© Willy Leitgeb

Reise
06/16/2019

Segeln auf dem Nil: Reisen wie die Pharaonen

Ursprünglich für die Beförderung von Mächtigen gebaut, kommt das traditionelle Nil-Segelboot Dahabiya wieder in Mode.

von Susanne Mauthner-Weber

Alles flattert. Barfuß versucht die halbe Crew, 260 Quadratmeter Segeltuch in den Griff zu bekommen, die sich im Wind selbstständig gemacht haben. Der Koch, der Ober, Matrosen, der Kapitän, fast jeder in langen wallenden Dschallabijas – alle helfen mit, als das Tuch der Dahabiya eingeholt werden muss. Links und rechts gleiten Dattelpalmen und Mangoplantagen vorüber, Rinder grasen ungerührt. Manchmal sieht man nur Grün, dann wieder reicht die Wüste bis zum Fluss. Hin und wieder kommt ein riesiges Kreuzfahrtschiff ganz nahe, und sehnsüchtige Blicke treffen das majestätische Segelboot, das der Ära von „Tod auf dem Nil“ entsprungen scheint, einer Zeit, in der die ersten Reisenden die Wunderwelt am Nil entdeckten.

Wie alles begann

Lange war die Dahabiya die einzige Möglichkeit, Ägypten zu bereisen. Bilder an den Wänden der Pharaonen-Gräber belegen, dass es die Boote seit Jahrtausenden in der einen oder anderen Form gegeben hat. Ähnliche, vergoldete Staatsschiffe wurden von den muslimischen Herrschern Ägyptens im Mittelalter verwendet. Daher kommt auch der Name Dahabiya – „die Goldene“.

1847 notierte Sir John Gardner Wilkinson in seinem Handbuch für Reisende in Ägypten: „Zwanzig Tage sind ein guter Durchschnitt für die Reise von Kairo nach Theben; bei guten Winden ist es möglich, von Theben zum zweiten Katarakt und wieder zurück in zwei Wochen zu fahren, obwohl dies selten geschieht; und die geringste Zeit, Ägypten bequem zu sehen, sind drei Monate.“ Wilkinson berichtet auch, dass der Dahabiya-Mieter am Ende der Reise dafür sorgen musste, dass das Boot entladen und neu lackiert wurde, zudem mussten sie den Bootsführer beaufsichtigen. Heute ist der Reisende ausschließlich für sein Vergnügen zuständig.

Die „Abundance“ etwa ist 13 Jahre alt und liebevollst renoviert – mit geschmackvollen Möbeln, eleganten Stoffen, auf Hochglanz polierten Holzböden. Im Bad hängt sogar ein Wäschesack. Serviert wird an Deck, stilvoll ruft eine Glocke zum Essen. Ägyptische Leckerbissen werden aufgetischt – Humus, Babaganusch, Okraschoten, orientalischer Reis, Salate, Omeletts, Palatschinken, Feigenmarmelade, frischer Mango- und Guavensaft. Der Ober kommt mehrmals, um „Anything more?“ zu fragen. Das Windspiel sorgt unterdessen für sphärische Klänge.

Wen wundert es, dass Thomas Cook genau hier die erste Pauschalreise organisierte. Der junge Brite fuhr 1869 mit 32 Touristen auf zwei Dampfschiffen stromaufwärts von Kairo nach Assuan. Drei Wochen war die Gruppe unterwegs, die Reisenden genossen die Langsamkeit, die Ruinen am Flussrand, die Weite der Wüste hinter dem schmalen Ufergrün und die Haute Cuisine im Speisesaal.

Geburtsstunde einer Idee

Alles begann mit dem Onkel von Thomas Cook, der ein Säufer war. Der 14-jährige Cook aus Derbyshire in Großbritannien musste früh die Schule verlassen, um zum Familieneinkommen beizutragen – beim alkoholabhängigen Onkel John Pegg erlernte er das Tischlerhandwerk. Und wurde fanatischer Abstinenzler. Bald initiierte er Demonstrationen gegen den verbreiteten Alkoholmissbrauch. Am 5. Juli 1841 organisierte der 33-Jährige schließlich eine Eisenbahnreise für 570 Aktivisten der Abstinenzbewegung von Leicester ins nahegelegene Loughborough zum Sonderpreis von einem Schilling pro Person. Die Bahnfahrt – 3. Klasse ohne Sitzgelegenheit in offenen Waggons, aber inklusive Schinkenbrot und Tee – sollte die Menschen weg von der Ginflasche und hinaus in die frische Luft bringen.

