Reise
13.03.2017

Bei Inga Lindström ist die Landschaft der Star

In der Region Sörmland bündelt sich die Schweden-Idylle. Schlösser, Hafenstädte und urige Natur bilden die Kulisse für große und kleine Geschichten.

Eine junge Frau zieht sich aufs Land zurück, um von einem Mann loszukommen oder um sich selbst zu finden. In beiden Fällen bleibt sie nicht lange alleine. Das Schicksal bringt ihr einen gut aussehenden, etwas naiven Zeitgenossen. Intrigen, Altlasten und Konkurrenzkämpfe müssen überstanden werden, bevor die beiden einander schließlich vor einem roten Haus bei Sonnenuntergang reuelos küssen.

Stille Hauptfigur

Vorhersehbar? Das sind die Inga-Lindström-Filme seit über zehn Jahren. Und genauso lange lässt der mittelmäßige Spannungsbogen Platz für eine stumme Hauptfigur: die Landschaft Sörmlands. Was wären die Familienfeiern ohne die blass-gelben Herrenhäuser? Die einseitigen Liebesbekenntnisse ohne die raue See im Hintergrund? Die vertrauten Freundinnen-Gespräche ohne die gepflasterten Straßen und den bunten Marktplatz?

Astrid Lindgren, Ingmar Bergman, Henning Mankell – und Inga Lindström (die übrigens eine deutsche Journalistin ist und in Wahrheit Christiane Sadlo heißt) haben unser Schweden-Bild auf ganz unterschiedliche Art geprägt. Dort die ernste, düstere Krimilandschaft, hier das unwiderstehliche Bullerbü. Schweden als Traumland mit roten Häuschen, tiefen Seen und dichten Wäldern – der Eindruck bleibt, wenn die Heldin von der Bildfläche verschwindet.

Es gibt sie wirklich, die Landschaft, in der sich das Schweden-Gefühl bündelt. Die Inga-Lindström-Geschichten spielen in der Region Sörmland, südwestlich von Stockholm. Eigentlich heißt sie Södermanland und bezeichnet "das Land der Südmänner", also jener Menschen, die südlich des Mälarsees leben.

Mit mehr als 400 Schlössern und Herrenhäusern, wilden Jagdgebieten und einer geschützten Schärenlandschaft ist Sörmland Schwedens Vorzeigeprovinz. Sie kennt nicht nur moderne Machtspiele und Fernseh-Intrigen, sondern auch die schwedischen Royals.

Drama im Schloss

Das Schloss Gripsholm entstand als Burg des ersten Schwedenkönigs Gustav I. Wasa. Er setzte in Schweden die Reformation durch. Nachdem er die Mönche und Nonnen aus der Region vertrieben hatte, ließ er aus den Steinen ihrer Klöster das Schloss Gripsholm bauen. Der Name der umliegenden Stadt Mariefred – Marias Frieden – erinnert noch an die geistlichen Gründer. Im von den schweigenden Mönchen angelegten Gasthaus waren seit dem 15. Jahrhundert Könige und Gaukler, Reisende und Pilger willkommen. Am gleichen Ort gibt es heute im Gripsholm Värdshus, Schwedens ältestem Gasthaus, Fischsuppe und feine Suiten.

Die vier runden Türme des Schlosses spiegeln sich im Mälarsee, davor schwingen Segelboote im Wind. Wuchtig und zugleich märchenhaft türmt sich die rote Fassade vor dem Besucher auf. Modelle in der Eingangshalle zeigen, wie die Könige mit Umbauten ihre Zeichen am Schloss hinterließen. Der Rundgang durch die königlichen Gemächer und durch Schwedens größte Porträtsammlung ist eine Reise durch fünf Jahrhunderte.

König Gustav III. ging mit seiner Liebe für das Theater in die Geschichte ein – und daran zugrunde. Im Schloss Gripsholm hinterließ er eine komplette Bühne und einen Zuschauerraum, auch mit Platz für Stehgäste. Adelige sahen durch den Monarchen ihre Rechte bedroht und ermordeten ihn bei einem Maskenball. Die davon inspirierte Verdi-Oper "Un ballo in maschera" ist kommenden April in der Wiener Staatsoper zu sehen.

Die Adeligen der schwedischen Großmachtzeit wollten ländlich wohnen, aber trotzdem nahe der Hauptstadt Stockholm. So wurde Sörmland das gelobte Land der Herrensitze. An welchem Schauplatz spielt Ihre persönliche Geschichte? Das zweistöckige Anwesen Sturehov ist bekannt für sein Porzellan und die Kachelöfen, Julita gård gilt als größtes Freilichtmuseum der Welt und im Schloss Taxinge biegen sich die Tische unter einem legendären Tortenbuffet.

