Ein Herz und eine Seele: Klopp mit Liverpool-Tormann Becker

© AP/Luis Vieira

Sport Fußball
04/30/2019

Champions League: Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen

Im Halbfinale zwischen Tottenham - Ajax und Barcelona - Liverpool peilen die vier Trainer ihren ersten großen Titel an.

von Günther Pavlovics

Es ist ein Halbfinale von historischem Ausmaß, das der Champions League guttut. Mit Tottenham Hotspur und Ajax Amsterdam, die am Dienstag das Hinspiel (21 Uhr/live Sky) bestreiten, hat kaum jemand gerechnet. Am Mittwoch treffen mit Barcelona und Liverpool schließlich zwei der populärsten Klubs der Welt aufeinander.

Tottenham stand in der Königsklasse noch nie im Endspiel, Gegner Ajax, einst eine fixe Größe im Klubfußball, wartet seit 1995 auf einen Triumph. Die Niederländer sind Außenseiter, gehen aber selbstbewusst in die Partie: „Wenn man Real und Juventus schlagen kann, muss man vor keinem Gegner nervös werden“, sagt Klub-Idol Patrick Kluivert.

Video: Die Highlights vom Ajax-Aufstieg gegen Juventus

Der Generaldirektor des Klubs, der ehemalige Weltklassetormann Edwin van der Sar, betont: „Wir wollen schönen, attraktiven Fußball spielen.“ Verantwortlich dafür ist Trainer Erik ten Hag. Die Fans lieben die Spielphilosophie des Niederländers – wie auch jene seiner Trainerkollegen Mauricio Pochettino (Tottenham), Ernesto Valverde (Barcelona) und Jürgen Klopp (Liverpool). Das Quartett eint zudem: International sind die vier noch ohne Titel.

  • Maurizio Pochettino

Der 47-jährige Argentinier ist seit 2014 Trainer von Tottenham. Er stammt aus einer Kleinstadt in der Pampa, 350 Kilometer östlich von Buenos Aires. Obwohl er 20 Mal im argentinischen Team gespielt hat, kickte er nie bei einem großen europäischen Klub. Sein Stammklub war Newell’s Old Boys in Rosario – wie bei Lionel Messi. 1994 ging er zu Espanyol Barcelona, später nach Paris und Bordeaux und zurück zu Espanyol.

Drei Jahre nach seinem Ende als Kicker fing er 2009 auch beim kleinen Klub in Barcelona als Cheftrainer an. Im November 2012 wurde der Vertrag aufgelöst, im Jänner 2013 kam er zu Southampton. Dort verhinderte er den Abstieg, wurde in der folgenden Saison Achter – und unterzeichnete 2014 einen Fünfjahresvertrag bei Tottenham.

Wegweiser für Talente

Neben sich auf Platz und Bank hat er alte Vertraute. Jesús Pérez war unter ihm schon bei Espanyol Konditionstrainer. Der Argentinier Miguel D’Agostini spielte mit Pochettino bei den Old Boys und war später sein Co bei Espanyol. Toni Jiménez war mit ihm bei Espanyol und wurde von Pochettino später zum Tormanntrainer gemacht. Im Kader setzt Pochettino auf Jugend und Kontinuität. 14 Spieler haben unter ihm als Trainer den Weg ins englische Nationalteam gefunden. Die letzten Neuzugänge gab es im Jänner 2017.

Auch privat setzt er auf Langfristiges: 1994 kam seine damalige Verlobte Karina Grippaldi mit nach Barcelona, mit ihr hat er zwei Söhne. Maurizio (18) war im Tottenham-Kader in der UEFA Youth League. Sebastiano (24), der ältere Sohn, ist der jüngste Sportwissenschaftler bei einem Premier-League-Team – bei Tottenham. Sein bisher größter Erfolg: Finalist im Ligacup.

  • Erik ten Hag

Vor fünf Jahren war der Niederländer enttäuscht: Der heute 49-Jährige hatte den Aufstieg in die dritte deutsche Bundesliga nicht geschafft. Die zweite Mannschaft von Bayern München musste weiter in der Regionalliga ausharren. In der Saison hatte man 94 Tore erzielt, 15 davon gingen auf das Konto von Kevin Friesenbichler. Kapitän war ÖFB-Teamspieler Alessandro Schöpf.

Fünf Jahre später ist Erik ten Hag einer der gefeierten Trainer in Europa. Unter seiner Leitung schaffte Ajax Amsterdam zwei Sensationen, Titelverteidiger Real Madrid und Juventus Turin wurden aus der Champions League geworfen.

296 Spiele machte Ten Hag als Spieler in der holländischen Eredivisie, ehe er seine Karriere 2002 bei Twente Enschede beendete. Ein Länderspiel absolvierte er nie. Über die Jugendakademie von Twente wurde er Co-Trainer bei den Profis unter dem ehemaligen Schalke-Trainer Fred Rutten. 2009 wechselte er gemeinsam mit Rutten zu PSV Eindhoven. Nach dem Aus bei PSV ging Ten Hag nach Deventer, er führte den Provinzklub Go Ahead Eagles in die höchste Liga.

