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Sport Fußball
12/09/2020

Wie der Eklat von Paris die Rassismus-Debatte im Fußball befeuert

Nach dem Abbruch in der Champions League: Wie gehen Sport und Gesellschaft mit Fremdenfeindlichkeit um? Eine Einordnung.

von Philipp Albrechtsberger, Florian Plavec, Alexander Huber

Es war ein „Zeichen in Europa“, eine „historische Entscheidung“, Tausende solidarisierten sich auf Social Media. Noch nie in der Geschichte des Fußballs rief ein Spielabbruch solche Reaktionen hervor wie jener am Dienstagabend bei der Champions-League-Partie zwischen Paris St-Germain und Istanbul Basaksehir.

Was war geschehen?

Die Spieler beider Teams verließen während der ersten Spielhälfte das Feld. Ein Mitglied des Schiedsrichterteams hatte das N-Wort für den Assistenztrainer der Gästeverwendet, den Kameruner Pierre Webo. Die Unparteiischen aus Rumänien verteidigten sich damit, nur das rumänische Wort für „Schwarzer“ (negru) benutzt zu haben und nicht das Schimpfwort. Die Partie wurde abgebrochen und am Mittwoch mit einem anderen Schiedsrichter-Team fortgesetzt. Paris siegte mit 5:1.

Warum war das dennoch eine klare rassistische Verfehlung?

Das rumänische „om negru“ (schwarzer Mann) wird von der Anti-Diskriminierungsbehörde als rassistisch eingestuft. Ein Mensch werde dadurch über seine Hautfarbe angesprochen. „Da gibt es keine zwei Meinungen“, sagt Piara Powar, Geschäftsführer von FARE (Netzwerk gegen Diskriminierung). „Auch unbeabsichtigter Rassismus ist Rassismus.“

Viele Menschen bezeichnen sich selbst als Schwarze – wo ist da der Unterschied?

„Begriffe wie ‚Schwarze‘ oder ‚People of Color‘ sind sogenannte Selbstbezeichnungen, die im deutschsprachigen Raum verwendet werden können“, sagt Meike Kolck-Thudt von ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit) in Wien. „Sie beschreiben nicht die Hautfarbe, sondern die Rassismuserfahrung, die Menschen machen.“ Viele Begriffe seien verletzend, weil sie als Abwertung verwendet werden. Kolck-Thudt: „Dabei geht es nicht darum, wie der Begriff gemeint ist, sondern was er für die Person bedeutet, die man damit anspricht.“ Solange Menschen über ihre dunkle Hautfarbe definiert werden, wird das Weiße immer das Normale bleiben.

Verteidiger Kofi Schulz von Bundesligist St. Pölten wuchs als Talent aus Berlin mit rassistischen Beleidigungen auf und kniete nach seinem ersten Tor für den SKN mit der Pose von „Black Lives Matter“ nieder.  

KURIER: Welche Gedanken hatten Sie während des Eklats in Paris?

Kofi Schulz: Dass wir als Gesellschaft einen Schritt nach vorne gemacht haben: Super, dass beide Teams abgetreten sind. Früher wäre das unmöglich gewesen. Aber es war ein bitterer Tag im Bewerb mit dem Motto „Respect“ und „No to Racism“.

Wie haben Sie als Fußballer Rassismus erlebt?

In meinen zwei Jahren in Österreich gab es keinen Vorfall. Aber in Berlin, vor allem bei Jugendspielen im Osten, wurde ich oft beleidigt und diskriminiert. Es ist mir schwergefallen, damit umzugehen  –  diese Beleidigungen hängen bis jetzt in meinem Kopf.

War die entscheidende Wende, dass Fußballer bei rassistischen Vorfällen straffrei abtreten dürfen?

Genau! Wenn ich das N-Wort hörte, und der Trainer sagte, „Du stehst da drüber“, ist das nicht leicht. Jetzt geht die ganze Mannschaft vom Feld. Das ist ein starkes Statement und die einzige Art, um das im Fußball zu bekämpfen.

Warum sind Sie nach Ihrem ersten Tor  für St. Pölten niedergekniet?

Das war nach dem Tod von George Floyd. Es sollte  ein Statement sein, weil  Fußballer  eine Plattform haben, um in der Gesellschaft Impulse zu setzen.

Hat die Initiative des Europa-Verbandes UEFA „Say No to Racism“ nichts genutzt?

Seit Jahren sprechen sich die Weltstars im Fußball gegen Rassismus aus – die Initiative könnte das Bewusstsein geschärft haben. So bezeichnete der Verein „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ (ISD) den Spielabbruch als gutes Signal. „Es zeigt deutlich, dass es ganz viele Menschen gerade auch im Profifußball gibt, die sich gegen solche Äußerungen stellen und auch ganz klar machen, dass das mit ihnen nicht zu machen ist.“

Wie sahen weitere Reaktionen aus?

Im Internet war die Solidarisierung mit Pierre Webo enorm. Frankreichs Sportministerin Roxana Maracineanu: „Heute haben Sportler, Athleten, eine historische Entscheidung getroffen gegenüber einer Einstellung, die sie als inakzeptabel beurteilt haben.“ PSG-Star Kylian Mbappé schrieb: „Say No to Racism. M. Webo, wir sind bei dir.“ Die UEFA kündigte eine Untersuchung an.

Warum ist gerade der Fußball oft Bühne für Rassismus?

Im Schutz der Zuschauermasse eines Spiels kann der Einzelne für sein Handeln nur schwer haftbar gemacht werden. Der Einfluss rechtsradikaler und rassistischer Fangruppen wurde in den 1970er-Jahren in England größer, später auch im Rest Europas. Im Zuge der Kommerzialisierung des Fußballs wurden rassistische Vorfälle stärker geächtet, immer mehr Fan-Initiativen bemühten sich um Gegenstrategien. Kolck-Thudt: „Rassismus verändert sich als Reaktion auf aktuelle politische und gesellschaftliche Diskurse.“

Welche Vorfälle gab es zuletzt?

Im Jänner 2013 führte der gebürtige Berliner Kevin-Prince Boateng Milan in einem Testspiel vom Feld, weil er und seine schwarzen Teamkollegen von gegnerischen Fans rassistisch verhöhnt worden waren. Im Oktober 2019 wurde das Spiel Bulgarien – England zwei Mal wegen rassistischer Äußerungen bulgarischer Fans unterbrochen.

Wie sieht es in anderen Sportarten aus?

In den USA machten Sportler fast aller Verbände im Sommer ihre Wut über Polizeigewalt und Rassismus im Land deutlich. Die Basketballprofis der NBA erzwangen die Absage aller Partien eines Tages. Andere Sportarten solidarisierten sich. Für die Black-Lives-Matter-Bewegung ging Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton, ein Vorreiter im Kampf gegen Rassismus, auf die Straße.

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