Sport | Fußball
04.09.2017

Das Team spricht sich für Koller aus

Doch es scheint immer mehr, als wollte der Schweizer selbst nicht mehr Teamchef bleiben.

Bleibt er? Muss er gehen? Will er denn überhaupt noch? Ist er noch der Richtige? Fragen über Fragen in der Causa Prima des österreichischen Fußballs bezüglich Marcel Koller. Und der Teamchef selbst lässt sich vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Georgien am Dienstag (20.45 Uhr/live ORFeins) in Wien auch nicht aus der Reserve locken und bleibt bei allgemeinen Aussagen. Er will sich nicht festlegen, er sagt nicht deutlich Ja zu A.

Noch war nicht die Zeit, dass Gedanken eine Reife erlangen könnten. Er werde erst ab Mittwoch über seine ganz persönliche Zukunft nachzudenken beginnen, danach soll ein Gespräch mit der ÖFB-Spitze folgen. Und dennoch gewann man das Gefühl, bei dem Schweizer fehle es an Motivation und Perspektive. Als säße hier ein Teamchef, der sich in den vergangenen sechs Jahren abgenutzt hätte, dem nun ein wenig Luft und Schmäh ausgingen.

Und dann folgten sie auch, die Zwischentöne in Nebensätzen, die verdeutlichen, dass Koller an einem Verbleiben als Teamchef wohl ernsthaft zweifelt. "Gegen Georgien stehe ich noch an der Linie und werde alles für Österreich geben." Kryptisch.

Pro Koller

"Ich freue mich, dass wir alle miteinander in den letzten Jahren korrekt umgegangen sind." Eine ebenso interessante Ansage wie jene, dass "es alle mit mir ausgehalten haben." Hat Koller in Gedanken das Kapitel schon abgeschlossen, wenn er sprachlich die Vergangenheitsform verwendet?

Die Mannschaft jedenfalls spricht sich zu einem Großteil klar für Koller aus und kommuniziert dies auch öffentlich. Vielleicht geht sie dermaßen in die Offensive, weil sie schon den Rückzug bei ihrem Chef erkannt hat. Stefan Ilsanker jedenfalls brach bei der Pressekonferenz eine Lanze für Koller und meinte, die lobenden Worte gingen nicht nur ihm, sondern auch den meisten Kollegen über die Lippen. "Das Thema geht nicht an uns einfach so vorbei. Marcel Koller hat viel aufgebaut, für Kontinuität gesorgt, einen Stamm gefunden. Wir werden für ihn absolut Vollgas geben."

Ilsanker ging noch weiter in seiner Lobeshymne: "Nach der Heim-EURO 2008 habe ich mir nicht gerne Teamspiele angesehen. Das war alles verkrampft." Mit Koller sei alles besser geworden. Auch Kapitän Julian Baumgartlinger stellte sich nach derNiederlage in Walesvor den Teamchef, als er meinte: "Es lag an uns Spielern." Ein Marc Janko oder auch ein Robert Almer wussten schon vor der EURO 2016, dass sie Koller auf ewig zu Dank verpflichtet sind, weil er trotz fehlender Spielpraxis an ihnen festgehalten und ihnen vertraut hatte.

Gesprächsbedarf

Bereits nach dem Wales-Spiel hat es innerhalb der Mannschaft Gespräche über die Zukunft von Koller gegeben. Jeder sollte seine Meinung klar aussprechen. Gut möglich daher und nur allzu logisch, dass der Mannschaftsrat bei ÖFB-Präsident Leo Windtner und Sportdirektor Willibald Ruttensteiner vorstellig wird und den Wunsch äußert, Koller möge doch bleiben. Ilsanker verriet, dass es immer wieder Gespräche gebe.

Man stelle sich einen Sieg gegen Georgien und ein Remis zwischen Irland und Serbien vor, wodurch rein rechnerisch der zweite Platz für Österreich doch noch zu erreichen wäre (zur Tabelle).

Heißer Herbst

Könnte Koller dann immer noch reinen Gewissens auf die zwei verbleibenden Partien gegen Serbien und Moldau verzichten? "Man kann ja auch Gespräche einfach verschieben. Das ist ja nicht in Stein gemeißelt." Vielleicht möchte er sein Werk noch ordentlich zu Ende führen.

Hinter den Kulissen möchte der ÖFB das Spiel gegen Georgien bestmöglich, sprich mit einem Sieg über die Bühne bringen. Danach erst kann man durchatmen, sich sammeln und zusammensetzen. Im Fall, dass sich Koller noch vor den Oktober-Spielen gegen Österreich entscheidet, muss der ÖFB schnell handeln, somit vorbereitet sein. Am 6. Oktober empfängt man Serbien, drei Tage später reist man in die Republik Moldau. Vielleicht mit einem Interimsteamchef, der einmal mehr Willibald Ruttensteiner heißen könnte, der als Sportdirektor ebenso an der gescheiterten WM-Qualifikation Verantwortung trägt wie Koller und dessen Betreuerstab.

Mögliches Déjà-vu

Schon einmal sprang er für zwei Spiele in Aserbaidschan und Kasachstan als "Feuerwehrmann" ein, weil Dietmar Constantini die Qualifikation doch nicht wie geplant bis zum Ende durchzog. Auch damals hatte man sich vorab darauf verständigt, dass Constantinis Vertrag nicht mehr verlängert wird.

Im November übernahm Marcel Koller das Amt mit einem Auswärtsspiel in der Ukraine. Ein Szenario, das auch sieben Jahre später mit einem neuen Mann als Teamchef durchaus vorstellbar ist.