Sport | Fußball-WM
06.07.2018

WM-Viertelfinale: Lichter, die aus dem Schatten kommen

Nicht nur die Weltstars werden heute entscheidend sein. Wer sind die Aktivposten abseits des Rampenlichts?

Es ist sportlich der bislang aufregendste Tag dieser WM-Endrunde in Russland. Am Freitag treffen sich zunächst Frankreich und Uruguay (16 Uhr MESZ) zum Viertelfinale, gefolgt von Rekordweltmeister Brasilien und Geheimfavorit Belgien (20 Uhr MESZ/jeweils live ORFeins).

Es sind zwei Duelle mit viel Brisanz und zahlreichen Superstars: Über Griezmann, Mbappé, Suárez, Cavani, Neymar, Lukaku und Hazard spricht die Fußballwelt. Und dennoch sind es nicht immer die pfeilschnellen Kreativgeister, die große WM-Spiele entscheiden, sondern die Männer fürs Grobe.

Starkes Quartett

Der KURIER nimmt vor den ersten beiden Viertelfinalspielen vier Spieler unter die Lupe, die für ihre Nation von unschätzbarem Wert sind und heute den Unterschied ausmachen können.

Bei Frankreich ist dies Mittelfeldabräumer N’Golo Kanté, der Stabilisator der Grande Nation. Ihm gegenüber steht Diego Godín, der als Kapitän das kleine Uruguay vor den Angriffen der Gegner schützt.

Im Abendspiel will Tormann Alisson Becker Brasiliens Schmach von der Heim-WM 2014 vergessen machen. Bei Gegner Belgien könnte erneut Marouane Fellaini den wichtigen Joker geben.

Marouane Fellaini: Der Bankier ist Goldes wert

Das wichtigste Autogramm bei dieser WM setzte  Marouane Fellaini unter den neuen Vertrag mit  Manchester United. Bis  30. Juni 2020 bleibt der Mittelfeldspieler ein Red Devil mit einer Option  auf  ein weiteres Jahr bei Englands Rekordmeister. „Ich bin froh, dass meine Reise als Spieler von Manchester United weitergeht“, ließ Fellaini wissen. Bei der WM nahm er bei Belgien vorwiegend auf der Bank Platz, er stand aber im letzten Gruppenspiel gegen England in der Startelf, als es um den Gruppensieg ging.

Im Achtelfinale gegen Japan kam Fellaini, sah und traf zum zwischenzeitlichen 2:2. Und half damit entscheidend mit, dass der Aufstieg letztlich doch noch gelang und der Viertelfinal-Hit mit Brasilien erst möglich wurde. Teamchef  Roberto Martínez könnte diesmal von Beginn an auf die Künste des kopfballstarken Wuschelkopfes setzen. Generell ist er der Meinung, dass sein „Krieger“ von der Allgemeinheit unterschätzt wird, vor allem seine technischen Fähigkeiten. „Er hat eine viel bessere Ballkontrolle, als die Leute vielleicht denken. Fellaini ist ein echter Siegertyp. Er wurde für den Wettkampf geboren. Jeder Trainer muss froh sein, wenn er einen Fellaini im Team hat.“ Folgt der Lobhudelei heute die Tat, indem Martínez Fellaini von Anpfiff weg das Vertrauen schenkt?

Afrikanische Wurzeln

Fellaini, dessen Vater Marokko 1972 verlassen hat, ist seit 2007 fixer Bestandteil des belgischen Teams, der 30-Jährige hat seitdem 85 Länderspiele bestritten, in denen er  18 Mal traf. Er gehört jener goldenen Generation an, der man es zutraut, die stets in sie gesetzten Erwartungen endlich zu erfüllen.

Die WM 2010 verpasste er, 2014 schaffte er es mit Belgien   ins Viertelfinale, wo man an Argentinien scheiterte. Gelingt    gegen Brasilien der nächste Schritt?

Alisson Becker: Brasiliens Katzenmann glänzt mit deutschen Tugenden

Tormann ist wohl die ungeliebteste Position im brasilianischen Fußball. Während ein gesamtes Volk dem Ball nachjagt, mit ihm Kunststücke vollführt und die prächtigsten Treffer erzielt, ist der Schlussmann zum Zuschauen verdammt. Sein Arbeitsplatz ist der enge Strafraum, der seiner zehn Kollegen das weite Spielfeld.

Es scheint nicht wahnsinnig erstrebenswert zu sein, in einem brasilianischen Tor zu stehen. Alisson Becker verrichtet seine Arbeit auf auffällig unauffällige Art und Weise. Genau das ist seine Stärke: Die 25-jährige Nummer eins des Rekordweltmeisters  gehört zu den derzeit besten Torhütern der Welt. Der 1,93 Meter große Schlussmann war hauptverantwortlich dafür, dass  AS Roma heuer zum ersten Mal nach 34 Jahren wieder zu den besten vier Teams in Europa gehörte. Das Halbfinal-Aus in der Champions League gegen den FC Liverpool konnte aber auch Alisson nicht verhindern: Fünf Mal musste er   allein im Hinspiel hinter sich ins Tor greifen. „Ich konnte danach drei Tage lang  nicht schlafen“, sagt er und stellt gleich die Verbindung zur Seleção   her: „Mein Land kann seit vier Jahren nicht schlafen.“

Der Weg war frei

Brasiliens Wunden nach dem 1:7 bei der Heim-WM   gegen Deutschland sind noch immer nicht   verheilt. Auch für Alisson, der 2014 gar nicht im Kader war, hatte die Partie Folgen: Für Vorgänger Julio Cesar war das 1:7 das letzte Länderspiel. Damit war der Weg frei für „O Goleiro Gato“, den Katzenmann.

