Sport | Fußball-WM
28.06.2018

"Selbstherrlich", "Altherrenfußball": Abrechnung mit Löws Elf

"Mit einer schlechten Mannschaft kann man immer früh ausscheiden, aber nicht mit einer Mannschaft wie dieser", sagt Michael Ballack.

Mit teils heftiger Kritik an Team und Teamchef haben frühere deutsche Fußball-Stars auf die historische Pleite der DFB-Auswahl bei der Fußball-WM in Russland reagiert. Rekordnationalspieler Lothar Matthäus warf der DFB-Auswahl Selbstüberschätzung und Bundestrainer Joachim Löw falsche Personalentscheidungen vor.

Schon in der Vorbereitung habe es viele Probleme und schlechte Testspiele gegeben, schrieb der Weltmeister von 1990 in einem Gastbeitrag für die Bild-Zeitung. "Und was ich in den drei Gruppenspielen auf dem Platz sah, hat diese Spaltung des Teams vollkommen bestätigt. Die Mannschaft war keine Einheit. Sie hat keine Leidenschaft gezeigt. Und viel schlimmer: Sie war selbstherrlich." In einem Kommentar für die britische Sun zog Matthäus das Fazit: "Keine Anführer, keine Leidenschaft, keine Einstellung und die falsche Mannschaft."

Auch Löw stehe nun zurecht in der Kritik wegen seiner Kaderplanung. "Der Mannschaft fehlten Typen mit Ecken und Kanten wie Bayerns Sandro Wagner", kritisierte Matthäus. Beim WM-Personal habe Löw auch nicht genügend Wert auf schnelle Spieler wie Leroy Sane gelegt, der beim englischen Meister Manchester City zum Stammpersonal zählt, aber überraschend nicht mit nach Russland fahren durfte. Der vor dem Turnier verpasste Umbruch sei aber spätestens jetzt unumgänglich. "Die Mannschaft muss rund um Führungsspieler wie (Manuel) Neuer und (Toni) Kroos mit neuen Gesichtern aufgebaut werden", forderte der 150-fache Teamspieler.

Wo waren die Führungsspieler?

Paul Breitner befürchtet tiefgreifende Folgen bereits für die nächste Saison. "Das lässt sich der Fan nicht bieten. Die Diskussion über satte Profis, die es nicht mehr nötig haben, wird jetzt gnadenlos aufgetischt", sagte der Weltmeister von 1974 in einem Interview der Münchner Tageszeitung tz. Der 66-Jährige bezeichnete den Auftritt der DFB-Auswahl als Altherrenfußball. Breitner warf Löw vor, keine feste Mannschaft und keinen Plan gehabt zu haben.

Der einst von Löw aussortierte, ehemalige DFB-Kapitän Michael Ballack schloss sich der heftigen Kritik an. "Mit einer schlechten Mannschaft kann man immer früh ausscheiden, aber nicht mit einer Mannschaft wie dieser", schrieb er bei Twitter. Ballack forderte eine "ehrliche Bewertung" und schrieb dahinter auf Englisch: "Führung? Persönlichkeit? Mentalität?".

Der frühere Kapitän Oliver Kahn klagte als ZDF-Experte die Führungsspieler besonders an: "Man hat nicht das Gefühl gehabt, dass in dieser Mannschaft eine Achse vorhanden ist. Es bleibt ein Rätsel, wie man in so einem Zustand der phasenweisen Apathie dieses letzte Gruppenspiel hingenommen hat."

Thomas Berthold, Weltmeister von 1990, forderte eine intensive Aufarbeitung der WM-Blamage. "Der DFB und die Bundesliga müssen sich jetzt hinterfragen. Zum Beispiel, ob es sinnvoll war, vor der WM langfristig mit Löw zu verlängern", sagte Berthold dem "Kicker". Der Bundestrainer habe bei der Personalauswahl keine glücklichen Entscheidungen getroffen. "Auf Sane und mit Petersen oder Wagner auf einen weiteren Stürmer zu verzichten war riskant und hat sich letztlich als Fehler erwiesen", sagte der 53-Jährige.

Magath nahm Löw in Schutz

Nicht in den Chor der Löw-Kritiker stimmte Guido Buchwald mit ein, ebenfalls Weltmeister von 1990. Löw habe "in zwölf Jahren einen hervorragenden Job gemacht. Bei aller Enttäuschung muss man jetzt in Ruhe analysieren, dann sollte es mit ihm weitergehen", sagte der 57-Jährige dem Kicker. Als Grund für das Ausscheiden nannte Buchwald mangelnden Teamgeist und mentale Schwächen.

Der langjährige Bundesliga-Trainer Felix Magath ist entsetzt, nahm aber ebenfalls Löw in Schutz. "So ein kolossales Versagen hatte ich mir nicht vorstellen können. Der Auftritt unserer Nationalmannschaft war so desolat, dass es nicht damit getan ist, einen Schuldigen zu suchen", schreibt der 64-Jährige auf seiner Facebook-Seite. "Der Auftritt wirft eher die Frage auf, ob das, was wir spielen, das ist, was wir nur können. ... In unserem Klubfußball haben wir schon einige Jahre keine internationalen Titel mehr vorzuweisen. Nun ist offenbar auch die Nationalmannschaft in diesem Abwärtstrend", stellte Magath fest.

Der frühere Europameister Bernd Schuster glaubt nicht an ein Ende der Ära von Löw. "Joachim Löw wird weitermachen, und es wird nichts weiter passieren, als dass es im September einen Neuanfang gibt. Er hat genügend Kredit", sagte der frühere Mittelfeldspieler des FC Barcelona, von Real und Atletico Madrid in einem Interview des Radiosenders Onda Cero.