Steile Sache: Marek Hamsik ist der Star der Slowakei und beim SSC Neapel.

© REUTERS/MAX ROSSI

EURO 2016
06/26/2016

Deutschland ist vor Hamsik gewarnt

Der Irokesen-Schnitt auf seinem Haupt ist das Markenzeichen von Marek Hamsik. In Neapel verehrt, ist er auch das Um und Auf der Slowakei.

Wer in Neapel zu Diego Maradona betet, der sollte danach zügigst einen Kaffee bestellen. An dem Altar für den göttlichen Fußballer, der in der Bar Nilo aufgestellt ist, steht ein Schild in vielen Sprachen, auch auf Deutsch:

Wenn sie das foto machen und dann keinen espresso nehmen, dann konnte ihnen der fotoapparat runtetfallen (und das ware ja wirklich schade) ... sie verstehen!

Eine solch resolute Verehrung wie der frühere Volksheld Maradona genießt Marek Hamsik noch nicht in Spaccanapoli, der Altstadt Neapels. Doch in den Gassen nahe der Bar Nilo werden neben Diego-Krippenfiguren längst auch Püppchen des Slowaken verkauft. Und an den Hauptstraßen der Mittelmeermetropole hängen derart viele Werbeplakate vom aktuellen Starspieler von SSC Napoli, dass man meinen könnte, die Neapolitaner hielten bei der Europameisterschaft nicht zum Team des ungeliebten italienischen Zentralstaates, sondern zur Mannschaft der Slowakei. Hamsik zuliebe.

Gewarnt

Der Mittelfeldmann ist der Mittelpunkt des slowakischen Spiels und der Hauptgrund, warum es das kleine, 1993 gegründete Land mit seinen fünfeinhalb Millionen Einwohnern bei der ersten EM-Teilnahme gleich ins Achtelfinale geschafft hat. Aber Gegner Deutschland dürfte längst gewarnt sein. Nicht nur weil Hamsik mit seinem Weitschuss-Tor vor dreieinhalb Wochen den slowakischen 3:1-Testspielsieg über den Weltmeister eingeleitet hatte. Auch in der EM-Qualifikation war der Spielmacher mit fünf Treffern bester Torschütze seines Teams.

Und beim bisher einzigen EM-Erfolg im zweiten Gruppenduell mit Russland stritten die Experten hinterher, welche Aktion schöner anzusehen war: Hamsiks Traumpass über das halbe Spielfeld, der das 1:0 vorbereitete? Oder sein Schlenzer ins Kreuzeck zum 2:0?

Unstrittig unschön war wie immer sein Jubel danach. Die tätowierten Arme ausgestreckt, den Irokesenkamm aufgestellt wie ein Dinosaurier aus "Jurassic Park" und den Mund mit den prominenten Vorderzähnen so weit aufgerissen, dass sich einige Twitter-Nutzer an einen Pavian erinnert fühlten.

Es ist aber nicht sein extravagantes Äußeres, das den sonst eher introvertierten Hamsik zu einem der bisherigen EM-Stars gemacht hat. "Hamsik besser als Ronaldo", titelte eine Boulevardzeitung in der Heimat bereits. Bei der WM 2010, der bisher einzigen Teilnahme an einem großen Turnier, war er mit 22 Jahren noch am Druck gescheitert, der Star zu sein. Im Achtelfinale kam gegen den späteren Finalisten Niederlande das Aus.

Gereift

Nachdem es lange hieß, Hamsik rufe für sein Land nicht die gleichen Leistungen ab wie für seinen Verein, ist er nach 90 Länderspielen und 19 Treffern mittlerweile gereift. "Sein Spiel wird immer intelligenter", lobt sein Nationaltrainer Jan Kozak.

Der 28-Jährige ist ein Box-to-Box-Spieler, der zwischen beiden Strafräumen das Spiel prägt und dominiert. So hat Hamsik vergangene Saison nur sechs Tore für Vizemeister Napoli erzielt, so wenige wie noch nie, aber dafür elf Treffer vorbereitet. Von hängender Spitze bis Abräumer vor der Abwehr – Hamsik hat längst alles im Repertoire.

Nicht nur sein Trainer findet daher, er solle nicht nur auf der EM-Bühne im Rampenlicht stehen. "Die Zeit ist reif, für einen noch größeren Klub zu spielen", sagte Kozak. Meister Juventus Turin soll interessiert sein, Klubs aus der englischen Premier League könnten mit unmoralischen Offerten aufwarten.

"Ich hoffe, meine Zukunft wird in Neapel sein", sagte Hamsik jedoch. Schon mit 17 Jahren war er von Bratislava nach Italien gewechselt, kam 2007 aus Brescia zum damaligen Serie-A-Aufsteiger in den Süden. Neapel ist ihm ans Herz gewachsen: "Ich wohne hier nicht zur Miete, ich bin hier zu Hause." Obwohl er schon drei Mal auf offener Straße überfallen wurde und man seiner schwangeren Frau mit vorgehaltener Waffe das Auto abnahm. "Das sind die Nachteile, in Neapel zu leben."

Vielleicht sind die Treueschwüre nur eine Taktik, um seinen 2018 auslaufenden Vertrag möglichst lukrativ zu verlängern. Oder er schielt darauf, seinen eigenen Schrein in Spaccanapoli zu erhalten – mit eigenen, resoluten Altarwächtern.

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