In Rom ist Alisson  „der Deutsche“: Seine Vorfahren kamen aus dem Saarland nach Brasilien. In Europa will er  lange bleiben. Real Madrid und Liverpool buhlen um seine Unterschrift. „Ich kenne meinen Wert“, sagt er. Für  Roma liegt der bei 80 Millionen Euro. Damit würde Alisson zum teuersten Tormann  der Geschichte aufsteigen.
Derzeit ist dies Ederson von Manchester City. Die Nummer zwei Brasiliens.

Diego Godín: Der Baumeister eines Bollwerks

Trifft Luis Suárez? Spielt Edinson Cavani überhaupt? Die großen Stars  der Uruguayer stehen im  Fokus vor der  Partie gegen Frankreich (16 Uhr). Auch beim zweifachen Weltmeister richtet sich das Rampenlicht auf Herren der vordersten Front.Ebenso wertvolle Arbeit leistet aber ein Herr im Hintergrund,   in einem  Arbeitsbereich, der weniger Raum zur Verherrlichung zulässt.  

Diego Godín lässt die Superstars im eigenen Team Superstars sein und versucht, als Verteidiger andere Superstars  auszuschalten.  Und bislang ist dies dem 32-Jährigen  gemeinsam mit seinen Defensiv-Kollegen eindrucksvoll gelungen.  Es ist auch  ein Verdienst des Legionärs von Atlético Madrid, dass Uruguay bislang die stabilste Defensive in Russland stellt. Und auch die Griezmanns, Mbappés oder Pogbas dieser Welt sollen sich die Zähne am Bollwerk um Baumeister Godín  ausbeißen.

Freilich, im Team selbst werden  die Vorzüge des 121-fachen Teamspielers mehr als nur geschätzt. „Es ist schwer, eine Person auf eine einzige Qualität zu reduzieren. Aber bei Godín ist es seine mentale Stärke im Fußball“, huldigt Teamchef Óscar Tabárez. „Er hat das Kapitänsamt für seine Hingabe und sein Vorbild verdient. Und auf gewisse Weise repräsentiert er das Beste einer Nation wie Uruguay.“

Der Dürre

Sein Spielstil ist kein spektakulärer, Godín ist auch kein Muskelprotz, wie sein Spitzname „El Flaco“ (Der Dürre) verrät.  In der Luft ist der Mann mit der Nummer 3 dank guten Timings eine Macht, am Boden sind sein Tacklings hart. Uruguays legendären Kampfgeist,  die „Garra charrua“,  spiegelt sich  in Godín. Ein Fan ist auch ein anderer Diego, Maradona  stellt  Godín gar über Spaniens Sergio Ramos und  sagt: „Wie wie er das Spiel von seiner Position aus dirigiert,  das ist ein richtiger Crack.“

Kongenialer Part zu Godíin ist  José  Giménez, den Godín 2013, drei Jahre nach seinem Kommen, zu Atlético lotste.  Die Beiden bilden vielleicht das beste  Innenverteidiger-Duo der Welt. Ein Blick in die Statistik verrät: In den neun Qualifikationsspielen mit Godín und Giménez  kassierte die Celeste sechs Gegentore. Bei der WM  gab’s bislang nur ein Gegentor.

N’Golo Kanté: Die "lästige Fliege" sorgt für Stabilität

Die Komplimente für N’Golo Kanté klingen noch ein wenig holprig. Chelsea-Klubkollege Eden Hazard nennt den 27-Jährigen eine „Ratte“, für Michael Ballack ist der Mittelfeldspieler eine „lästige Fliege“.

Und auch Lionel Messi kann ein Lied von den unangenehmen Qualitäten des kleinen Franzosen singen. Es gibt kaum ein Foto der WM-Achtelfinalpartie zwischen Argentinien und Frankreich, auf dem Messi nicht von Kanté belagert wird.

Der England-Legionär ist von unschätzbarem Wert für Frankreichs Spiel. Auch heute im Viertelfinale gegen Uruguay wird er wieder einmal für die nötige Balance zwischen Offensive und Defensive bei der Grande Nation sorgen.  Für seinen Teamchef Didier Deschamps ist Kanté der „weltbeste Spieler auf seiner Position“.

Laute Lockrufe

Das ist auch den Scouts nicht verborgen geblieben. Paris Saint-Germain will den kampfstarken Mittelfeldmann zurück in dessen Geburtsstadt holen. Mindestens 110 Millionen Euro hat nun der FC Chelsea ausgerufen.

In England wurde Kanté zum Star und zweifachen Meister – erst mit Sensationsteam Leicester City (2016), ein Jahr später mit den Londonern. Woraufhin Kanté  von Profis  der Premier League als auch von den britischen Journalisten zum Spieler der Saison gekürt wurde.

Der nimmermüde Arbeiter ist auch abseits des Feldes ein genügsamer  Profi. Aus Luxus macht sich   Kanté   herzlich wenig: Jahrelang fuhr er einen alten Renault Mégane,   mittlerweile ist er im Besitz eines gebrauchten Mini . „Als ich jung war, hatte ich nie die Ambitionen, überhaupt je ein Auto zu besitzen.“