Sport | Fußball
12.11.2017

Ernst Happel: Unberechenbar und seiner Zeit voraus

Er zeigte weder vor Diktatoren, Adeligen, Medien, geschweige denn kickenden Gegnern Respekt. Übermorgen jährt sich sein Todestag zum 25. Mal.

Am Dienstag wird TV-Journalistin Christina Happel den Ehrenankick zum Uruguay-Spiel im Stadion vornehmen, das den Namen ihres legendären Opas trägt.

Der Todestag von Ernst Happel jährt sich zum 25. Mal. Fast die Hälfte der aktuellen Teamkandidaten war noch nicht auf der Welt, als der Wiener am 14. November 1992 in Innsbruck den Kampf gegen den Krebs verlor. Aber Ernst Happel ist ihnen ein Begriff. Während andere jüngere Menschen, die nur zu Popkonzerten ins Happel-Stadion strömen, keine Ahnung haben, wer Happel war. Doch auch sie sollen wissen:

Happel vereinte die Attribute unberechenbar, genial, eiskalt, herzlich, stur, flexibel, liebenswert und grantig in einer Person. Und er war als Spieler wie als Trainer eine Ausnahmeerscheinung weit über die Grenzen Österreichs hinaus. Und taktisch seiner Zeit voraus. Nur mit der heutigen, von extremen Beurteilungen dominierten Medienwelt wäre er im Dauerclinch gelegen.

Unangenehm

"Haut’s Euch in’ Schnee", ließ Happel selbst prominenteste Mikrofonträger nicht nur einmal wissen. Mit journalistischen Anfängern hingegen konnte er Mitleid haben.

Bei meiner ersten Audienz mit Happel in Rotterdam ließ er der Begrüßung "Was wülst, Zauberer?" minutenlanges, eisiges Schweigen folgen. Zwei Stunden später aber chauffierte er mich von Rotterdam zum Flughafen nach Amsterdam, um dem Reporter-Lehrling eine Busfahrt zu ersparen.

Unerreicht

Ein knappes Jahr später durfte ich Augenzeuge sein, wie Feyenoord-Trainer Happel in Como beim Abschlusstraining für das Europacup-Finale eine Cola-Dose auf den (damals noch eckigen) Querbalken stellen ließ, um die danach mehrmals gekonnt von der Strafraumgrenze aus herunterzuschießen. Spätestens da wusste ich, dass die G’schichterln vom Rapid-Verteidiger Happel, der im 56er-Jahr mit drei Toren Real Madrid aus dem Prater geschossen hatte, keine Erfindung gewesen waren.

Feyenoord gewann unter Happel (mit seinem genialen Wiener Lieblingssorgenkind Franz Hasil in Mailand das Meistercup-Finale 1970 gegen Celtic Glasgow 2:1. Und anschließend gegen Estudiantes in Argentinien auch den Weltpokal.

Ungemütlich

Acht Jahre später in Argentinien sah sich Happel mit den Machenschaften der Militärjunta konfrontiert. Bei einer WM, die Fußball-Österreich wohl ewig mit Córdoba verbindet. Dort hatten Hans Krankl und Kollegen allerdings nicht nur Deutschland 3:2 besiegt, sondern davor eine 1:5-Schlappe gegen Holland kassiert. Taktisch vorgeführt von ihrem Landsmann Happel, der die Niederlande danach bis ins Finale brachte.

Vom Bankett vor dem Endspiel zog Happel sein Team aus Protest ab, nachdem zwei seiner Spieler von Soldaten mit dem Gewehrkolben ermahnt worden waren, weil sie sich während der Rede des (1985 zu lebenslänglicher Haft verurteilten) Diktators Jorge Videla unterhalten hatten.

Aufgeputscht von den staatlich gesteuerten Medien schlug den Oranjes im seit Mittag prall gefüllten River-Plate-Stadion blanker Hass entgegen. Der auch den italienischen Schiedsrichter Sergio Gonellabeeinflusste: Er verbot kurz vor Anpfiff dem Niederländer René van de Kerkhof, dass der mit einer ledernen Manschette (zum Schutz seines gebrochenen Armes) einlaufen durfte. Obwohl Van de Kerkhof das in den WM-Spielen zuvor erlaubt worden war.

