?

Georg Pangl: Bisher hatte es die UEFA stets mit der European Club Association (ECA) zu tun. In den letzten Jahren haben wir uns als Stimme der Ligen positioniert. Wir zeigen bei der Planung des neuen Europacup-Bewerbs ein anderes Modell auf, wo es um höhere Solidaritätsbeiträge geht. Wir sehen die Zeit reif, weil die Topklubs der ECA oft die Probleme der kleinen Klubs nicht kennen. Wir wollen gemeinsam mit der UEFA und den Nationalverbänden die aktuelle Tendenz eindämmen, damit die Schere wieder ein wenig zurück geht. Denn diese Entwicklung im internationalen Fußball ist gefährlich, aus Ligasicht wird einem angst und bange.

Man hört, dass der dritte Europacup-Bewerb sicher kommen wird.

Es sieht so aus. Wenn entsprechende Begleitmaßnahmen in der Umsetzung berücksichtigt werden, sind auch wir dafür.

Haben Sie generell Sorge um die Zukunft des Fußballs?

Ja. In dieser Form und ohne Änderungen habe ich sogar ernsthafte Sorgen. Wir reden zum Beispiel über knapp 3,3 Milliarden Euro pro Jahr, die von der UEFA verteilt werden. Und wenn man weiß, dass die größten  15 Klubs in den letzten Jahren aus den Erlösen von Medienrechten und neuen Medien mehr als dreimal soviel wie die restlichen 700 Profiklubs verdient haben, dann ist das einmal der Ausgangspunkt. Und jeder dieser Top-Vereine erhält ab der laufenden Saison aus der Champions League wieder 80 bis 150 Millionen Euro dazu. Da sagen wir man darf den Rest nicht vergessen. Finanziell lautet derzeit der Einnahmenvergleich zwischen einem Klub in Europa League und Champions League 1:6. Wir wollen ein Verhältnis von max. 1:3,5 und zwischen Europa League und dem neuen Bewerb  ein Verhältnis von 1:2,5. Das halten wir für vernünftiger.

Wohin würde der Fußball ohne diese Begleitmaßnahmen sprinten?

Überspitzt formuliert in eine defacto Superleague, für die es bereits Anzeichen gibt. Die Champions League würde sich als Superleague einzementieren, das wäre ein illustrer Kreis, zu dem es fast keinen Zugang mehr gibt. Man sieht jedes Jahr dieselben Klubs, es gibt keine echten Überraschungen mehr. Wir wollen für 36 Meister der 55 europäischen Verbände (d.s. zwei Drittel) den direkten Zugang zu einem der UEFA-Bewerbe.  In der Gruppenphase der Champions League sind jedes Jahr 13, 14 der 16 Aufsteiger vorhersehbar. Will man das? Wie lange interessiert das die Fans noch? Aber die Frage stellt sich oft nicht, wenn beispielsweise FIFA-Präsident Gianni Infantino eine Klub-WM plant, wo jeder der Top-Vereine für zwei Wochen Teilnahme geschätzte 80 bis 100 Millionen Euro erhalten kann.

Man könnte dem entgegen halten, dass aktuell die Gesellschaft und die Politik so funktionieren. Reich wird reicher, Arm wird ärmer, die Moral ist nur sekundär und etwas für Romantiker.

Ja, der Fußball ist eben auch ein Spiegelbild der Gesellschaft, diesen Satz habe ich vor Jahren gesagt, den hätte ich mir patentieren lassen sollen. Aber ich hätte da eine Gegenfrage.

Stellen Sie sie bitte.

Ist es richtig, wie sich die Gesellschaft und die Wirtschaft entwickeln? Oder sollten die Verantwortlichen nicht mehr dagegen tun und an Lösungen arbeiten, auch wenn das freilich sehr schwierig ist. Die großen Konzerne sind allseits bekannt, die sehr wenige Steuern zahlen. Auch da müsste man den Hebel ansetzen.

Früher war bekanntlich sowieso alles besser, da gab es sogar noch einen Meistercup, der nur im K.O.-System ausgetragen wurde. Heute undenkbar, oder?

Wenn man ganz realistisch ist, dann wird so ein Modell in der Zukunft nicht mehr möglich sein. Wobei es ein romantischer Gedanke ist, durchaus wert, sich dieses Szenario einmal genauer zu überlegen. Es geht ja auch um eine Reizüberflutung beim Fan aufgrund der Vielzahl an Spielen. Der neue UEFA-Bewerb müsste zum Beispiel teilweise schon am Donnerstag Nachmittag gespielt werden. Wo soll die Reise schlussendlich hingehen? Man strebt nach dem Maximum, aber das ist nicht immer das Optimum. Es geht immer nur um mehr und mehr, eine vom Geld getriebene Entwicklung. Der Fan bezahlt indirekt über die TV-Sender und Sponsoren das Geld. Dieses Rad sollte man nicht überdrehen, da es ansonsten eine Bereinigung geben wird.

Aber das Geld ist ja vorhanden, und es wird ins System gepumpt.

Das ist schon richtig – noch. Aber wohin soll das führen? Es gibt immer Zyklen im Leben. Man muss sich fragen, ob dieses teils extreme Wachstum auch nachhaltig ist, wenn Staatsfonds und milliardenschwere Investoren immer mehr europäische Top-Klubs besitzen. Das sind die neuen Treiber dieser teils unnatürlichen Entwicklung.