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Sport Fußball
07/01/2021

Ex-ÖFB-Teamspieler Garics: "Fußball ist nur noch Geldmacherei“

Gyuri Garics spielte 41 Mal für das österreichische Nationalteam. Heute lebt er in Italien und spricht über die Fehlentwicklungen im Fußball.

von Wolfgang Winheim

Vor 15 Jahren hatte ihn SSC Neapel von Rapid gekauft. Heute wohnt Gyuri Garics in Bologna. Dort, wo er von 2010 bis 2015 auch für den FC Bologna spielte, bei dem nun voraussichtlich Marko Arnautovic landen wird.

Kein anderer österreichischer Nationalspieler, nicht einmal Walter Schachner, hatte in der Serie A so lange (= neun Jahre) durchgehalten wie Garics. Beim Achtelfinal-Krimi, den Italien erst in der Verlängerung entschied, drückte der 41-fache Internationale für Österreich die Daumen, beim heutigen Viertelfinalschlager hofft Garics hingegen auf einen Sieg von Italien gegen Belgien. Obwohl das Herz des 37-Jährigen nicht mehr für den Profi-Fußball schlägt. Er spricht von einer „grauslichen Entwicklung“.

KURIER: Sind sie überrascht, dass Italien schon seit 31 Länderspielen ungeschlagen ist?

Gyuri Garics: Überhaupt nicht. Mich überrascht vielmehr, wie in Österreich die italienische Liga vor allem im Vergleich zur für mich überbewerteten deutschen Bundesliga eher gering geschätzt wird. Die Seria A ist vielleicht nicht die schönste, aber sicher die schwierigste Liga. In ihr steckt unglaublich viel Taktik und sportwissenschaftliche Akribie.

Wie sie angeblich auch Teamchef Roberto Mancini auszeichnet.

Ja. Er war ein großartiger Fußballer, jetzt ist er ein toller Trainer. Und trotzdem ein bescheidener Mensch geblieben. Ich kenne ihn gut. Wie spielen manchmal Padbol zusammen.

Padbol?

Das ist eine Art Fußball zwei gegen zwei in speziellen Käfigen. Wir wollen noch heuer die Spielform in Österreich mit hohem Frauenanteil etablieren. Und dazu erste Padbol-Courts in Wien errichten. Der international erfahrene Heinz Palme wird Präsident des Padbol-Verbandes sein und ich sein Vize. Ich bin überzeugt, dass dieses Spiel Zukunft hat. Unter www.padbol.at kann man Näheres erfahren.

Und Trainer werden Sie wohl auch werden?

Das reizt mich überhaupt nicht. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, es nach meiner Fußballkarriere in anderen Bereichen zu etwas zu bringen. Und ich denke, das ist mir ganz gut gelungen.

Indem Sie ein Sportzentrum in Neapel sowie an der Amalfi-Küste ein Boutique-Hotel betreiben und Gesellschafter einer Juwelenfirma sind. Und trotzdem ihren Wohnsitz in Bologna haben?

Ja. Von Bologna nach Neapel ist es mit dem Auto ungefähr gleich weit wie von Bologna nach Wien, wo ich mit Heinz Palme Padbol bekannt machen will. Ich kann einfach nicht ruhig sitzen.

Karriere

Gyuri Garics wurde am 8.März 1984 in Szombatheli (Ungarn) geboren. Im Alter von 14 Jahren wechselte er in den Nachwuchs von Rapid Wien und spielte bereits mit 18 in der Kampfmannschaft. 2005 wurde der Außenverteidiger mit den Hütteldorfern österreichischer Meister.

Im Sommer 2006 wechselte Garics zum SSC Neapel. Nach zwei Jahren folgte ein zweijähriges Gastpiel bei Atalanta Bergamo, ehe es ihn zum FC Bologna zog. Nach neun Jahren in der Serie A übersiedelte Garics für eine Saison in die deutsche Bundesliga zu Darmstadt, ehe er 2017 seine Karriere ausklingen ließ.

Garics spielte zwischen 2006 und 2016 41 Mal für die österreichische Nationalmannschaft und erzielte dabei zwei Tore.

Und am Freitag wird es Sie und Ihre Frau, eine Neapolitanerin, beim Italien-Match vermutlich vor dem Fernsehapparat bei Italien – Belgien von den Sitzen reißen.

Meine Frau sicher nicht. Sie interessiert sich überhaupt nicht für Fußball. Mein 18-jähriger Sohn auch nicht. Er beherrscht jetzt schon fünf Sprachen. Doch über Fußball redet er nicht. Ich bin ehrlich froh darüber.

Warum?

Weil Fußball heute nur noch Geldmacherei ist. Jetzt werden sogar schon für Trainer Millionen-Ablösen gezahlt. Das ist doch pervers. Irgendwann wird es so kommen, wie es bei den Immobilien war. Die Blase wird platzen.

Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu Ihren ehemaligen österreichischen Mitspielern?

Selbstverständlich. Die freundschaftlichen Bande zu Andi Ivanschitz zum Beispiel sind nie abgerissen. Wir sind schon gemeinsam in der Maroltingergasse nebeneinander in der Maturaklasse gegessen. Auch mit Marko Arnautovic telefoniere ich manchmal. Sollte der Transfer zum FC Bologna wirklich klappen, dann wird Marko in einem alten Stadion mit großer Tradition spielen.

Sie spielten bei der Heim-EM 2008 und gehörten auch 2016 noch dem österreichischen EM-Kader an.

Aber die Erinnerungen an 2016 haben für mich einen sehr, sehr bitteren Beigeschmack. Während der Endrunde ist mein Vater gestorben, dem ich so viel zu verdanken habe.

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