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Ex-Goalie und Mentalcoach Fraisl: „So wäre Österreich ohne Chance“

Martin Fraisl stand einst unter Ralf Rangnick im Teamkader, arbeitet mittlerweile als Mentalcoach und erklärt, was Österreich gegen Spanien braucht.
Andreas Heidenreich aus Los Angeles
Martin Fraisl

Haben Sie schon einmal jemanden gesehen, der im Supermarkt Liegestütze macht? Ja? Vielleicht war es Martin Fraisl. Methoden wie diese empfiehlt der Niederösterreicher auf seinem Instagram-Account. Sie würden dabei helfen, mental zu wachsen, indem man lernt, dass einem die Meinungen anderer egal sind.

Fraisl, 33, stand als Tormann 2022 noch im allerersten ÖFB-Teamkader von Ralf Rangnick, hat seine Karriere nach Stationen in sechs Ländern mittlerweile beendet. Er lebt mit seiner Familie in Portugal, wo er sein in Wien begonnenes Psychologie-Studium vorantreibt und als „Mental Performance Architect“ eine zweite Karriere gestartet hat.

KURIER: Worauf achten Sie heute bei einem Fußballspiel?

Martin Fraisl: Darauf, wie Spieler nach einem Gegentor reagieren oder wie manche auf die Aura der ganz Großen wie Messi und Ronaldo reagieren. Was ich liebe, ist, Pressekonferenzen zu schauen oder Aussagen von Spielern und Trainern zu lesen. Das sauge ich auf, weil es Material für meine Arbeit bringt.

Wie würden Sie die mentale Situation beschreiben, in der Österreichs Spieler gegen Algerien waren?

Man hat gewusst, was man braucht, der mentale Zugang war bis zu Minute 60 nicht kompliziert und ident mit jedem anderen Spiel, das man nicht verlieren darf. Und wenn ich von ident spreche, kommen wir zum großen Wort, das Ralf Rangnick in Österreich auch geprägt hat: Identität oder Spielidentität. Konkret: Aktiv, nach vorne orientiert und gewinnen. Ab Minute 75 in etwa hat Österreich aufgehört, das Spiel gewinnen zu wollen.

Und nur noch verwaltet?

Genau. Das ist ein psychologischer Umschaltmoment, den man im Sport oft sieht. In dem Moment, wo man glaubt, das Ziel ist erreicht, verändert sich unbewusst das Verhalten. Man wird passiv und geht keine Risiken mehr ein. Und in genau dieses Vakuum ist Algerien hineingestoßen. Das Gegentor war die zwangsläufige Folge daraus, dass die Mannschaft für 15 Minuten gegen ihre Identität gehandelt hat. Was mit der Mannschaft mental passiert ist, hat man so richtig bei den Interviews danach gesehen.

Und zwar?

Kein Spieler hat gelächelt. Alle Beteiligten waren mental einfach nur leer. Auch der Teamchef. Das führe ich auf dieses Identitätsthema zurück. Sie haben gewusst, sie haben es beinahe vermasselt, weil sie ihr Ding nicht durchgezogen haben. Hätten sie einfach ein 0:2 aufgeholt, hätten alle gelacht und einander lieb gehabt, eine ganz andere Energie. Aber so war es pure Leere.

Die Spieler waren auch recht selbstkritisch im Anschluss.

Weil sie wussten: Wir haben unsere Hausaufgaben nicht gemacht, haben unsere eigene Erwartung nicht erfüllt und gegen unsere eigene Identität agiert. Das verzeihst du dir als Profi erstmal nicht, auch wenn du mit einem blauen Auge davonkommst.

Bis zum Spiel gegen Spanien aber hoffentlich schon?

Das wird mental ganz anders. Sie können und müssen ihr Spiel jetzt so durchziehen, wie sie es können. Ohne ihre Identität haben sie gegen Spanien überhaupt keine Chance. Daher gibt es nicht das geringste Fragezeichen, es gibt nur Ausrufezeichen. Dementsprechend bin ich mir gar nicht so sicher, ob die Fußballwelt mit Spanien im Achtelfinale rechnen muss.

Warum haben Sie mit 32 Jahren die Karriere beendet und diesen Weg eingeschlagen?

