Unzufrieden: Viele Brasilianer gehen täglich auf die Straßen um gegen die hohen Ausgaben für die WM zu protestieren.

© Reuters

Lokalaugenschein
04/13/2014

Viele Misstöne vor dem Fußball-Fest

In zwei Monaten beginnt in Brasilien die Fußball-WM. Nicht für alle ein Grund zur Freude.

von Walter Friedl

Einsam zieht der Straßenhändler Gilvan mit seinem umgebauten Fahrrad seine Runden um das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro. Auch wenn nicht gerade ein Spieltag in der brasilianischen Liga ansteht, versucht er, kaltes Wasser oder Bier zu verkaufen. Damit ist demnächst Schluss, die FIFA hat eine weitläufige Bannmeile um das Oval gezogen, in dem das Finale der Fußball-WM ausgetragen wird.

"Das ist natürlich gar nicht gut für mein Geschäft, immerhin lebt meine ganze Familie davon", ärgert sich der 49-Jährige, der verheiratet ist und drei Kinder hat. Er werde versuchen, vor dem Sperrgürtel seine Getränke anzubringen – mit wenig Aussicht auf Erfolg. Gilvan teilt sein Schicksal landesweit mit geschätzten 300.000 Straßenhändlern, denen die WM Einbußen bringen wird.

Viele in Brasilien klagen über den sportlichen Mega-Event, in Rio oder São Paolo kommt es fast täglich zu Protesten, die sich während des Turniers, das in zwei Monaten beginnt, noch ausweiten dürften. Kritisiert wird vor allem, dass Milliarden für Stadien und das Drumherum ausgegeben wurden (Schätzungen gehen von bis zu elf Milliarden Euro aus), während der Gesundheits-, Bildungs- und Verkehrs-Sektor im Argen liegen. "Das Stadion in Brasilia hat 1,2 Milliarden Reais (Anm.: rund 400 Millionen Euro) gekostet, obwohl es dort nur einen Drittligisten gibt", sagt der Salesianer Raymundo Mesquita, der wie viele andere mit dem Weltfußballverband-Verband FIFA scharf ins Gericht geht (siehe Interview rechts).

Verkehrschaos

Stichwort Verkehr: Rios Straßen sind fast immer hoffnungslos verstopft, dasselbe gilt auch für die übrigen Metropolen des 200-Millionen-Einwohner-Landes. Kein Wunder, hat sich doch die Zahl der Autos in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Zugleich sind die öffentlichen Verkehrsmittel unterentwickelt: Rio hat gerade einmal zwei U-Bahnen, eine rote und eine grüne Linie, die noch dazu über weite Strecken parallel geführt werden. Ist man auf Busse angewiesen, die überaus unregelmäßig verkehren, kann man schon einmal zwei Stunden in die Arbeit brauchen. Und dafür zahlt man pro Fahrt drei Reais (einen Euro). Benötigt man zwei Busse, muss man also pro Tag vier Euro investieren, im Monat (nur Werktage gerechnet) 80 Euro – derzeit liegt der staatliche Mindestlohn bei umgerechnet 200 Euro.

Ein weiterer Kernpunkt der WM-Kritiker sind die exorbitant gestiegenen Lebenshaltungskosten, die schon lange vor dem Turnier massiv angezogen haben. Eine österreichische Journalistin, die seit Jänner in Rio lebt: "Gott sei dank haben wir unsere 50-Quadratmeter-Wohnung bereits im Herbst gebucht, heute würden wir sicher mehr als die 1000 Euro Miete pro Monat zahlen." In den wichtigen WM-Städten werden Zimmer der obersten Kategorie schon um bis zu 1000 Dollar pro Nacht gehandelt, in einem Drei-Sterne-Hotel kommt man während der WM auf knapp 400 Euro.

Soziale Säuberung

Fußballfans, ausländische wie brasilianische, die sich solche Preise leisten können, werden die Armut, in der jeder Vierte hier im Land lebt, kaum sehen. Denn bis zu 170.000 wurden im Zuge der Stadion- beziehungsweise Infrastruktur-Bauten umgesiedelt. "In Rio waren 20.000 Menschen aus den unteren Schichten betroffen", sagt Renato Consentino von der brasilianischen Menschenrechtsorganisation Justicia Global, "wir sprechen von sozialen Säuberungen." Manche Familien hätten kleine Entschädigungen erhalten, andere gar nichts. Allesamt seien sie weit an den Stadtrand gedrängt worden, wo die Lage hinsichtlich Schule, Gesundheitsversorgung oder Verkehrswesen miserabel sei.

Natürlich gibt es auch unzählige positive Stimmen zur WM. Eine davon gehört der 70-jährigen Cemilde de Cavalho, die in der Favela (Armensiedlung) Jacarezinho in Rio wohnt. "Alle werden tanzen, es wird ein Riesenfest. Ihr kommt ja auch deswegen her", sagt die rüstige und resolute Dame. Die Spiele werde sie sich im Fernsehen anschauen.

Der Straßenhändler Gilvan aber wird in dieser Zeit weit weg vom Geschehen vergeblich auf Kunden warten.

Die FIFA regiert unser Land seit einiger Zeit

Er ist gleichsam der große alte Mann der Don-Bosco-Salesianer. Raymundo Mesquita setzte sich zeitlebens dafür ein, Kindern aus ärmsten Verhältnissen durch Sport und Bildung eine Zukunftsperspektive zu eröffnen. Bis heute werden seine Initiativen von der österreichischen Hilfsorganisation "Jugend Eine Welt" unterstützt. Von der WM hält der 82-Jährige nichts. Mit dem KURIER sprach er über ...

... die Proteste gegen die WM "Die sind verständlich, die Regierung steckt Milliarden in diesen Event, und im Amazonas sind die Straßen so desolat, dass oft keine Lebensmittel durchkommen. Selbst bei uns in Rio fällt der Strom immer wieder aus."

... den Weltfußballverband "Die FIFA regiert unser Land seit einiger Zeit. Wir können nicht akzeptieren, dass unsere Regierung nur die Bedürfnisse dieser Organisation befriedigt, die sozialen Bedürfnisse des Volkes aber vernachlässigt. Die FIFA interessiert nicht, wie hier alles abläuft und was nach der WM sein wird. Die FIFA interessiert nur ihr Gewinn."

... die Armut im Land "Es gibt bei uns keine Armut der Mittel, sondern es mangelt am Bewusstsein, die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten aufzuheben."

... die Korruption "Mit dem Zuschlag der WM hat die schlimmste Zeit der Korruption begonnen. Wir sind schon Weltmeister der Korruption."

... etwaige positive Effekte der WM "Das einzig Positive ist, dass die Menschen aufstehen und die Missstände diskutieren. Es freut mich, dass ich das mit 82 Jahren noch erleben darf."

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