Sport | Fußball 16.04.2012

Die exzentrische Kultfigur Jürgen Klopp

Lust & Leidenschaft, Strategie & Show – der Dortmund-Trainer Jürgen Klopp begeistert die Fans.

Es gibt Momente, in denen Jürgen Klopp seinem Namen alle Ehre macht. Wenn er plötzlich die wildesten Grimassen zieht und die Zähne fletscht, als wäre er ein Kannibale auf Diät; wenn er auf einmal völlig losgelöst durch die Gegend springt und sein Körper nur mehr unkontrolliert zuckt, als hätten sie ihm eine Überdosis Juckpulver verabreicht; wenn er dann auch noch aus seiner engen Coaching Zone ausbricht, und über seine Spieler herfällt, sie drückt, herzt und busselt, dass jeder Teddybär vor Neid erblassen würde.

Genau in solchen Momenten, in denen das Adrenalin mit ihm durchgeht, könnte man diesen Typen mit der Nickelbrille und dem Dreitagebart leicht für einen Verrückten halten, für bekloppt wie die Deutschen sagen. Dabei ist Jürgen Klopp einfach nur eine ehrliche Haut. "So bin ich, ich kann mich nicht verstellen", meint der emotionsgeladene Erfolgstrainer von Borussia Dortmund, der drauf und dran ist, den Meistertitel in Deutschland zu verteidigen.

Aufstieg

Wer Borussia sagt, der muss zwangsläufig auch Jürgen Klopp sagen. Der Aufstieg des Traditionsvereins aus dem Ruhrpott zur Nummer eins von Deutschland geht Hand in Hand mit dem Aufstieg des 44-Jährigen zum geachteten und gefeierten Vorzeigecoach. Heute steht der Name Klopp für attraktiven Angriffsfußball und strategische Talentförderung und der Trainer hat es mit seiner umgänglichen Art und den lockeren Sprüchen zur Kultfigur geschafft.

Eben erst hat die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung Jürgen Klopp zum neuen Kopf für ihre Werbelinie auserkoren. Der 44-Jährige akzeptierte unter einer Bedingung: Die Aufnahmen mussten auf der Dortmunder Südtribüne stattfinden, als Tribut an die Fans. Die Gage spendete er.

So was kommt an in Dortmund, einem der unwirtlichsten Fleckchen von Deutschland. 600.000 Einwohner, Arbeiterstadt, Verkehrsknoten, 13.3 Prozent Arbeitslosigkeit. Für viele Menschen hier dreht sich alles nur um den Ballspielverein Borussia, den siebenfachen deutschen Meister.

Liebesbeweis

Ein leidenschaftlicher Typ wie Jürgen Klopp ist wie geschaffen für dieses fußballverrückte Ambiente. Zumal die Emotionen nicht gespielt sind, seine Passion für den Verein von Herzen kommt. Klopp klingt authentisch wenn er sagt: "Wir sind doch alle ein wenig verliebt in diesen Verein."

Um ihre Verbundenheit zur Stadt und zur Borussia zu demonstrieren, wurden sämtliche Spieler von Klopp angehalten, im Großraum Dortmund zu wohnen. Der Trainer selbst schwört neuerdings auf eine Schildmütze mit Aufdruck Pöhler, die Dortmunder Bezeichnung für einen Straßenfußballer. Das Sakko, in das er noch bei seinen ersten Auftritten als Borussia-Coach geschlüpft war, ist ein Fall für die Altkleidersammlung, Klopp fühlt sich im legeren Trainingsanzug wohler. "Jürgen Klopp ist halt eher der Kappen- als der Lederhosentyp", meint Michael Zorc, der Sportdirektor des Meisters.

Die Rivalen aus Bayern beneiden die Dortmunder heute ein wenig um ihren beliebten Chefcoach. Der Rekordmeister hatte 2008 ebenfalls mit der Verpflichtung von Klopp kokettiert, sich dann aber laut Manager Uli Hoeneß für einen "ähnlichen" Trainer entschieden. Für Jürgen Klinsmann.