Ich bin ohne Fußball-Akademie als Spätstarter in den Profifußball eingestiegen und habe für mich das völlig unrealistische Ziel gehabt, irgendwann in der deutschen Bundesliga zu spielen. Nachdem ich mit Schalke als Nummer eins 2022 in die Bundesliga aufgestiegen bin, hat der Verein einen neuen Tormann geholt. Nach Transfers zu Bielefeld, nach Dänemark und Portugal war das gefühlt nicht mehr greifbar für mich.

Und das war kein großer Rückschlag für Sie?

Jemand, der so intensiv ein Ziel verfolgt und so erfolgsgetrieben ist, wie ich es war, und dann am letzten, minimalen Schritt scheitert, der darf irgendwann lernen, dass das Ziel im Außen per se nicht immer der absolute Erfolgsbringer ist.

Sondern?

Sondern dass auch der Weg, den man gegangen ist, die Kraft bekommen sollte, die er sich verdient. Dann kann man auch mit einem Glücksgefühl abschließen. Das Thema mentale Stärke hat bei mir jedenfalls schon begonnen, als ich 12 war.

Wie denn das?

Bei einer Buchausstellung in der Hauptschule haben alle zu Harry Potter gegriffen, ich aber intuitiv zu einem Buch mit dem Titel: „Erfolg durch positives Denken.“ Ich hab’ mich mit 21 auf der Uni bei Psychologie inskribiert, damals habe ich beim Wiener Sport-Club gespielt.

Und noch kein Profi, wie andere in diesem Alter.

Genau. Mir hat jegliche Voraussetzung gefehlt, angefangen vom frühen Anfangen, professionellem Tormanntraining, der Körpergröße. Ich hab’ mir damals schon gedacht: Wenn ich alle einholen will, die das haben, dann geht das nur übers Mentale.

Und diese Fähigkeiten haben Sie dann selbst erlernt?

Ich habe alles getan, damit ich am besten mit Druck umgehe, am schnellsten Niederlagen verarbeite, am intensivsten Kritik aufnehme und in positive Energie verwandeln kann, dass ich Dinge nie persönlich nehme und mit Ablehnung umgehen kann. Ich habe mich jeden einzelnen Tag damit befasst.

Irgendwann haben Sie vor 60.000 Fans auf Schalke gespielt und den Sprung in den ersten Teamkader von Ralf Rangnick geschafft. Warum ist es sich mit einem Länderspieleinsatz aber nicht ausgegangen?

Gute Frage. Ich bin damals, nach dem Aufstieg mit Schalke, zum Team gekommen. Ralf Rangnick hat bei seiner Pressekonferenz erklärt, dass alle 23 Kaderspieler in den vier Spielen zum Einsatz kommen werden. Ich habe dann aber nicht gespielt und das hat weh getan.

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe mich selbst hinterfragt und habe es dann verstanden. Wenn ich im Rhythmus war, hat die Leistung gepasst, aber ich war ein Spieler, der gebraucht hat, um in den Rhythmus zu kommen. Ich bin damals nach drei Wochen Urlaub zum Team gekommen und habe die ersten drei bis fünf Tage einfach nicht gut trainiert. Obwohl Rangnick angekündigt hat, dass alle spielen, war ich selber schuld. Das ist auch eines meiner Prinzipien in der Betreuung, dass ich den Menschen zuerst dahin führe, wo er selbst Verantwortung trägt.

Braucht der Fußball mehr Raum für Mental-Coaching?

Der Profifußball leidet darunter, dass das Thema hier so wenig verbreitet ist wie in kaum einer anderen Sportart. Manche Vereine versuchen es über Gruppendynamiken, aber wenn man sich als einzelner Spieler oder Trainer der Sportpsychologie nicht bedient, ist das außer dumm nur dumm. Das muss man leider so sagen. Der Kopf ist der größte Hebel.

Warum wird der größte Hebel meist übersehen?

Der Fußballer ist ein Herdentier. Das, was alle machen, mach’ ich auch. Wenn es heißt, hart zu arbeiten, geht es darum, zusätzlich 30 Minuten in die Kraftkammer zu gehen. Viel schwerer ist es aber, sich täglich mit sich selbst und der eigenen Birne auseinanderzusetzen.

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