Sport | Formel-1 11.05.2018

Zweierbeziehungen in der Formel 1: Wer ist hier der Boss?

Crash-Test: In Baku eskalierte das Red-Bull-Duell zwischen Ricciardo und Verstappen (vorne). © Bild: DIENER/Extra

Der folgenschwere Unfall der beiden Red-Bull-Piloten vor zwei Wochen befeuert die Stallduelle bei den drei Top-Teams.

Sie kennen Max Verstappen. Aus dem Rückspiegel auf der Autobahn. Der Niederländer ist der Typ hinter ihnen auf der Überholspur, der ungeduldige und unangenehme Drängler mit der Lichthupe. Allerdings mit dem feinen Unterschied, dass wir hier nicht von Tempo 140 sprechen, sondern von etwa 340.

Und ist dieser Max Verstappen einmal vor einem, dann ist der Stressfaktor nur ungleich geringer. In den Genuss der abrupten Spurenwechsel kam vor zwei Wochen sein Teamkollege Daniel Ricciardo. Der Ausgang des Formel-1-Rennens in Baku ist bekannt: Für Red Bull gab es viel Schrott und noch mehr Spott sowie in aussichtsreicher Position nicht einen WM-Punkt. Das Duell der beiden Piloten wird trotz teaminterner Krisensitzung samt Kopfwäsche wohl auch beim Großen Preis von Spanien am Sonntag (15.10 Uhr) über die Runden gehen.

Munter drauf los

Dass Red Bull seine beide Fahrer auch nach dem Crash munter drauflos fahren lässt und auf eine Stallorder verzichtet, darf die Fans freuen. Denn das Duell VerstappenRicciardo ist das brisanteste in der gesamten Formel 1.

Viel steht für beide in diesem Jahr auf dem Spiel. Der 20-jährige Niederländer, der jüngste Rennsieger der Geschichte, soll im Red Bull auch zum jüngsten Weltmeister werden. Bis inklusive 2020 hat er dafür noch Zeit. Sein Talent gilt als unbestritten, jedoch kam zuletzt der Reifeprozess ein wenig ins Stocken. Im erstmals seit Langem wieder siegfähigen Red Bull sah Verstappen in zwei von vier Saisonrennen nicht die Ziellinie.

Währenddessen fährt China-Sieger Daniel Ricciardo in der Form seines Lebens und macht sich dadurch in seinem letzten Vertragsjahr beim österreichischen Rennstall für andere Arbeitgeber ( Mercedes, Ferrari) interessant. Der Trennungsschmerz wird sich in Grenzen halten, verdient der acht Jahre ältere Ricciardo nach Verstappens Vertragsverlängerung gerade einmal die Hälfte im Vergleich zum Wunderkind.

Diese Situation birgt Brisanz und ist für den neutralen Beobachter ein ideales Szenario. Und auf der Couch ist auch dieses mulmige Gefühl vom Drängler im Rückspiegel wie verflogen.

Duelle

Quali17/GP17 Quali18/GP18

VER:RIC  13:7/11:9

2:2/0:2

Brazilian Grand Prix 2017
Mann im Hintergrund: Vettel ist die Nummer eins bei Ferrari, doch Räikkönen holt allmählich auf. © Bild: REUTERS/PAULO WHITAKER

Ferrari: Der Chefpilot hat harte Konkurrenz

Das Rennen in Aserbaidschan kannte viele Verlierer: Bottas, Ricciardo, Verstappen (alle out), Vettel (übermütig). Selbst Sieger Hamilton sah nach seinem glücklichen Sieg alles andere als zufrieden aus, nachdem der Brite erneut nicht das Potenzial des Silberpfeils ausschöpfen konnte. Der vielleicht größte Sieger des Grand Prix stand eine Stufe unter Hamilton: Kimi Räikkönen.
Der Finne umkurvte auf dem Weg zu Rang zwei geschickt alle Hindernisse und hielt dabei  seinen Ferrari-Kollegen Vettel mühelos hinter sich.  Die wichtigste Erkenntnis aus Sicht von Räikkönen war aber: Anders als in der Vergangenheit durfte er Vettel hinter sich halten.

Nie hatte Vettel seit seiner Ankunft bei Ferrari im Jahr 2015 einen besseren Räikkönen als Teamkollegen.  Die deutsch-finnische Partnerschaft war in den vergangenen Saisonen die eindeutigste aller Zweierbeziehungen.  Der Finne kam im Vergleich mit dem Vierfach-Weltmeister auf weniger als die Hälfte  der Podestplätze, in punkto Rennsiege steht es in diesem Zeitraum 10:0 für Vettel.