Zu der ländlichen Kulisse braucht die Story natürlich auch einen städtischen Gegenpol. Seit der erfolgreichen Premiere 2004 nehmen jedes Jahr 50 Schauspieler, Kameramänner, Produzenten und andere Filmleute die Hafenstadt Nyköping ein. Bei jeder Saison wirken 750 schwedische Statisten mit. Die fertigen Filme erreichen dann rund neun Millionen Zuschauer (von denen es nicht alle zugeben). Die Zahl entspricht der gesamten schwedischen Bevölkerung. Nyköping ist eine Residenzstadt mit Kleinstadtatmosphäre. Im Mittelalter funktionierte sie als zweite Hauptstadt, ausgestattet mit einer mächtigen Festung.

Historische Intrige

1317 wurde sie Schauplatz des "Gastmahls von Nyköping". Die Schweden wissen, wie man Dinge schönredet: Hinter dem einladenden Namen verbirgt sich eine Intrige von historischem Ausmaß, bei der zwei von drei Königssöhnen ihr Leben verloren. Jeden Sommer erinnert ein Schauspiel an den Machtkampf, und Großes wird erwartet, wenn sich 2017 die tödliche Jause zum 700. Mal jährt.

Neben seinem Hafen, den alten Fischerhäusern und der bewahrten Altstadt besticht Nyköping mit seiner Nähe zu den sörmländischen Schären. Der Schärengarten von Stockholm mag berühmter sein, doch für das richtige Inselerlebnis braucht man dort ein Boot. Nicht so in Sörmland.

Vielfältige Schönheit

In Nyköpings Umgebung wählt man zwischen 44 Naturreservaten, darunter das öffentlich oder mit dem Auto erreichbare Naturreservat Stendörren. Es entzückt mit felsigen Inseln, Heidelbeeren und romantischen Picknickplätzen. Im Gegensatz zum Archipel der Hauptstadt Stockholm liegen die 2800 Inseln vor Sörmland nahe beieinander. Hängebrücken verbinden die Inseln, sodass man mit toller Aussicht von Fels zu Fels wackeln kann. Ob kurze Wanderung durch die urige Flora oder ein Tagesausflug mit Paddeltour – Stendörren ist filmreif schön.

Info

Anreise Ab Budapest fliegt WizzAir nach Nyköping, ab 90 € hin und retour. Ab Wien geht es mit SAS, Austrian und Airberlin nach Stockholm, ab 100 € hin und retour.

Währung 1 € = 9,54 SEK (Schwedische Kronen)

Übernachten Sunlight Hotel, Nyköping: In der ehemaligen Seifenfabrik wohnt das Inga-Lindström- Filmteam während der Dreharbeiten. 60 € N/ F.
– Öster Malma Hotel, Marieberg: Stilecht auf dem Gelände eines 350 Jahre alten Herrenhauses wohnen, mit Elchen als Nachbarn. 50 € N/F.
– Strand Hotel & Golf, Eskilstuna: Am Ufer des Mälarsees treiben Holzboote und eine Sauna auf dem Wasser, Golfplatz neben dem angrenzenden Wald. 70 € N/F.

Essen und Trinken Gripsholms Värdshus, Mariefred: Im ältesten Gasthaus Schwedens kommen mittags wie abends nordische Spezialitäten auf den Teller. gripsholms-vardshus.se
– NK-Villan, Nyköping: Architektonisch wertvolles Mittagslokal zwischen Fluss und Festung. nkvillan-cafe.se
– Annas Hembageri, Mariefred: Laut Gourmetführer White Guide Schwedens bestes Café. Ein großer Titel, schließlich ist den Schweden ihre Kaffeepause heilig. annashembageri.se
– Café Grassagården, Strängnäs: In einem roten Holzhaus erwarten Besucher zwei strahlende Bäckerinnen und Interieur aus Omas Zeiten. cafe-grassagarden.se

Erleben Naturreservat Stendörren, Nyköping: Schärenidyll mit Abenteuerfaktor. visitnykoping.se
– Historisches Theater „Gästabud“, Nyköping: 2017 jährt sich der historische Prinzenmord beim „Gastmahl“ zum 700. Mal. Die Darbietung in der mittelalterlichen Festung ist auch ohne Schwedischkenntnisse ein Spektakel. gastabudet.nu
Strängnäs Greeters, Strängnäs: Plaudern, Kaffee trinken, den Aussichtspunkt erklettern: Erleben Sie die Hafenstadt Strängnäs an der Seite eines Einheimischen, buchbar auch auf Deutsch. strangnasgreeters.se

Auskunft Visit Sweden, Tel: 0192/ 86 70 2, visitsweden.com, www.visitsormland.com/en/