Sport
04.01.2018

Der tiefe Fall der Sumo-Ringer

Japans traditioneller Sport steckt in einer tiefen Krise. Vor allem seine höchsten Vertreter leisten sich zahlreiche Fehltritte.

Eigentlich ist es ein Bagatell-Delikt, verglichen mit den Taten, die sich Sportler im Westen manchmal erlauben: Die Sumo-Legende Harumafuji muss eine Geldstrafe von 500.000 Yen - etwa 3.700 Euro - begleichen, weil er einen jüngeren Kollegen angegriffen und verletzt hat. In Japan ist es ein schwerwiegender Skandal, der das Image der traditionellen und einstmals hochgeachteten Sportart weiter beschmutzt.

Harumafuji und sein mongolischer Landsmann Takanoiwa gerieten bei einem Trinkgelage in einer Bar in Streit - Berichten zufolge soll Harumafuji auf den jüngeren losgegangen sein, weil dieser mit seinem Smartphone spielte, anstatt einer Belehrung des Großmeisters Hakuho zu lauschen. Zum Verständnis: Als Yokozuna bekleidete Harumafuji damals den höchstmöglichen Rang unter den Sumo-Ringern, das Amt des Großmeisters. Bis er - als Folge des Skandals - im Oktober seine Karriere mit nur 33 Jahren bei einer tränenreichen Pressekonferenz für beendet erklären musste, war Harumafuji einer von nur vier Yokozuna in Japan.

Die Krise des Sumo-Sports ist tief verwurzelt in der japanischen Kultur. Zwischen 1998 und 2017 gab es keinen japanischen Yokozuna, erst Kisenosato erreichte diesen Rang vor genau einem Jahr. Er stellt eine Ausnahme dar, denn die meisten Spitzenringer sind mittlerweile mongolischer Abstammung. Einer von ihnen, bekannt als Asashoryu Akinori, ist symbolisch für den tiefen Fall des Sumo-Ringens in der japanischen Öffentlichkeit. Er neigte zu Trinkgelagen, Gewaltausbrüchen, beschimpfte Schiedsrichter, missachtete Kleidervorschriften - eine Schande für einen Sport, dessen wesentliche Wurzel seine Tradition ist. Bei alledem war er aber vor allem eines: erfolgreich.

Als erster Sumo überhaupt gewann Asashoryu alle sechs großen Sumo-Turniere eines Jahres. 2010 endete seine Karriere - wie jene von Harumafuji - wegen einer Schlägerei, in die er verwickelt gewesen sein soll. Sein großer Rivale, der zuvor erwähnte Hakuho, verhielt sich mit fortschreitender Karriere keinen Deut besser. Er beging Unsportlichkeiten, Respektlosigkeiten - und als er einen 44 Jahre alten Rekord brach, erschien er am nächsten Morgen schwer betrunken zur Pressekonferenz.

Die Ära von Asashoryu und Hakuho stürzte den ehrwürdigen Sport in eine tiefe Krise. Die zwei dominanten Ringer des letzten Jahrzehnts - einer von ihnen, Asashoryu, von Anfang an unbeliebt, der andere, Hakuho, vom traditionsfürchtigen Publikumsliebling zum Rüpel gefallen - repräsentierten den Sport alles andere als angemessen. Das Ansehen des Sumo sank, sowohl in Japan als auch außerhalb. Die Folgen waren dramatisch: Es fehlte an neuen Rekruten, vor allem aus Japan, und die Sponsoren, die den erfolgreichen Kämpfern über viele Jahre hinweg ihr hartes Training entlohnt hatten, zogen sich zurück.

Hinzu kommt die Grausamkeit, die dem Sumo über viele Jahre hinweg nachgesagt wurde, aber erst in den vergangenen Jahren ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückte. In den Trainingszentren - Heya genannt - herrschen Bedingungen, neben denen selbst die furchtbaren Misshandlungen etwa im österreichischen Nachwuchssport zu verblassen drohen. Bis hin zu tödlicher Gewalt gehen die Skandale: Im Jahr 2008 wurde ein junger Ringer, der dem Druck nicht gewachsen war und seinen Heya verlassen wollte, mit Glasflaschen, einem Baseballschläger und Tritten zu Tode gequält.

Der aktuelle Harumafuji-Skandal hat den Sumo-Sport in Japan erneut diskreditiert - und den Verband in Bedrängnis gebracht. Medien, Öffentlichkeit und Politik fordern Aufklärung und ein klares Bekenntnis gegen Gewalt in den Ausbildungszentren - und ein Umdenken in einem Sport, in dem sich traditionell der Stärkere durchsetzt.