Frankreich vs. Marokko: Die politische Seite des WM-Viertelfinales
„Meine Heimat im Alltag ist Frankreich. Doch meine Heimat des Herzens ist Marokko. Ist es nicht klar, welche der beiden Mannschaften ich am Donnerstag anfeuere?“
Meriem Zahraoui lächelt, macht eine kurze Pause. „Natürlich folge ich meinem Herzen.“ Mit Anfang 20 kam die 47-Jährige aus Marrakesch nach Paris, um zu studieren. Danach fand sie einen Job, heiratete, bekam ein Kind. Aber die starke Verbindung zu ihrer Familie und dem Land, in dem sie aufwuchs, blieb bestehen. Auch wenn sie selten dorthin fliegt, im Alltag nur Französisch und kaum Arabisch spricht. „Ich feuere aus ganzer Seele Marokko an – aber falls die Bleus siegen, möchte ich, dass sie die WM gewinnen.“
Viele Menschen mit marokkanischen Wurzeln in Frankreich sehen es ähnlich. Ihre Zahl wird auf 1,5 bis zwei Millionen geschätzt, zählt man die dort geborenen Kinder und Enkel der Einwanderer dazu. Deshalb geht es bei dem Viertelfinal-Spiel am Donnerstag um weit mehr als um Fußball. Aufgrund der gemeinsamen Geschichte, der großen marokkanischen Diaspora in Frankreich und der vielen Spieler mit Verbindungen zu beiden Ländern hat das Match auch eine historische und gesellschaftliche Dimension. Und es ist emotional stark aufgeladen.
Protektorat und Kolonie
Anders als das benachbarte Algerien war Marokko nie eine französische Kolonie, sondern von 1912 bis 1956 ein französisches Protektorat. Der Sultan blieb in dieser Zeit formal im Amt, doch die politische, wirtschaftliche und militärische Macht lag weitestgehend bei der Zentralmacht in Paris. Der Norden des Landes stand wiederum unter spanischem Protektorat. Bis heute ist Französisch eine wichtige Sprache in Wirtschaft, Verwaltung und in Hochschulen. Frankreich gehört zu den wichtigsten Handelspartnern und Investoren Marokkos.
Kompliziertes Verhältnis
Doch wie in allen Ländern auf dem afrikanischen Kontinent, die zeitweise von der einstigen Schutz- oder Kolonialmacht dominiert wurden, ist das Verhältnis kompliziert, teils auch von Ressentiments geprägt. Die Erinnerungen an die in der Protektoratszeit erlebte Gewalt und Ungleichbehandlung ist noch wach. Viele Marokkaner erwarten eine kritische Aufarbeitung der kolonialen Geschichte. Doch diese ist lückenhaft geblieben.
Auch kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu diplomatischen Spannungen bei der Frage von Rückführungen. Paris wollte mehr Abschiebungen durchsetzen, doch Marokko zeigte sich nicht immer kooperativ. 2021 beschloss Frankreich eine starke Verringerung der ausgestellten Visa um bis zu 50 Prozent als äußerst umstrittenes Druckmittel. Verbessert hat sich das Verhältnis, seit Präsident Emmanuel Macron 2024 in der Frage der Westsahara ausdrücklich den marokkanischen Autonomieplan unterstützte, was die Spannungen mit Algerien verschärfte. Beide Nachbarländer befinden sich in einem Streit um das Gebiet.
Gebürtige Franzosen
Im aktuellen marokkanischen WM-Kader sind sechs Spieler in Frankreich geboren, darunter aufsteigende Stars wie Ayyoub Bouaddi und Eliesse Ben Seghir. Kapitän Achraf Hakimi, einer der Stars beim französischen Hauptstadtklub Paris Saint-Germain (PSG), ist in Madrid als Sohn marokkanischer Eltern aufgewachsen.
Die französische Nationalelf zählt derzeit zwar keine Spieler mit Wurzeln in Marokko, aber im Maghreb oder Nordafrika. So stammen die Eltern von Kapitän Kylian Mbappé aus Algerien und Kamerun.
Vor, während und nach dem Match wird nicht nur vor Ort in Boston, sondern auch in Paris ein umfassendes Sicherheitsaufgebot eingesetzt, um mögliche Ausschreitungen zu verhindern. Auch mehrere Fan-Zonen sind laut Bürgermeister Emmanuel Grégoire in Vorbereitung.
Auch 2022 trafen Frankreich und Marokko aufeinander
Bereits beim Halbfinale 2022 in Katar trafen die beiden Nationalmannschaften aufeinander. Marokko war damals als erste afrikanische Mannschaft überhaupt ins WM-Halbfinale eingezogen. Frankreich gewann das Spiel 2:0, zog ins Finale ein, unterlag dann jedoch Argentinien.
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