Radsportlerin Masomah Ali Zada war in Tokio dabei: „Ich repräsentiere 82 Millionen Flüchtlinge“

© APA/AFP/FABRICE COFFRINI

Sport
08/21/2021

Angst in Afghanistan: Wie Sportlerinnen "um Leben oder Tod" kämpfen

Im von den Taliban regierten Land haben es Frauen schwer. Auch Sportlerinnen. Viele sind geflüchtet und wollen nicht aufgeben.

von Günther Pavlovics

Friba Rezayee schrieb mit 18 Jahren Geschichte, als sie 2004 als erste Frau ihres Landes an Olympischen Sommerspielen teilnahm – im Judo. Sie brachte damals Afghanistan nach dem Fall der Taliban zurück auf die Bühne des Weltsports und inspirierte in ihrer Heimat Hunderte Mädchen, Sport zu betreiben.

Judo kam in den 80er-Jahren durch einen Deutschen, der Polizisten trainierte, nach Afghanistan. Ursprünglich durften nur Männer kämpfen, mit dem Fall der Taliban im Jahr 2001 auch Frauen. Der norwegische Diplomat und Olympia-Teilnehmer von 1992 Stig Traavik war der Erste, der mit den afghanischen Frauen trainierte. Schon 2004 reiste Friba Rezayee zu den Spielen nach Athen.

17 Jahre später, bei den Spielen in Tokio, waren fünf Athleten aus Afghanistan dabei, darunter eine Frau. Die Leichtathletin Kamia Yousufi startete über 100 Meter. Die Eltern stammen aus Kabul, sie kam im Iran auf die Welt, wo sie auch lebt. Dort konnte sie aber keine Wettbewerbe bestreiten, weil es Iranerinnen untersagt ist, gegen afghanische Flüchtlinge anzutreten.

Geflohen

Zwei weitere Sportlerinnen aus Afghanistan, die in Tokio angetreten sind, machten dies unter der Flagge des Flüchtlingsteams. Die Radsportlerin Masomah Ali Zada floh mit ihrer Familie vor fünf Jahren nach Frankreich, wo sie Asyl beantragte. Radsportlerin Ali Zada sagte in Tokio der BBC: „Ich repräsentiere 82 Millionen Flüchtlinge und alle Frauen in Afghanistan und anderen Ländern, wo Menschen denken, dass Frauen nicht Rad fahren sollten.“

Die Familie von Nigara Shaheen floh aus Jalalabad nach Pakistan, als sie sechs Monate alt war. Die 28-Jährige trat bei Olympia 2021 im Judo an. Sie studiert Wirtschaft in Russland, in Jekaterinburg. In Tokio sagte sie im Interview mit Al Jazeera: „Mein Antreten hier soll allen jungen Mädchen in Afghanistan Hoffnung geben.“

Keine Zeit für Erholung

Ihre Vorgängerin als Sportlerin und Judoka Friba Rezayee sagte einmal: „Sport kann soziale Veränderungen vorantreiben und die Gesellschaft verändern.“ Vor allem in einem Kriegsland wie Afghanistan. „Unser Land litt unter der sowjetischen Besatzung in den frühen 1980er-Jahren, danach unter den Kämpfen zwischen den Sowjets und den Mudschahedin. Dann gab es Bürgerkrieg bis in die 90er-Jahre, der in die Herrschaft der Taliban überging. Wir hatte keine Zeit, uns zu erholen, zu atmen.“

In dieser Situation ist Afghanistan derzeit wieder. An Frauensport ist nicht zu denken. Die Amerikanerin Kelly Lindsey ist technische Leiterin im Fußballverband Marokkos und war bis 2020 Teamchefin der afghanischen Frauen-Nationalmannschaft.

Gefährliches Spiel

„Im Moment ist es nicht so wichtig, ob in Afghanistan jemals wieder Sport für Frauen erlaubt ist. Für alle Menschen in diesem Gebiet geht es zurzeit nur um eines: um Leben oder Tod“, sagte sie kürzlich in einem Interview.

Die 41-Jährige hat noch immer Kontakt mit ihren ehemaligen Spielerinnen. Das ist aber nicht so einfach. „Oft ist das Internet schlecht, oder sie müssen ihre Nummern wechseln. Es ist nicht angenehm, wenn du mit einer Zielscheibe auf dem Rücken rumläufst.“

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