Sport
26.08.2018

"Bei Rapid brauchst du eine dicke Haut"

Alfred Hörtnagl führte Rapid 2008 als Sportchef zum bislang letzten Meistertitel. Der Wacker-Manager über seine Zeit in Hütteldorf.

Alfred Hörtnagl kehrt am Sonntag als General Manager von Aufsteiger Wacker Innsbruck nach Hütteldorf zurück.  Der Tiroler war  Sportdirektor bei Rapid, als die Grünweißen unter Trainer Peter Pacult vor zehn Jahren den bislang letzten Meistertitel gewonnen haben. „Es war damals eine mutige Entscheidung von Präsident Edlinger, dass er einen Tiroler geholt hat.“

Hätten Sie 2008 denn gedacht, dass das für die nächsten zehn Jahre der letzte Titel von Rapid sein würde?
Offen gesagt habe ich mir darüber damals nicht den Kopf zerbrochen, wann Rapid das nächste Mal  Meister werden würde.  Das Problem für Rapid, aber auch für die anderen Vereine, ist es nun einmal, dass   sie  bei  Red Bull Salzburg jetzt schon seit einigen Jahren einen überragenden Job machen. Das ist Fakt, und an denen kommt man nur sehr schwer vorbei.

Insofern müssen Sie ja durchaus stolz sein, dass Sie beim letzten  Rapid-Titel federführend beteiligt waren.
Ich persönlich verwende  das Wort stolz sehr selten. Ich erinnere mich einfach gerne zurück an diese Zeit, die sehr intensiv und herausfordernd war.  Der Meistertitel war eigentlich eine Überraschung,  weil Rapid die Saison zuvor weit hinten war.   Wir sind damals in der Tabelle von hinten nach vorne durchmarschiert, und das hat uns   auch ermöglicht, in mehreren Bereichen erfolgreich zu sein.

Was meinen Sie konkret?
Es gab ja nicht nur sportliche Highlights wie den Titel und die zweimalige Qualifikation für die Europa League. Parallel  dazu ist Rapid  auch in anderen Bereichen erfolgreich gewesen, eigentlich ist alles aufgegangen. Junge Spieler wie Korkmaz oder Pehlivan wurden entwickelt, daneben hohe Transfererlöse erzielt durch die Verkäufe von Hoffer, Maierhofer oder Jelavic, das Merchandising ist durch die Decke geschossen. Wir konnten uns als Rapid eigentlich fast nicht mehr steigern, weil alles ausgereizt war. Eigentlich hat nur eines gefehlt.

Nämlich?
 Ich habe damals schon gesagt, dass für Rapid der nächste Schritt nur ein neues Stadion sein könne.  Die Pläne für das grüne Stadion waren schon in der Schublade. Durch diese neue Arena ist Rapid auch in eine neue Dimension vorgedrungen. Es würde mich wundern, wenn Rapid nicht schon bald wieder durch die Decke schießen würde. Der Klub und die Fans hätten es sich verdient.

Das ist das richtige Stichwort: War Ihnen als Tiroler denn bewusst, was Rapid wirklich  bedeutet oder haben Sie die Faszination Rapid erst  als Sportchef richtig wahrgenommen?
Ich hatte nicht die Vorstellung, welche Kraft von Rapid ausgeht. Man hört zwar immer, dass Rapid Kult ist und ein besonderer Verein, aber  richtig klar ist mir das erst geworden, als ich die viereinhalb Jahre dort gearbeitet habe.  Rapid hat einen besonderen emotionalen Wert in Österreich, da kommt kein anderer  Klub mit. Es war extrem intensiv, jeder Tag eine große Herausforderung.

Was ist die spezielle Herausforderung bei Rapid?
Das fängt schon damit an, dass grundsätzlich bei Rapid eine enorme Erwartungshaltung da ist. Ganz egal, was für einen  Kader Rapid gerade hat und wie gut die Konkurrenz ist. Das kommt einfach aus der Tradition und  aus dem Selbstverständnis  dieses Vereins heraus. Rapid muss  erfolgreich sein. Schluss. Nur dann herrscht dort halbwegs Ruhe.

