Frankreich vs. Marokko: Wie der französische Fußball beide Teams prägt
Kylian Mbappe und Ousmane Dembele treffen heute im Viertelfinale auf Soufiane Rahimi und Issa Diop. Drei der vier Genannten genossen ihre Ausbildung in Frankreich.
Issa Diop ist Franzose. Das betonte er selbst, als er 2019 für das französische U19-Nationalteam spielte. „Ich bin Franzose, ich wurde in Frankreich geboren. Frankreich hat mir alles gegeben.“ Für ein anderes A-Team wollte der Sohn einer marokkanischen Mutter und eines senegalesischen Vaters nie spielen.
Doch die große Offensive des marokkanischen Verbandspräsidenten Fouzi Lekjaa, in der Diaspora nach topausgebildeten Teamspielern zu suchen, ging auch an dem geborenen Toulousaner nicht vorbei, der einst im Nachwuchs-Nationalteam Frankreichs mit Kylian Mbappe und Kollegen gespielt hatte.
Diaspora-Offensive
Diop ist bei Weitem kein Einzelfall. 99 der insgesamt 1.248 WM-Spieler sind laut Le Monde in Frankreich geboren und ausgebildet. In Katar waren es noch 59. Die Offensive der Verbände – nach Vorbild Marokkos – nahm damals erst so richtig Fahrt auf.
Die größten Gruppen französisch geborener Spieler abseits der Equipe Tricolore fanden sich bei der WM 2026 bei Algerien (13), Haiti (12), Kongo (11), Senegal (10), gefolgt von Elfenbeinküste (8) und Marokko (6). Hubert Fournier, Technischer Direktor des französischen Fußballverbands, nennt das einen „deutlichen Beweis für die Stärke unseres Trainingssystems“. Und obwohl das System „primär unserer Nationalmannschaft zugutekommen soll, sehen wir, dass es weit darüber hinaus positive Auswirkungen hat“.
Ob die französische Elf die Auswirkung heute als positiv oder negativ empfindet, wird im WM-Viertelfinale (22 Uhr MESZ/live ORF 1) in Foxborough bei Boston auf dem Platz zu sehen sein. Nämlich wenn in Frankreich und anderen Ländern ausgebildete Marokkaner die Star-Truppe von Didier Deschamps fordern.
Talenteschmiede Paris
In Frankreich leben gut zwei Millionen Marokkaner bzw. Menschen mit marokkanischen Wurzeln. Knapp hinter Algeriern sind sie die zweitgrößte Einwanderergruppe des Landes. Die Migrationswelle aus dem nordafrikanischen Land nach Europa begann in den 1960er-Jahren, als Länder wie Frankreich, Belgien und die Niederlande marokkanische Arbeitskräfte anwarben, um den Arbeitskräftemangel während des Nachkriegsbooms zu beheben.
Fußball war der logische Zeitvertreib für die Kinder und Enkel dieser Einwanderer, von denen viele in den Vororten von Paris zu Hause sind. Kein Wunder also, dass 53 der 99 in Frankreich geborenen WM-Spieler aus dem Raum Paris stammen – ein Hinweis darauf, wie stark die Region, genannt Ile-de-France, als Talentschmiede den Weltfußball prägt. Unter den wichtigsten Ausbildungsstätten finden sich auch die PSG-Akademie und das nationale Elitezentrum INF Clairefontaine, südwestlich von Paris.
Obwohl in dieser Region nur rund 19 Prozent der französischen Bevölkerung leben, stammt mittlerweile fast die Hälfte der französischen Nationalspieler von dort – und eben auch viele, die für andere Teams im Einsatz sind. Die Talentescouts der entsprechenden Verbände wissen eben, wo sie zu suchen haben.
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