Tour de Pologne - 1st stage

© EPA / ANDRZEJ GRYGIEL

Sport
08/19/2020

Ex-Radprofi Eisel über die Sturzorgien: "Allen fehlt die Übung"

Der 12-fache Tour-de-France-Teilnehmer kennt den Hauptgrund für die vielen Unfälle: "Keiner hat richtig viel Rennpraxis."

von Christoph Geiler

Bernhard Eisel (39) beendete im Jänner seine Profi-Karriere. Den Radsport verfolgt er aber immer noch intensiv. Bei der Tour de France wird er als TV-Experte für Eurosport am Start sein.

Warum vergeht im Moment praktisch kein Radrennen ohne heftige Stürze und schwere Verletzungen?

Man kann gut beobachten, dass alle im Feld gerade supernervös sind. Keine Mannschaft will sich die Blöße geben und hinterherfahren. So viele Rennen gibt es heuer nicht. Ich habe den Eindruck, dass viele Fahrer sich denken: "Wir wissen nicht, wie lange diese Saison überhaupt geht. Also präsentieren wir uns lieber gut."

Die Fahrerstehen also unter großem Druck.

Ganz sicher. Ich glaube allerdings nicht, dass die Fahrer jetzt von ihren Teams und Managern den großen Druck verspüren. Man muss auch sagen: Von den Leuten, die jetzt so schwer gestürzt sind, hat keiner Existenzängste oder muss fürchten, dass er nächstes Jahr keinen Vertrag hat. Der entscheidende Grund für die vielen Stürze ist für mich ein anderer.

Was denn?

Allen fehlt im Moment etwas die Übung. Keiner hat richtig viel Rennpraxis. Und das merkt man dem gesamten Feld an. Es ist ja bei der MotoGP nicht anders, da passieren auch extrem viele Unfälle. Auch denen fehlt die Praxis.

 

Es gab zuletzt aber auch heftige Kritik der Fahrer an der  Kursführung bei der Dauphine-Rundfahrt.

Diese Abfahrt, die jetzt alle kritisieren, hätte in dieser Form auch nie gefahren werden dürfen. Die Straße  war zu schlecht und viel zu schmal, das darf es in der World Tour nicht geben. Wir sehen es ja jetzt auch bei der Tour de Wallonie. Da gibt’s  Schlaglöcher ohne Ende und circa sechs Millionen Fahrbahnverengungen.

Also sind Stürze praktisch vorprogrammiert?

Ja. Das ist zu befürchten.

Dafür, dass die Radfahrer mit 100 km/h die engen Straßen hinunter rasen, passieren trotzdem vergleichsweise wenig schwere Unfälle.

Weil es im Feld grundsätzlich kontrolliert abläuft und man auch aufeinander aufpasst. Und natürlich weiß auch jeder Profi, was er im Ernstfall zu tun hat. Zum Beispiel: Wenn da eine Leitschiene ist oder eine Mauer, dann darf man da niemals drüber.

Sie sprechen den Sturz des belgischen Jungstars Remco Evenepoel an, der  bei der Lombardei-Rundfahrt in eine Schlucht gefallen ist.

Wo eine Mauer steht, geht es dahinter steil runter. Das weiß man einfach.

Was hätte Evenepoel anders machen können bzw. sollen?

Langsamer fahren. Klingt blöd, aber das ist einfach so. Er ist noch jung und mutig, vielleicht hat er diese Kurve unterschätzt. Das endet dann eben so.

Ein anderer Fall ist  der Sturz des Niederländers Fabio Jakobsen bei der Polen-Rundfahrt. Er wurde von seinem Landsmann Dylan Groenewegen in die Absperrung gerempelt.

Groenewegen hat in diesem Zielsprint definitiv einen riesigen Fehler gemacht. Er hat erstens seine Spur verlassen und  dann auch noch den Ellbogen draußen. Aber das, was er jetzt durchmachen muss, das ist auch nicht gerechtfertigt. Wenn ein  Sportler daheim einen Personenschutz braucht, dann geht das eindeutig zu weit. Man muss nach so einem Unfall auch nicht gleich nach der Polizei rufen und Klagen fordern.

Wie ist Ihre Meinung?

Natürlich kann man jetzt behaupten, dass er das absichtlich gemacht hat, weil er ihn zurückhalten wollte. Aber Groenewegen deshalb gleich Absicht zu unterstellen, dass er ihn verletzen oder über die Bande rausschicken wollte, das darf nicht sein. Vergleichen wir es einmal mit anderen Sportarten: Auch im Fußball geht man ab und an einmal ein bisschen wilder zur Sache und es passiert halt was. 100 Mal geht’s gut, einmal geht’s schlecht. Und dann hat man sofort den  Makel, dass man der Wilde ist und es  werden alle alten Szenen rausgeholt, wo er vielleicht schon einmal gedrängt hat. Ich sage: Auch den Veranstaltern dürfen diese kleinen Fehler nicht passieren, wie sie jetzt vorgekommen sind. Aber sie passieren eben.

Worauf wollen Sie hinaus?

Wenn ein Zielsprint bergab geht, dann liegt der Fehler eindeutig beim Veranstalter. Eine Abfahrt als Zielsprint hat im Profiradsport nichts verloren. Normal ist man da schon mit 70 km/h unterwegs. Mit 84 km/h ist es nicht machbar.

Welcher heftige Sturz ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Einer, bei dem ich mich gar nicht einmal so schwer verletzt habe. Mich hat’s einmal bei der Tour de France im Zielsprint erwischt. Bei Tempo 60 bist du nur mehr Passagier. Und dann sind auf einmal 20 Leute auf mir gelegen.

Was ist  passiert?

Wenn da plötzlich rund um dich mehrere Leute  kugeln, dann hast du das Gefühl, als ob du in der Waschmaschine wärst. Du drehst dich, rollst dich ab, dann geht’s wieder in die Richtung. Und dann liegst  du  da  und  glaubst schon, es ist vorbei und dann kommt von hinten der Nächste und  fährt in dich rein. Da denkst du dir dann, sofern du  überhaupt noch bei Bewusstsein bist:  "Kann das jetzt bitte aufhören, bitte nicht noch einer."

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