Faschingsscherz

Dieser Vergleich mit Klinsmann soll Klopp nicht geschmeckt haben. Doch 2008 da fehlten ihm noch der perfekte Ruf und die starke Lobby. Immerhin war der Schwarzwälder nur ein mittelmäßiger Zweitligafußballer und ins Trainerbusiness ist er auch eher zufällig hineingestolpert. Klopp dachte an einen Faschingsscherz, als er am Rosenmontag zum Trainer von Mainz bestellt wurde. Doch der Quereinsteiger schaffte den Klassenerhalt in Liga 2 und führte Mainz erstmals in die Bundesliga.

Schon damals fiel der Kumpeltyp Klopp mit flotten Sprüchen und exzessiven Jubeleinlagen auf. Der 44-Jährige, der laut Eigendefinition schon in der Schule den Klassenkasper gab, ist aber weit mehr als nur ein Entertainer und Schaumschläger.

So locker Klopp vielleicht wirken mag, so gezielt arbeitet er am Erfolg. Das beginnt bereits bei der Auswahl der Spieler. In Dortmund holte er junge Nobodys, wichtigstes Kriterium: Die Teamfähigkeit. "Da einen Vollidioten dabei zu haben, nur weil er ein bisschen besser kicken kann, halte ich für total lästig", hatte er im Spiegel-Interview erklärt.

In der Philosophie von Klopp funktioniert der Fußball nur im Kollektiv. Deswegen lässt er seine Mannschaft pedantisch Spielzüge einstudieren, jede Bewegung scheint programmiert, bei der Borussia ist stets das gesamte Team gemeinsam in Bewegung. Das fordert Disziplin und Teamwork und kostet Kraft. Laut Statistik legen die Spieler von Borussia 120 Kilometer zurück, mehr als jedes andere Team.

Lobeshymnen

In Trainerkreisen hat Jürgen Klopp längst Vorbildwirkung. So kam sogar Italiens Teamchef Cesare Prandelli schon zu einer Stippvisite vorbei. Und Bundestrainer Joachim Löw sieht in Klopp gar einen legitimen Nachfolger. "Klopp hat einen roten Faden, er kann die Nationalmannschaft führen, ganz klar."

Selbst der Kaiser ist zum Klopp-Fan geworden. Als Franz Beckenbauer 2005 an der Seite von Klopp im ZDF auftreten sollte, gab es seitens seiner Berater noch Bedenken. Der Franz solle sich besser nicht mit diesem zotteligen, unrasierten Typen in der Öffentlichkeit zeigen lassen. Heute sagt Beckenbauer: "Klopp macht einen tollen Job."

Jürgen Klopp: Der Meistermacher

Der Spieler
Jürgen Klopp (*16. Juni 1967 in Stuttgart) begann seine Karriere beim SV Glatten im Schwarzwald. Für Mainz 05 absolvierte er als Stürmer und Außenverteidiger 325 Partien. Dabei wurde er 1997 auch von Didi Constantini betreut. Sein Eindruck: "Als Fußballer okay, aber er war schon damals ein Wortführer der Mannschaft." 2001 wechselte er vom Spielfeld direkt in die Coaching Zone der Mainzer.

Der Trainer
Von 2001 bis 2008 betreute Klopp Mainz 05 und führte den Verein 2004 in die Bundesliga. Seit 2008 sitzt er für Borussia Dortmund auf der Bank. Höhepunkt war der Meistertitel 2011, Klopp wurde zum Trainer des Jahres gewählt.

Der Mensch
Jürgen Klopp ist zum zweiten Mal verheiratet. Einer seiner beiden Söhne spielt bei der Amateurmannschaft von Borussia Dortmund.

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( Kurier ) Erstellt am 16.04.2012