Doch der Deutsche erkennt selbst: „Eine Sache ist immer, nur auf die Resultate zu sehen, eine andere ist es, wenn du ein wenig genauer hinsiehst. Es ist unglaublich eng zwischen uns bislang in diesem Jahr.“

Beide sind wichtig

Der Unterschied zwischen den beiden im Qualifying liegt im Tausendstelsekunden-Bereich, in der WM weist Räikkönen lediglich 18 Punkte Rückstand auf Vettel auf.

Für Ferrari verläuft die Partnerschaft bislang ideal. Und die Teamführung weiß, dass sie beide Piloten benötigt, um Mercedes den Konstrukteurstitel endlich zu entreißen. Eine frühe Stallorder zugunsten von Vettel wäre womöglich Gift für Räikkönens Enthusiasmus, den Silberpfeilen und  Red Bull im zurzeit ausgeglichenen Dreikampf WM-Punkte abzuknöpfen. Für Räikkönen selbst ist die Sache recht klar: „Zunächst hängt alles davon ab, wer von uns  weiter vorne in der Startaufstellung steht und wer nach Kurve eins voran ist. Danach herrschen für uns beide klare und einfache Regeln. Das war immer so in meinen Teams.“

Duelle Quali17/GP17 Quali18/GP18
VET : RÄI 15:5/16:33:1/2:2

 

2018 Azerbaijan Grand Prix, Saturday - Wolfgang Wilhelm
Auf Augenhöhe: Bottas hat gegen Hamilton (re.) aufgeholt. © Bild: Daimler AG/Mercedes AMG Media/Wilhelm

Mercedes: Der Weltmeister sucht sich selbst

Selten hat ein Rennsieger, der gerade die WM-Führung erobert hat, ratloser ausgesehen als Lewis Hamilton in Aserbaidschan. Der Sieg war ihm dank eines Reifenschadens seines Mercedes-Teamkollegen Valtteri Bottas in den Schoß gefallen, mit seinem neuen Dienstwagen kommt er nicht wie gewohnt über die Runden. Und  erst diese Konkurrenz! Die ist für Seriensieger Mercedes so stark wie noch nie in der  Hybrid-Turbo-Ära (seit 2014).

„Es waren zwei verrückte Rennen  nötig, damit wir vorne dabei sind“, gestand Hamilton nach dem Sieg in Baku. Es war sein Premiersieg 2018 und der erste nach (saisonübergreifend) sechs Grands Prix ohne Erfolg.

Eigene Liga

Immerhin eine stolze Serie konnte der Engländer mit dem Erfolg   ausbauen. Auch in seiner zwölften Formel-1-Saison gelang Hamilton zumindest ein Grand-Prix-Sieg. Das beweist nicht nur seine Klasse, sondern auch, wie lange der 33-Jährige schon seine eigenen Kreise in der Königsklasse zieht.

Einige mögen damit seine derzeitige Antriebslosigkeit  begründet wissen. Hamilton fehle nach zuletzt drei WM-Titeln in vier Jahren der nötige Biss, um   dem angriffslustigen Vettel im derzeit (noch) etwas schnelleren Ferrari   Paroli bieten zu können. Dass ausgerechnet sein Teamkollege Valtteri Bottas der Mann der Stunde ist (zuletzt zwei Mal Zweiter sowie den Sieg vor Augen in Baku), macht die Sache für Hamilton auch nicht einfacher.

Andererseits hat Lewis Hamilton als einziger Pilot der Top-3-Teams keine Punkte aus eigenem Verschulden liegen gelassen. Und kaum einer weiß besser:  Weltmeisterschaften gewinnst du an deinen schlechten Tagen.

Und bekommt er irgendwann seinen Silberpfeil komplett in den Griff, ist er nur noch schwer zu schlagen. In der Vorsaison war Silverstone der Wendepunkt, nachdem er wenige Tage zuvor den Jet-Set auf einer Insel genossen und Kritik geerntet hat. Auch vor dem dieswöchigen Spanien-Rennen suchte Lewis Hamilton das Weite – und fand es bei der Met-Gala in New York City.

Duelle Quali17/GP17 Quali18/GP18
HAM : BOT 13:7/12:82:2/2:2

( kurier.at ) Erstellt am 11.05.2018