Es folgten Exkursionen nach Liverpool, London, Paris – und schließlich die erste Ägyptenreise: Erstmals waren nicht nur die Ausgaben für Bahn und Schiff, sondern auch für Unterkunft und Verpflegung inbegriffen. Die Pauschalreise war geboren.

Teilnehmer dieser Reise, die Cook selbst leitete, waren Briten und Amerikaner. Bald organisierte er in Luxor auch die ersten Nilkreuzfahrten, die als einer der Meilensteine in der Geschichte des Massentourismus gelten, da sie sich erstmals auch vergleichsweise weniger Begüterte leisten konnten. „Menschen mit Menschen und Menschen mit Gott zu verbinden“ lautete das Motto des Laienpredigers.

35 Meter Nostalgie

Etwa 100 Dahabiyas befahren heute den Nil. „Mehr oder weniger“, sagt Captain Mohammed. Seine ist eher klein – fünf Kabinen für insgesamt zehn Personen. „Alles, was länger als 35 Meter ist, ist keine Dahabiya mehr“, klärt der Kapitän auf, und Johanna Marius, die deutsche Schiffseignerin, erzählt, dass sie neben den neun Männern auch zwei Mädchen beschäftigt, die backen und die Wäsche machen. „Ich möchte Frauen unterstützen. Ihr Lohn bleibt ihnen nämlich, sie müssen nichts zum Familieneinkommen beitragen.“

Meist weht der Wind von Luxor nach Assuan. Heute kommt er aus der falschen Richtung. Wir gleiten trotzdem am Steinbruch Dschabal as-Silsila vorbei, dem Beiboot mit dem starken Motor, das das Segelboot jetzt zieht, sei Dank. Im Steinbruch, dem bedeutendsten des Landes, bedienten sich bereits die Alten Ägypter, als sie die Tempel von Karnak, Luxor und Kom Ombo aus dem Wüstenboden stampften. Ein paar Säulen zeugen von der großen Vergangenheit.

Captain Mohammed hat sich am Bug auf einem Teppich platziert. Um den Überblick zu haben und die Zugmaschine zu dirigieren? „Auch“, sagt er und lacht, „aber vor allem will ich die Sonne genießen“. Seit er zwölf ist, arbeitet der junge Ägypter auf Booten. Zuerst auf einer Feluke, dann als Skipper auf den Dahabiyas anderer Leute. Heute ist er der Kapitän der „Abundance“.

In Kom Ombo liegen drei weitere Dahabiyas vor Anker, alle sind weiß gestrichen, haben zwei Segel und überdachte Sonnendecks. Ursprünglich für die Beförderung von Prominenten und königlichen Familien gebaut, kommt die Dahabiya langsam wieder so richtig in Mode. Durch die großen Glasscheiben lassen sich vom Bett aus die Einheimischen – Schulkinder und Arbeiter – beobachten, die in kleinen Booten von der anderen Seite des Nils übersetzen.

Abends legt Mohammed an, wo es ihm gefällt. Die Dahabiya braucht keinen Hafen, keinen Pier. Im Unterschied zur Donau ist der Nil wirklich blau – kurz vor Sonnenuntergang wird er tiefdunkelblau, im Mondlicht schimmert er dann silbrig-hellblau. Der Reisende hat den ganzen Tag über nichts anderes zu tun, als aufs Wasser zu schauen und zu beobachten, wie sich die Farbe ändert. Auszeit ohne Zeitdruck. Nur der Tempel wartet, danach der Lunch, das Sonnendeck, die vorbeiziehenden Dattelpalmen und Mangoplantagen, Fischer, andere Dahabiyas, das Dinner. Und morgen wartet der nächste Tempel, der Lunch, das Sonnendeck, ... „Alles kommt zu uns, wie wir so fahren“, schrieb Rainer Maria Rilke 1911 an Bord des Cook-Dampfers „Ramses the Great“. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Sail the Nile
Johanna Marius organisiert gerne individuelle Reisen mit der Dahabiya „Abundance“. Abseits des Massentourismus segelt sie im November  von Luxor nach El Minya und retour: Vorbei anTempeln und Gräbern aus der Pharaonenzeit sowie Klöstern und Kirchen aus der Frühzeit des Christentums.

Info: +49 / 178 / 872 39 88, johanna@nil-segeln.com, sail-the-nile.com

Zu den klassischen Zielen Pyramiden, Saqqara, Luxor, Karnak,  Edfu,  Philae, Kom Ombo etc. geht es im August, Oktober und November. Die  Neun-Tages-Tour mit Flug beinhaltet vier Tage auf einer Dahabiya. Preis: ab 1.880 €

Info: ruefa.at/angebote/details/PCAIKL9/aegypten-kurz-und-luxurioes/
 

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