Sport | Bundesliga
26.08.2017

Fan-Experte: "Ultras sind die Rebellen von heute"

Ein Rapid-Experte erklärt die spezielle Welt der Fans und was die Ultras am härtesten treffen würde.

Von den vielen Problemen bei Rapid sorgt eines für die größten Emotionen: Das Fan-Thema. Nach den jüngsten Aufregern wird heute (18.30 Uhr) bei Rapid – LASK besonders genau auf den „Block West“ geschaut werden.
Stefan Singer ist Fan seit 40 Jahren, im ständigen Kontakt mit den Ultras, aber auch bestens im Verein verankert. Der Fan-Experte gibt Einblick in eine ganz spezielle Welt.

KURIER: Was haben Sie sich gedacht, als Sie gegen Sturm das Transparent mit „Journalisten Terroristen“ gesehen haben?
Stefan Singer: Der erste Gedanke war: Jetzt gibt es wieder einen Wickel, die versammelte Presse wird sich das nicht bieten lassen! Eben weil dieses Wort so scharf ist: Ein Terrorist bringt Menschen um, auch wenn die Fanszene andere Bedeutungen anspricht. Der zweite Gedanke war: Sie machen das, weil sie sich ungerecht behandeln fühlen und haben damit nicht ganz Unrecht.

So ein Transparent braucht ungefähr eine Woche Vorlauf. Wurde es nach dem Terror in Barcelona nicht verworfen, weil bereits so viel Aufwand betrieben worden ist?
Das ist richtig. Eine Woche später wäre die Wortwahl möglicherweise eine andere gewesen. Ich weiß, dass im Direttivo (Führungsgremium, Anm.) der Ultras Menschen mit Intellekt sitzen. Davon bekommt die breite Öffentlichkeit aber nichts mit, weil sie nur durch zugespitzte Transparente oder Aussendungen nach mittleren bis größeren Eklats kommunizieren.

In der letzten Ultras-Stellungnahme wurde kritisiert, dass positive Taten wie Spenden für ein Kinderhospiz nur am Rande erwähnt werden. Wie sollte größer darüber berichtet werden, wenn es keinerlei Information vorab gibt und auch keine Nachfragen erwünscht sind?
Ich diskutiere das mit der Szene seit 20 Jahren. Mein ewiger Vorschlag „Bitte geht offensiver auf die Medien zu“ wird abgeschmettert: Das ist im Ultras-Gedanken nicht vorgesehen, teils gab es auch schlechte Erfahrungen. Das kommt aus Italien, wo es historisch generell kein Vertrauen in Institutionen gibt. Die nötige Anpassung an die Verhältnisse in Mitteleuropa ist nie erfolgt.

Bei den abgebildeten Logos war auch der KURIER zu sehen. Was haben wir falsch gemacht?
Aus meiner Sicht berichtet der KURIER so neutral, wie es geht. Ihr seid eine Qualitätszeitung wie die Presse oder der Standard, der jedoch öfters hinhaut. Bei fast allen anderen geht es rein darum, den täglichen Kampf um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Das geht auch Richtung Hetze. Verallgemeinerungen sind jedoch prinzipiell problematisch, auf beiden Seiten.

Auf dem Flyer zur Erklärung des Transparents stand „Presse auf die Fresse“, vor Jahren wurde ein prominenter Journalist bedroht. Sollen wir uns fürchten?
Nein! Das musste auch der angesprochene Journalist nicht. Da geht es um Reime, die zwar manchmal holprig sind, aber plakativ. Wie alle Slogans aus der Werbung oder Politik darf man das nicht auf die Goldwaage legen. Um etwas zu erreichen, muss man zuspitzen. Das machen auch Boulevard-Medien so.

Die Ultras betonen, dass ihnen die Presse egal ist, andererseits zerlegen sie jedes Wort, selbst aus den schlimmsten Schmierblattl’n ...
... weil auch sie den Medien nicht auskommen. Schöne Choreografien sind in erster Linie zur Ehre des Vereins und der Fanszene, für die Spieler und das Stadion gedacht – aber in zweiter Linie für die interessierte Öffentlichkeit. Die Fangruppen konkurrieren international: Wer ist am größten, lautesten und hat die meiste Bedeutung? Dafür brauchen sie die Öffentlichkeit, so ambivalent dieses Verhältnis auch sein mag.

Das erinnert an die Diskussion über die Unterstützung von Populisten durch Medienberichte: Wäre es demnach am schlimmsten für die Fanszene, wenn sie in der Öffentlichkeit ignoriert werden würde?
Das ist mit Sicherheit so! Natürlich wollen sie positiv erwähnt werden. Aber negative Presse – wenn sie nicht wie jetzt andauernd kommt – schadet auch nicht.

