Schöttel und Stöger sind sich nicht immer einer Meinung.

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Ein Fernduell der EURO-Experten
06/30/2012

Ein Fernduell der EURO-Experten

Peter Stöger glaubt, dass Spanien die höhere Qualität hat. "Das Momentum spricht für Italien", sagt Peter Schöttel.

Ja, ich muss gestehen, ich habe mich geirrt, was Italien betrifft. Die Azzurri habe ich in meiner Einschätzung schon nach der Vorrunde heimgeschickt. Welch Irrtum! Den Einzug ins Finale haben sie sich aufgrund ihrer Leistungen absolut verdient. Für das Endspiel erwarte ich ein Duell auf Augenhöhe, zumal die Spanier bisher nicht ganz so überzeugen konnten wie bei den letzten Turnieren.

Dennoch haben sie für mich ein wenig die Nase vorn, weil sie zum dritten Mal in Folge im Finale eines großen Turnieres stehen, diese Situation für sie somit schon zur Gewohnheit geworden ist. Das Wissen, schon so oft kein Gegentor erhalten zu haben, gibt Sicherheit – und die strahlen die Spanier auch aus.

Bei aller Wertschätzung für die Italiener – meiner Meinung nach haben die Spanier noch mehr Quantität an qualitativ hochwertigen Einzelspielern, zudem die weltweit höchste Passqualität. Ich denke auch, dass es eher für Spanien ein Vorteil ist, dass die beiden Teams in der Vorrunde aufeinander getroffen sind. Seit dem 1:1 wissen die Titelverteidiger, was heute Abend auf sie zukommt.

An dieser Stelle möchte ich etwas zu der Kritik sagen, die während der EURO auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis am spanischen Spiel laut geworden ist. Natürlich könnten sie bei all ihrem Ballbesitz öfter und schneller den Zug zum Tor suchen und in die Tiefe spielen. Natürlich ist vielleicht auch zu hinterfragen, ob ein Spiel ohne nominellen Stürmer wirklich der Weisheit letzter Schluss ist.Aber ich halte dies für eine Raunzerei auf allerhöchstem Niveau. Das ist eigentlich schon unverschämt und eine Gemeinheit dem Weltmeister gegenüber. Spanien hat einen Spielstil kreiert, an dem sich fast alle Nationen seit Jahren die Zähne ausbeißen. Und nur, weil so manches Team in letzter Zeit endlich Mittel und Wege gefunden hat, Spanien zu ärgern und an den Rand einer Niederlage zu bringen, darf man das doch den Iberern nicht als Schwäche auslegen. Vielmehr ist es eine Art von Ritterschlag.

Ich bin jetzt Mitte vierzig und habe schon einige Nationalteams miterleben dürfen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Erwartungshaltung an eine Mannschaft jemals so hoch war wie an dieses spanische Team. Nicht an die Niederländer unter Cruyff, auch nicht an die Deutschen in den Siebziger Jahren. Peter Stöger

Schöttels Querpass: Das Momentum spricht für Italien

Wenn Schiedsrichter Proenca das Spiel anpfeift, ist der erste emotionale Höhepunkt bereits vorbei und an die Italiener gegangen. Zugegeben, die spanischen Spieler können nichts dafür, dass ihre Hymne ohne Text auskommt und deswegen unspektakulär ist. Aber umso schöner ist es, den Italienern, angeführt von ihrem Kapitän Buffon, bei ihrer Gesangsdarbietung zuhören und vor allem auch zuzusehen. Die Leidenschaft, der Zusammenhalt und der unbedingte Siegeswille, der Italien bis ins Endspiel gebracht hat, ist in diesen Sekunden schon spürbar.

Die Mannschaft steht völlig zu Recht im Finale. Und die Squadra Azzurra wird auch für die – wie erwartet im Finale stehenden Spanier – ein äußerst unangenehmer Gegner sein. An den Finalisten Italien haben vor einem Monat wohl nur die wenigsten gedacht. Wieder einmal wurden sie durch einen Wettskandal erschüttert. Es wurde sogar über einen Verzicht auf die EM diskutiert. Dann ging der letzte Test mit 0:3 gegen Russland verloren. Selbst im eigenen Land fehlte das Vertrauen ins Team.

Dabei gelang es dem in ganz Italien geschätzten Cesare Prandelli, den Umbruch, der nach der WM-Blamage nötig war, zu bewerkstelligen. Er sortierte alternde Stars aus, baute Talente ein und schaffte souverän die EM-Quali.

Für mich gehörten sie zu den gefährlichen Außenseitern, neben den Spaniern und den Deutschen hatte ich eher die Franzosen und die Russen auf der Rechnung. Das änderte sich jedoch mit ihrer mutigen, taktisch hervorragenden Leistung gegen Spanien zum Auftakt. Prandelli setzt auf einen Block von Meister Juventus. Mit Pirlo haben sie ihren überragenden Denker und Lenker im Mittelfeld, mit Buffon einen absoluten Klassetorhüter hinter hervorragend geschulten Verteidigern. Die Mannschaft wechselt innerhalb eines Spieles mühelos die Spielsysteme und wirkt wild entschlossen.

Eine weitere Stärke von Prandelli ist sein bravouröser Umgang mit schwierigen Charakteren wie Cassano und Balotelli, was für Trainer meist ein gefährlicher Drahtseilakt ist. Er weiß: Exzentrische und extrovertierte Typen machen oft den Unterschied aus.

Ein Blick auf die letzten großen Sieger beweist, welch hochwertiges Finale uns bevorsteht: Der Weltmeister 2006 (Italien) trifft auf den Europameister (2008) und Weltmeister (2010) aus Spanien. Beide Teams wissen also genau, wie man Titel gewinnt. Obwohl Spanien nach wie vor über die besten Spieler verfügt, traue ich den Italienern den Titel zu. Das Momentum spricht für sie.

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