Das klingt nach einem besonderen Druck.
Eine dicke Haut brauchst du schon, wenn du bei Rapid arbeitest. Und als Sportchef  bist du vom Erfolg der Kampfmannschaft abhängig.  Wenn Rapid nicht gewinnt, dann interessiert es keinen,  ob du im Hintergrund wertvolle Arbeit  machst und den Klub weiter entwickelst. Sobald es bei Rapid einmal brennt, bist du nur mehr am Feuerlöschen an der Front und hast keine Energie mehr für andere wichtige Aufgaben. Das war bei Wacker  im letzten Jahr, da  waren wir nur mehr damit beschäftigt, das Schiff irgendwie auf Kurs zu halten. Andererseits . . .

...andererseits?
Andererseits geht gerade von solchen  Traditionsteams auch extrem viel Energie und Kraft aus. Wenn du mit Rapid aber auch mit Wacker erfolgreich bist, dann geht’s gleich  unglaublich ab.  Aber wehe wenn es nicht rennt, dann entsteht sofort ein riesiger Druck und  es  gibt  Diskussionen. Das macht Rapid auch aus. Entweder Wolke sieben oder auf dem Boden der Realität. Dazwischen gibt es in Hütteldorf nichts.

Wie genau verfolgen Sie heute noch die Entwicklungen bei Rapid?
Ich habe den Klub immer verfolgt, weil ich noch immer eine gewisse Bindung zu diesem Verein habe. Zu vielen Leuten bei Rapid ist der Kontakt nie abgerissen, das ist nicht selbstverständlich.Gerade im schnelllebigen Profigeschäft.

Hat es Sie erstaunt, dass nach drei Runden und fünf Punkten bereits Trainerdiskussionen ausgebrochen sind?
Ich glaube, das  hängt jetzt gar nicht einmal so sehr damit zusammen, dass die Partie gegen den WAC nicht gut war. Sondern man sieht daran, wie sehr dieser Verein und seine Fans nach Erfolgen dürsten.  Die Sehnsucht nach Titeln ist bei Rapid enorm. Und durch das neue Stadion wurde die Hoffnung darauf noch größer –   im gleichen Moment  aber auch die Erwartungshaltung. Dass es bei Rapid extreme Stimmungsschwankungen gibt, ist ja  nichts Neues.   Nach einem schlechten Spiel  wird  schnell einmal vieles in Frage gestellt, umgekehrt  ist dann alles wieder Eitel Wonne, wenn man zwei Spiele hintereinander gewinnt.

Wie wichtig ist Rapid für die österreichische Liga?
Rapid nimmt allein schon auf Grund  seiner  Geschichte und seiner Emotionalität sicher eine Sonderstellung ein. Weil Rapid wie kein anderer Klub polarisiert.  Aber man würde den anderen Verein unrecht tun, wenn man jetzt  nur von Rapid als einzigem Magneten sprechen würde.  Von allen Traditionsteams geht eine gewisse Anziehungskraft aus. Red Bull bringt wieder etwas anderes mit, weil sie in ihrer Arbeit  vorbildhaft in ganz Europa sind. Das ist dann auch wieder ein Anreiz für die Fans  dort hinzugehen. Und bei Teams wie Hartberg zum Beispiel geht es über Neugier, weil man wissen will,   wie das ein so ein kleiner Verein bewerkstelligen kann.

Wie sehen Sie grundsätzlich das Niveau in der Liga?
Wir müssen aufpassen, dass wir uns selbst die Liga nicht zu schlecht reden und das Produkt kleiner machen, als es tatsächlich ist. Ich finde, dass das Niveau höher ist, als es manche glauben wollen.

Woran machen Sie das fest?
Wenn ich mir zum Beispiel anschaue, wie oft  österreichische Vereine in der Gruppenphase der Europa League dabei sind. Wir sind im UEFA-Ranking Nummer elf, da reihen sich viele große Nationen hinter uns ein. Ich finde, man sieht das Niveau auch bei den Legionären, die nach Österreich kommen.  Die haben oft alle Hände voll zu tun, dass sie mitkommen.

Zum Abschluss: Was wird eher passieren? Rapid wird Meister oder Ihr FC Wacker spielt international?
Im Idealfall passiert das zur gleichen Zeit. Ich könnte damit jedenfalls gut leben.