Sport | Formel-1
08.11.2017

Zielflagge für eine Rennsport-Nation

Nach fast einem halben Jahrhundert voller Triumphe und Tragödien gibt 2018 kein Brasilianer mehr Gas.

Manchmal fasst ein Bild, ja bereits eine einzelne Geste, die gesamte Karriere eines Sportlers zusammen. Bei Sprinter Usain Bolt ist es die Siegespose als Blitz, bei Box-Ikone Muhammad Ali die geballte Faust, bei Skifahrer Hermann Maier der Abflug in der Abfahrt von Nagano.

Auch der brasilianische Formel-1-Fahrer Felipe Massa hat – nicht ganz freiwillig – ein Markenzeichen für seine Laufbahn auf der Rennbahn entwickelt: die Tränen.

Im Jahr 2008 weinte der Rennsieger Tränen der Enttäuschung, als er in der allerletzten Runde der Saison vor Heimpublikum in São Paulo den WM-Titel Lewis Hamilton überlassen musste, dem noch ein letztes Überholmanöver gelungen war; acht Jahre später verabschiedete sich Massa an Ort und Stelle mit feuchten Augen aus der Königsklasse.

Und auch am Sonntag wird der 36-jährige Williams-Pilot beim Großen Preis von Brasilien (17 Uhr MEZ), dem vorletzten Rennen der Saison 2017, eine emotionale Abschiedsrunde drehen. Die fünfzehnjährige Formel-1-Karriere von Felipe Massa neigt sich nach dem Rücktritt vom Rücktritt nun wirklich dem Ende entgegen.

Emotional & final

Doch irgendetwas ist diesmal dennoch anders, bedeutender, emotionaler, finaler als im Vorjahr. Das hat auch mit dem Umstand zu tun, dass heuer die Weltmeisterschaft vor dem Rennen in Interlagos bereits entschieden ist.

Logisch, dass sich daher die Aufmerksamkeit auf den Lokalmatador richtet. Den letzten seiner Art. Mit Felipe Massa verabschiedet sich nicht nur ein Pilot aus der Königsklasse, sondern ein gesamtes Motorsportland.

Zwar sind noch nicht alle Cockpits für die Saison 2018 besetzt, doch die Anzeichen verdichten sich: Nach fast einem halben Jahrhundert wird demnächst kein Brasilianer mehr in der Formel 1 Gas geben. Der Ausstieg markiert das Ende einer Ära.

Die letzte Saison, in der die gelb-grün-blaue Flagge nicht in den Ergebnislisten zu sehen war, ging 1969 über die Runden. Ein Jahr später stieg Emerson Fittipaldi ein – und beschleunigte die Rennsport-Ambitionen seines Landes. "Die Chance, das Jahr zu überleben, stand 7:1", sagt Fittipaldi, der mit Jochen Rindt bis zu dessen Unfalltod eine Schicksalsgemeinschaft bei Lotus einging, im Rückblick. Fittipaldi, seit 1974 zweifacher Weltmeister, hatte Glück. Der 70-Jährige überlebte sogar einen Flugzeugabsturz.

Immerhin überließ Fittipaldi die Nachwuchsförderung nicht anderen: In drei Ehen entstanden sieben Kinder. "Kinder und Kurven – beides können Schikanen sein", sagt er nicht ohne Ironie.

Talentiert & dominant

Vermutlich sogar mit noch mehr Talent, dafür aber auch mit weniger Schutzengeln ausgestattet als Pionier Fittipaldi war Ayrton Senna. Die brasilianische Dominanz in der Königsklasse (sechs WM-Titel durch Nelson Piquet und Senna zwischen 1981 und 1991) endete rasend schnell – und zwar mit dem Tod Sennas im Mai 1994.

Die Gott-ähnliche Verehrung des National-Eiligen sollte seither zu einem kaum überwindbaren Fluch für aufstrebende Talente aus Brasilien werden.

Zwar stellte die stolze Nation in der Folge nicht nur den einen oder anderen Rennsieger, sondern mit Rubens Barrichello auch einen Rekordmann. Der langjährige Gehilfe von Michael Schumacher bei Ferrari kam zwischen 1993 und 2011 auf unerreichte 323 Grand-Prix-Starts und nebenbei zwei Vizeweltmeistertitel. Den ungeliebten Status teilt er sich mit Landsmann Felipe Massa.

Womit man wieder beim letzten Rennen der Saison 2008 wäre, und bei Massas Tränen. Denn der bis heute letzte Formel-1-Rennerfolg eines Brasilianers ist ein Sieg, der als nationale Enttäuschung in die Geschichtsbücher eingegangen ist.