2013 ging er zu den Bayern, allerdings nicht zu den Stars, sondern zu den Amateuren in die Regionalliga. „Viele Leute in Holland haben mit dem Kopf geschüttelt, als ich von der Eredivisie in die Regionalliga gegangen bin“, sagte Ten Hag später.

Cheftrainer bei den Bayern war Pep Guardiola. Erik ten Hag soll in jener Zeit kein Training des Spaniers verpasst haben, der Niederländer tauschte sich mit dem Startrainer über taktische Feinheiten und Spielstil aus. „Bei einem so großen Verein wie dem FC Bayern mit so prägenden Persönlichkeiten wie Pep Guardiola und auch Matthias Sammer zu arbeiten, war wie ein Sechser im Lotto“, sagte er rückblickend.

Vorbild Johan Cruyff

Guardiola und Ten Hag eint eine Tatsache: Beide sind Bewunderer und Schüler der Fußballikone Johan Cruyff. Guardiola, weil er unter dem Niederländer trainierte und spielte; Ten Hag, weil der 2016 verstorbene Cruyff mit seinem „Voetbal Totaal“ der Wegweiser des niederländischen Fußballstils war.

Nach zwei knapp verpassten Aufstiegen in die dritte Liga verließ er den deutschen Rekordmeister 2015 wieder Richtung seiner niederländischen Heimat. Im Winter der Saison 2017/’18 kam er zu Ajax Amsterdam. Heute erinnert Ten Hags Spielstil mit dominantem Ballbesitz und Passstafetten an jenen von Guardiola. „Wir wollen Ballbesitz, um dem Gegner wehzutun“, hat Ten Hag im Rahmen des Viertelfinalduells mit Juventus gesagt. Sein einziger Titel: 2001 führte er Twente Enschede als Spieler zum Cupsieg.

  • Ernesto Valverde

Der 55-Jährige wurde in Extremadura, der spanischen Provinz an der Grenze zu Portugal, geboren, doch die Familie wanderte ins Baskenland aus. Er begann als Profi bei Alavés und spielte in seinen zwei Jahren unter Trainer Johan Cruyff beim FC Barcelona. Seine beste Zeit hatte der Stürmer aber bei Bilbao.

Nach dem Karriereende 1997 auf Mallorca übersiedelte er zurück nach Bilbao, wo er im Nachwuchs seine Trainerkarriere begann. 2003 wurde er Cheftrainer von Athletic und belegte einmal Platz fünf. Espanyol Barcelona führte er 2007 ins Finale des UEFA-Cups. Später coachte er noch Villarreal, Olympiakos Piräus und Valencia, ehe er 2017 vom FC Barcelona geholt wurde. Der Druck bei dem Weltklub ist ihm bewusst: „Wenn wir unsere Ziele in Spanien und Europa nicht erreichen, dann wird man auf den Trainer schauen. So läuft es.“

Von dem Hobbyfotografen und Kunstliebhaber, sein Bruder ist Comic-Zeichner und Kulturmanager, schwärmte einst auch Johan Cruyff: „Er ist ein sehr guter Trainer, er war schon als Spieler sehr wissbegierig.“ Seine Titel: drei Mal griechischer Meister, zwei Mal griechischer Cupsieger, spanischer Supercup mit Bilbao, spanischer Meister und Cupsieger mit Barcelona.

  • Jürgen Klopp

Der 51-jährige Deutsche ist wohl der beste Trainer der Welt, der noch keinen großen europäischen Titel gewonnen hat. Als Kicker kam er erst mit 23 Jahren zum Zweitligisten nach Mainz. Drei Tage nach seinem letzten Spiel wurde er im Februar 2001 Trainer der Mannschaft. Er stieg auf und wieder ab, 2008 verließ er den Verein.

Einen Namen machte er sich in Dortmund, nach nur drei Jahren feierte er die deutsche Meisterschaft. Ein Jahr später gewann er das Double, danach begann sein Final-Fluch. 2013 verlor er mit Dortmund das Endspiel in der Champions League, 2014 und 2015 die DFB-Pokal-Endspiele. In Liverpool gab es Finalpleiten im Ligacup und in der Europa League sowie zuletzt in der Champions League gegen Real.

Video: Jürgen Klopp über Lionel Messi

Dieses Jahr hat er noch die Chance auf zwei Titel. Neben der Champions League ist Liverpool auch im Rennen um die englische Meisterschaft, die der Klub seit 1990 nicht mehr gewonnen hat. Zwei Runden vor Schluss hat jedoch Manchester City einen Punkt Vorsprung auf Liverpool.

Ulla Sandrock, die Frau an seiner Seite, sei eine wichtige Stütze für ihn, betont Jürgen Klopp. Er hat zwei Söhne, einen brachte er mit in die Ehe, einen seine heutige Frau Ulla. Besonders Marc Klopp, der 29 Jahre alte Sohn aus erster Ehe, teilt die Leidenschaft seines Vaters: Bis 2012 spielte er in der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund, ehe ein Kreuzbandriss das Ende bedeutete. Selbst danach war er ganz der Papa: Auch er entschied sich für ein Studium im Bereich Sportwissenschaften.