Sport
02.09.2018

Der unaufhaltsame Aufstieg des Klettersports

Die WM in Innsbruck ist der Höhepunkt für einen Sport, mit dem es steil bergauf geht.

Wenn Reini Scherer von seinen ersten Gehversuchen im Sportklettern erzählt, dann wähnt man sich in der fernen Vergangenheit. An der Holzfassade des elterlichen Bauernhofes in Obertilliach übte der Osttiroler seinerzeit seine Fingerfertigkeit und Trittsicherheit, der Misthaufen diente ihm bei Fehlgriffen als Absicherung. „Wenn der Mist einmal getrocknet ist, dann ist er weich wie eine Matte“, erzählt Scherer.

Nicht im entferntesten hätte der junge Kraxel-Pionier aus dem hintersten Lesachtal damals gedacht, dass das Sportklettern einmal so hoch im Kurs oder gar im olympischen Programm stehen würde. Geschweige, dass er 35 Jahre später einmal Herr über ein dermaßen imposantes Kletterzentrum sein würde, wie es nun seit gut eineinhalb Jahren in Innsbruck zu bestaunen gibt. Mit allein 6000 Quadratmetern Kletterfläche, Outdoor wie Indoor, mit 700 verschiedenen Routen und Boulder-Hindernissen, mit einem eigenem Bistro und 40 Mitarbeitern, die den Ganzjahresbetrieb am Laufen halten. „Eine Anlage wie diese war damals höchstens eine Kletter-Science-Fiction-Vision“, meint Scherer.

Gipfelsturm

Der heutige Geschäftsführer des Innsbrucker Kletterzentrums war als Jugendcoach und später dann als Nationaltrainer Wegbereiter für die rot-weiß-roten Gipfelstürme im Sportklettern. Überhaupt hat kaum jemand den Sport im vergangenen Vierteljahrhundert so geprägt und entwickelt wie die Kletterer, Trainer und Funktionäre aus Österreich. Nicht von ungefähr wurde Innsbruck vom Weltverband mit der Austragung der WM bedacht, die am kommenden Donnerstag eröffnet wird und bis zum Finale am 16. September bis zu 50.000 Fans anlocken soll. Der ORF überträgt wie zehn andere Sender live, angesichts der Olympia-Premiere 2020 in Tokio schickt sogar das japanische Staatsfernsehen ein TV-Team nach Tirol.

Aufwärtstrend

„Man merkt, dass Olympia unserem Sport noch einmal Rückenwind verliehen hat“, sagt Jakob Schubert. Der Tiroler ist in der Königsdisziplin Lead aktuell die Nummer eins der Welt und genauso eine Medaillenhoffnung wie die Niederösterreicherin Jessica Pilz, die im Lead-Weltcup auf dem zweiten Platz liegt. „Innsbruck soll für alle vor allem eine unvergessliche WM werden“, gibt Verbandschef Eugen Burtscher die Marschroute vor.

Das ist auch im Sinn von Reini Scherer, dem der Volkssport Klettern ein Anliegen ist. „Das Klettern ist in unseren Genen, genauso wie Laufen oder Schwimmen.“ Wer an einem Samstag das Innsbrucker Kletterzentrum besucht, wer dabei Kleinkinder bis hin zum 86-jährigen Pensionisten beim Kraxeln sieht, dem wird klar, dass das nicht nur ein lautes Lebenszeichen eines Boomsports ist, sondern ein Aufwärts-Trend, dem vorerst keine Grenzen gesetzt zu sein scheinen. Das beweisen die Hunderten Kletterwände, die mittlerweile in ganz Österreich errichtet wurden, das zeigen auch die 170.000 Besucher, die im ersten Jahr ins Innsbrucker Kletterzentrum kamen. „Damit sind wir eine der wenigen Sportstätten in Österreich, die für den laufenden Betrieb keine Subventionen benötigen“, sagt Geschäftsführer Reini Scherer.

Wie weit es das Klettern gebracht hat, zeigte sich zuletzt bei einer achten Klasse des Innsbrucker Reithmanngymnasiums. Die Schüler aus dem Sportzweig legten ihre Matura im Fach Klettern ab.

WM in Innsbruck

Programm Lead Qualifikation (6. und 7. 9.), Finale (8. und 9. 9.)

Bouldern Qualifikation (11. und 12. 9.), Finale (14. und 15. 9.)

Speed Qualifikation/Finale (13. 9.)

Kombination 16. 9.

Paraclimbing Qualifikation (11. und 12. 9.), Finale (13. und 14. 9.)