Warum?
Weil wir hier von einer Jugendkultur reden, die sich als nicht angepasst definiert. Ultras sind die Rebellen von heute. So wie ein Rechtspopulist sein Klientel mit bewusst gewählten Wörtern bei der Stange halten muss, läuft das auch bei den Ultras. Etwa mit polarisierenden Aktionen. Da geht es auch um den Nachschub.

Wie meinen Sie das?
Die Ultras haben seit der Gründung 1988 den gleichen Altersschnitt: zwischen 20 und 30 Jahren. Von den 1000 Mitgliedern gibt es nur rund zehn, die immer noch dabei sind.

Wird es radikaler?
Nein! Ich besuche seit 40 Jahren regelmäßig Spiele. Damals hat es bei jeder Partie auf den Tribünen Raufereien gegeben, meist zwei bis drei. Geahndet wurde das so: Der Polizist hat die Kontrahenten getrennt, den einen in die eine Richtung geschickt, den anderen in die andere. Fertig. Seither hat sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt.

In welche Richtung?
Damals gab es viel mehr Gewalt, auch häuslich. Aber es war kein großes Thema. Genauso wie die Korruption. Das hat sich gebessert – auch durch Aufdecker-Journalismus. Jetzt leben wir viel sicherer, im Stadion gibt es kaum noch Gewalt. Und sonst wird sie auch weniger. Aber die Leute fürchten sich viel mehr. Und da sind wir wieder bei den Medien.

Warum?
Weil ein Bild gezeichnet wird, als wäre es überall extrem gefährlich. Die Ultras! Die Flüchtlinge! Die Einbrecher! Diese in den letzten 20 Jahren entstandene Jagd nach der Schlagzeile und dem Klick führt dazu, dass eine Radikalisierung vermutet wird. In Wahrheit ist es umgekehrt.

Beim KURIER melden sich viele, die tatsächlich Angst haben und ihre Kinder trotz Abo nicht mehr ins Stadion lassen wollen.
Offensichtlich gibt es ein menschliches Grundbedürfnis, auch mal aus sich rauszugehen, den Konflikt suchen zu dürfen und Dampf abzulassen. Ich bin auf allen Tribünen unterwegs – deftige Worte höre ich übrigens auch im VIP-Klub von Vorstandsvorsitzenden. Andererseits: Das Archaische des Fußballs und von Rapid im Besonderen stößt bei vielen Kreisen auf Unverständnis, das ist eine andere Welt.

Es gibt derzeit zwei Lager im Verein: Jene, die an der Macht sind und auf die Fankultur setzen. Dadurch wird das Stadion gefüllt und ein Image verkauft. Das andere Lager sieht eine falsche Entwicklung und meint, dass mit einem „freundlicheren Publikum“ mehr Familien und insgesamt noch mehr Leute kommen würden. Wie sehen Sie die Lage?
Ja, diese beiden Lager gibt es. Ich persönlich hätte gern weniger Süditalien, dafür mehr British Sportsmanship: Nicht alle Mütter von Gegenspielern sind Huren! Das Gegenbeispiel zu mehr Zuschauern durch „Freundlichkeit“ ist allerdings Salzburg: Dieses korrekte, auf Leistung gebürstete Konstrukt leidet massiv unter Zuschauerschwund. Aber die Antwort wäre einfach, weil Rapid ein Mitgliederverein ist.

Wie meinen Sie das?
Die Ultras wollen zwar ihre Vorstellungen umgesetzt wissen, sind in der Regel aber keine Mitglieder. Weil sie nicht in Gremien sitzen wollen. Die Wahlen über das Präsidium und die grundsätzliche Ausrichtung werden also auf der Haupttribüne im Osten entschieden. Dort sitzen die meisten Mitglieder, da entscheidet sich der Meinungsbildungsprozess.

Ganz allgemein betrachtet: Sind Ultras und Journalisten viel ähnlicher, als das die beiden Gruppen wahrhaben wollen? Beide machen Fehler, tun sich aber sehr schwer, diese zuzugeben.
Journalisten wissen, dass sie viel wissen. Da ist es für manche verlockend, zu glauben, die Wahrheit gepachtet zu haben. Der durchschnittliche Ultra ist ein junger Mensch, der ebenfalls an die Wahrhaftigkeit dessen, was er tut, glaubt. Ja, da gibt es Ähnlichkeiten. Und deswegen haben beide Gruppen ein fixes, nicht allzu positives Bild voneinander.

Der Fan-Versteher

Stefan Singer ist Unternehmer in der Immobilienbranche. Der Vater dreier Töchter war bis 2013 Rapids Mitgliederreferent, ehe er mit einer Reformgruppe seinen Posten selbst abgeschafft hat. Seither ist der 53-Jährige vom Fanklub „Flo‘ Town Boys“ im Kuratorium sowie Beirat von Rapid Wien.