"Okay. Dann muss ich einen Ersatzmann aufwärmen lassen, und das Spiel darf erst 20 Minuten später beginnen", sagte Happel kühl, wohl wissend, dass der Satellit auf eine pünktliche Beginnzeit programmiert war und eine Verschiebung Millionen kosten würde. Folge: Van de Kerkhof durfte spielen. Mit Manschette.

Ungeniert

Noch in der letzten Minute der regulären Endspielzeit vergab Rob Rensenbrink die Chance aufs 2:1, bevor die Argentinier in der Verlängerung, angetrieben vom überragenden Mario Kempes, ihren penetranten Heimvorteil entscheidend nutzten. 1:3.

Happel boykottierte trotz Strafandrohung die finale Pressekonferenz und gab stattdessen dem späteren ORF-Sportchef Hans Huber ein TV-Interview. Worauf der ihm als Gegenleistung bei jedem späteren ORF-Besuch auf Happels Verlangen eine Riesenportion Liptauer ins Ausland mitbrachte.

In den Niederlanden wurden die Vizes wie Weltmeister empfangen, wobei Happel bei der Feier ungeduldig wurde, als sich Königin Juliana verspätete und er Prinz Willem-Alexander ungeniert fragte: "Wann kommt denn deine Oma endlich?"

Als Happel nach Hamburg wechselte, stand der deutsche Fußball-Adel angeführt von "Kaiser" Franz Beckenbauerund Günter Netzervor ihm Habtacht. Und zwar nicht erst, als der HSV unter Happel das Europacup-Finale gewann.

Seine revolutionären Methoden ließen selbst deutsche Fußball-Oberlehrer gnädig über Eigenarten (z.B. Training selbst im Hochsommer nur mit langer Hose und hochgeschlossener Jacke) des Wieners hinweggesehen.

Für Überraschungen war er immer gut. So schlug er mir einmal den Heiligen Abend um 12 Uhr mittags als Interviewtermin vor. Das Treffen in einem verrauchten Gürtelcafé begann (aus meinem Verschulden) mit gefühlten 30 Sekunden Verspätung plus einer Rüge ("Das nächste Mal gibt’s a Geldstraf’, Zauberer!") und endete erst nach vier Stunden, in denen mir Happel kettenrauchend verriet, dass er die Diagnose Lungenkrebs und aus dem Iran ein Millionen-Angebot erhalten habe. Ich zog es vor, nur vom (nie angenommenen) Iran-Offert zu berichten.

Happel konnte entwaffnend ehrlich, aber zuweilen auch sehr wütend sein. Peter Pacult wird nie vergessen, wie Happel als FC-Tirol-Trainer während eines Trainingslagers in Fernost einen Gartentisch samt den darauf liegenden Spielkarten in den Swimmingpool warf, weil sich ein Pokerpartner verspekuliert hatte.

Unbestechlich

Sehr gute (Journalisten-) Karten bei Happel hatte Karl P. Koban. Ihm war zu verdanken, dass sich Happel für WM-Kolumnen (mit Ghostwriter Koban) im KURIER entschied, obwohl ein deutsches Millionenblatt in Mark das Doppelte wie der KURIER in Schilling geboten hatte. Das war bei der WM 1990.

Zwei Jahre später (und vier Monate vor seinem Tod) flog Happel als ÖFB-Teamchef begleitet von seinem Co-Trainer Dietmar Constantini noch zur EM nach Schweden. Dort sagte er gut gelaunt: "Gell, da staunst, Zauberer! Inzwischen hab ich schon wieder a viel bessere Farb’ als Du."

Auch was Österreichs Fußball-Zukunft betraf, dominierte bei Happel die Zuversicht. Noch knapp vor seinem Ableben ließ er ÖFB-Präsident Beppo Mauhart ausrichten: "Aus dem Team wird was. Nur müsst ihr dran glauben." Worte, die 25 Jahre danach auch für Happels Nach-Nach-Nach-Nach-Nach- Nach-Nachfolger Franco Foda Gültigkeit haben.