Nur einer von vielen hellen Köpfen bei dieser EM: Christoph Baumgartner

© APA/AFP/POOL/FRANK AUGSTEIN

Sport Fußball
06/27/2021

Winheims Tagebuch: Von wegen lauter Depp’n

Sportlich ist die erste paneuropäische EM längst ein Erfolg. Was nicht zuletzt an hellen Köpfen auf dem Spielfeld liegt

von Wolfgang Winheim

„Es ist so schön, dass wir wieder 82 Millionen Teamchefs statt 82 Millionen Virologen haben“, sagt Leon Goretzka, der Mann, der Deutschland mit seinem Tor zum 2:2 gegen Ungarn das EM-Out ersparte. „Dividiert“ durch zehn lässt sich Goretzkas Spruch auf Österreich umlegen.

Konträr zu Umfrage-Ergebnissen im Vorfeld der EM, wonach diese nur mäßig interessiere, darf der ORF vom EM-Start weg über Traum-Quoten jubeln, das Virus Fußball hat selbst Sportabstinente erfasst.

So auch am Samstag, als bis zu 2,108 Millionen Zuschauer in ORF1 das Duell zwischen Italien und Österreich verfolgten. Es war die höchste Fußball-Quote seit der EM 2008, als bis zu 2,215 Millionen bei Österreich - Deutschland eingeschaltet hatten.

Daran wird sich nach dem bitteren Arrivederci für Rot-Weiß-Rot nichts ändern. Im Gegenteil.

Wer hätte gedacht, dass die österreichische Mannschaft des Deutschen Franco Foda, der bis zum siebenten Lebensjahr italienischer Staatsbürger gewesen war, den EM-Topfavoriten Italien in die Verlängerung zwingen und die weltrekordverdächtige Torsperre nach 1.169 Länderspielminuten durch Sasa Kalajdzic brechen würde?

Wer hätte allen Ernstes geglaubt, dass die Österreicher, die im (nach der Vorrunde) erstellten Ranking der 30 schnellsten EM-Spieler im Gegensatz  zu sechs Italienern überhaupt nicht vertreten waren, in Hälfte zwei ausdauermäßig mithalten und über ihre Schmerzgrenze (z.B. Konrad Laimer) gehen könnten?

Als in Minute 63 das Kopftor von Marko Arnautovic wegen Abseits aberkannt wurde, hieß es von neutraler deutschen TV-Seite: Vor ein paar Jahren noch hätte dieser Treffer gezählt, zumal die Millimeter-Entscheidung „mit freiem Auge nicht zu erkennen war“.

Tatsächlich verdankten es die Italiener nur dem Video Assistant Referee (wie es ihn erst in der kommenden Saison erstmals auch in Österreichs oberster Liga geben wird), dass sie nicht in Rückstand gerieten und dass auch ein Elfer für Österreich nicht gegeben wurde.

Im Bewusstsein, vom VAR und so vielen TV-Kameras wie noch nie kontrolliert zu werden, wurden bei der EM bisher weniger Fouls als 2016, 2012 und 2008 begangen. Zudem ist – entgegen aller Vorurteile – das Bildungsniveau unter Topspielern gestiegen.

So gehören dem EM-Kader von Italiens Coach Roberto Mancini gleich sechs Spieler mit Uni-Abschluss an: Kapitän Giorgio Chiellini (Wirtschaft), Federico Chiesa (Physik), Giacomo Raspadori, Matteo Pessina, Alex Meret (alle Sportwissenschaft) und Salvatore Sirigu (Philologie). Inter Mailands Nicolò Barella dürfte indes Schauspielunterricht genommen haben.

Im ÖFB-Team gilt Christoph Baumgartner als besonders kluger Kopf. Die – wahre – Geschichte, wonach Baumgartner dank seiner Überqualifikation eine Gymnasiumklasse hatte überspringen dürfen, wird freilich nicht von allen geglaubt.

Wie überhaupt manchen eMail-Verfassern der Jubel nach dem 1:0 gegen die Ukraine maßlos übertrieben schien. Und der Arnautovic, bellte ein  Herr noch wenige Stunden vor’m Londoner Achtelfinal-Krimi ins KURIER-Telefon, hätte dem Ernst Happel seinerzeit nur die Sporttasche tragen dürfen.

Besagter Ernst Happel stieg übrigens nach der WM 1954 in der Schweiz, wo Österreich trotz eines 1:6 gegen Deutschland immerhin noch WM-Dritter geworden war, bei der Heimkehr nicht erst am Westbahnhof, sondern gemeinsam mit Tormann Walter Zeman schon eine Station vorher aus. Um sich Beschimpfungen zu ersparen.

Ähnliches wird David Alaba und Kollegen nicht passieren: Sie können erhobenen Hauptes von London nach Innsbruck zurückfliegen.

Wie meinte doch der deutsche Ex-Weltmeister Christoph Kramer als ZDF-Analytiker in seinem Resümee? „Die Österreicher haben sich mit dieser Leistung gewaltige internationale Anerkennung erarbeitet.“

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