© Pool via REUTERS/JUSTIN TALLIS

Sport Fußball
07/11/2021

Der italienische Traum hat einen Namen: Wembleydon

Eine ganze Nation blickt nach London. Tennis-Ass Berrettini kämpft um den Wimbledon-Titel, die Squadra Azzurra um den EM-Titel

von Christoph Geiler

„Wenn du es träumen kannst, kannst du es auch machen.“

Enzo Ferrari hatte seine Träume und Visionen stets auf dem Beifahrersitz. Wahrscheinlich muss man das auch haben, wenn man vom beschaulichen Maranello aus antritt, um allen auf der Welt um die Ohren fahren zu wollen. Ferrari wurde auch dank Enzo Ferraris Pioniergeist zu einer der berühmtesten Marken Italiens, mehr noch: Das springende Pferd hielt auch das gesamte Land im Zaum. Ein vereintes Italien, ein Stiefel ohne Druckstellen – das schaffte neben Ferrari sonst nur die Squadra Azzurra.

Zusammenhalt

Beim italienischen Nationalteam und bei Ferrari kennen die Italiener kein Scusa, kein Pardon. Und dann werden im Land auf einmal auch die tiefen gesellschaftlichen Gräben zugeschüttet, die den Apennin durchziehen. Dann wird plötzlich kein Unterschied mehr gemacht zwischen dem reicheren Norden und den „Terroni“, den „Erdfressern“, wie die Süditaliener gerne abfällig bezeichnet werden.

Erst war es die fürchterliche Pandemie, die den Zusammenhalt im Land stärkte, jetzt gerade vereinen sich die Italiener im Sport. Wer schert sich in der aktuellen Fußball-Ekstase darum, ob der Neapolitaner Lorenzo Insigne, der Kalabrese Domenico Berardi oder wie zuletzt im Semifinale gegen Spanien der gebürtige Brasilianer Jorginho das entscheidende Tor erzielt? Hauptsache, Italien gewinnt das Endspiel im Londoner Wembley-Stadion.

Und als hätte Dante Alighieri höchstpersönlich dieses Drehbuch verfasst, kann am gleichen Tag in der gleichen Stadt ein weiteres Erfolgskapitel italienischer Sportgeschichte geschrieben werden. Dann, wenn der Römer Matteo Berrettini als erster Tennisspieler seines Landes in Wimbledon gewinnt.

Sonderausgabe

Wembley und Wimbledon also – der italienische Traum von Wembleydon treibt auch die Redakteure der Gazzetta dello Sport zu Höchstleistungen an. Der historische Sonntag ist der rosaroten Sportbibel eine Sonderausgabe wert, die heute 80 Seiten aufweist.

Es ist noch gar nicht lange her, da war die Gazzetta dello Sport sogar die meistgelesene Zeitung des Landes. Der Niedergang des italienischen Sports spiegelte sich auch in den Verkaufszahlen wieder. Ferrari machte seinem Logo keine Ehre und kam in den vergangenen Jahren eher wie ein lahmendes Pferd daher und hat seit 32 Formel-1-Rennen keinen Sieg mehr eingefahren.

Und es sind auch erst drei Sommer vergangen, als die stolze Fußballnation in völlige Agonie verfallen war, nachdem sich die Squadra Azzurra 2018 erstmals seit Menschengedenken nicht für die WM qualifizieren konnte. Wer damals in den Restaurants an der Adria oder auf Sardinien eine WM-Partie verfolgen wollte, bekam häufig ein bestimmendes „No“ zu hören und fand sich einem schwarzen Bildschirm gegenüber. Nach dem Motto: Eine WM ohne Italien hat niemanden zu interessieren und keine Bedeutung.

Apokalypse

Die verpasste Weltmeisterschaft käme „einer Apokalypse gleich“, hatte der italienische Fußballverbandschef Carlo Tavecchio damals erklärt. Wenn er im Sommer 2018 gewusst hätte, was knapp zwei Jahre später über das Land und die Welt hereinbrechen würde, hätte er diese Worte wohl nicht gewählt. Italien war – wie auch England – eines der am schlimmsten betroffenen Länder der Corona-Epidemie. 128.000 Italiener verloren ihr Leben.

Jetzt, im Sommer 2021, ist das Virus zwar noch immer nicht verschwunden, aber zumindest der Optimismus und die Lebensfreude sind in Italien wieder zurückgekehrt. Auch dank der Squadra Azzurra, auch dank Tennis-Ass Matteo Berrettini, der seinen Landsleuten daheim nach dem Einzug ins Wimbledon-Finale übrigens noch einen Auftrag für das historische Sportwochenende mitgab:

„Kauft euch für Sonntag einen guten Fernseher.“

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