Sport | Fußball
01.10.2017

Franz Beckenbauer: Die Legende vom Naiven

Schweizer Ermittler belegen, dass Franz Beckenbauer in der Affäre um die WM-Vergabe 2006 sehr wohl viel wusste.

Wo bitte ist Franz Beckenbauer? Wer hat die einstige Lichtgestalt des deutschen Fußballs zuletzt gesehen?

Die Schweizer Bundesstaatsanwaltschaft bohrt seit zwei Jahren beim deutschen "Sommermärchen" nach, bei der Weltmeisterschaft im Jahr 2006. Bei deren Vergabe nach Deutschland gab es dubiose Zahlungen – und den Verdacht auf Stimmenkauf. Mehrere Tausend Seiten ist der Ermittlungsakt mittlerweile dick. Franz Beckenbauer, das 72-jährige ehemalige deutsche Fußball-Idol, ist für die Schweizer Beschuldigter.

Es geht um Geldwäsche, Betrug und Untreue. In Bern haben sie aufgeräumt mit der Legende vom naiven Kaiser, der immer alles unterschrieben hat, was man ihm vorgelegt hat, und der nie genau wusste, worum es dabei gegangen ist. Die Akte, die dem deutschen Magazin Der Spiegel vorliegt, zeichnet ein anderes Bild.

Konto in Kitzbühel

2002 flossen zehn Millionen Schweizer Franken nach Katar, auf das Firmenkonto des korrupten FIFA-Funktionärs Bin Hammam. Beckenbauer behauptete, dass dies ein Darlehen war , das sein damaliger Manager Robert Schwan bei Milliardär und Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus organisiert habe. Schwan und Louis-Dreyfus können nicht mehr reden, die beiden sind längst tot. Aber es gibt Papiere mit viel Brisanz.

Eine Spur führt nach Österreich, zu einer Bank in Kitzbühel. Gleich nach der Kontoeröffnung durch Schwan und Beckenbauer liehen sie sich Geld und überwiesen 1,95 Millionen an einen Schweizer Anwalt. Es folgten weitere Zahlungen, die der Anwalt sofort nach Katar weiterleitete. Auch nachdem Schwan im Juli 2002 gestorben war, gingen die Überweisungen von dem Konto weiter. Nicht nur das: Beckenbauer verkaufte aus seinem eigenen Depot Aktien, um ein Minus auf dem Konto auszugleichen. Der Verkaufsbeleg der Bank ging an die Adresse "Franz Beckenbauer". Damals wohnhaft in Oberndorf bei Kitzbühel.

Der Aktienverkauf ist nur eines von mehreren Indizien, die darauf hinweisen, dass Beckenbauer nach dem Tod seines Managers Schwan Bankgeschäfte im Zusammenhang mit den Zahlungen an den Fußballfunktionär Bin Hammam tätigte. So findet sich in den Ermittlungsakten die Notiz eines Bankberaters, dass Beckenbauer rund vier Wochen nach Schwans Tod um einen Kredit bei seinem Freund Robert Louis-Dreyfus bat. Beckenbauer hielt dieses Papier in der Vernehmung für ein "böhmisches Dorf" – ihm unerklärlich.

Der Franzose überwies nach dem Tod von Schwan zehn Millionen Franken an den Anwalt in der Schweiz mit dem Verwendungszweck "F.B.". Und der Anwalt überwies die sechs Millionen, die er bis dahin erhalten hatte, zurück auf Beckenbauers Konto nach Kitzbühel.