Ernst Happel, der Unberechenbare: "Zauberer, darüber schreib’n S’ ma nix"
Anders als in Hütteldorf, wo Rapid in einer Ausstellung Ernst Happel würdigt, können mit dessen Namen manche Popkonzert-Besucher, die das Ernst-Happel-Stadion alle Sommer wieder füllen, wenig anfangen.
Ernst Happel, der Unberechenbare
Ihnen sei gesagt: Happel, der am heutigen 29. November 100 Jahre alt geworden wäre, war Österreichs unberechenbarste Fußballpersönlichkeit. Beispiele lieferte er auch nach seiner Spielerkarriere als Trainer genug:
... wie er 1970 in Como bei Feyenoords Training für das Europacup-Finale gegen Celtic auf die (damals noch eckige Torlatte) eine Dose legen ließ und die mit links wie rechts von der Strafraumgrenze runter schoss. Im Gegensatz zu seinen Stars, die anderntags in Mailand mit Happels genialem Wiener Lieblingssorgenkind Franz Hasil den Meisterpokal gewannen;
... wie er bei der WM ’78 als niederländischer Bondscoach seine Landsleute taktisch so austrickste, dass Österreich in Cordoba (wo kurz später das 3:2 gegen Deutschland gelang) in ein 1:5-Debakel schlitterte;
... wie Happel vor Anpfiff des WM-Finales 1978 in Buenos Aires, wo Argentiniens Sieg von der verbrecherischen Militärjunta befohlen schien, auf das vom Schiedsrichter plötzlich über Holland-Star Willy van de Kerkhof (wegen dessen Gipshand) verhängte Spielverbot reagierte, indem er, wissend, dass ein verspäteter Beginn der Satelliten-Übertragung Millionen gekostet hätte, eiskalt sagte: „Okay, dann muss ein anderer 20 Minuten aufwärmen. Früher spielen wir nicht.“ Worauf man Van de Kerkhof doch antreten ließ;
... wie Happel nach der umstrittenen Finalniederlage, alle FIFA-Anordnungen plus Teilnahmepflicht an der internationalen Pressekonferenz im River-Plate-Stadion ignorierend, lieber mit Wiener Reportern auf ein Bier ging;
... wie Happel 1983 mit dem Hamburger SV das Meistercup-Finale gegen Juventus 1:0 gewann und sich Deutschlands Fußballidole Franz Beckenbauer und Günter Netzer in ihrer hohen Meinung über den Wiener bestätigt sahen, wonach der seiner Trainerzeit voraus war;
... wie mir Ernst Happel (damals Trainer des FC Tirol) am Heiligen Abend 1988 in einem Wiener Gürtel-Café nach der x-ten Zigarette verriet, dass er gerade ein Superangebot aus dem Iran und die Diagnose Lungenkrebs erhalten habe. „Aber gell, Zauberer, darüber schreib’n S’ ma nix.“
... wie Happel bei der WM 1990 als KURIER-Kolumnist fungierte, obwohl ihm die Bild-Zeitung in Mark netto mehr als der KURIER brutto in Schilling geboten hatte;
... wie er als ÖFB-Teamchef am 28. Oktober 1992, gezeichnet vom Krebs, beim 5:2-Länderspielsieg gegen Israel bis zur letzten Minute durchhielt. Gleichsam bis zum bald letzten Lungenzug. Seinen 67. Geburtstag am 29. 11. durfte Ernst Happel nicht mehr erleben.
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