Reif für die Aufgabe

© Martin Grabner

Reif für die Aufgabe
08/06/2012

Reif für die Aufgabe

Extremwanderung: Selbst Himalaja-erprobte Höhenbergsteiger zeigen Respekt vor den Naturgewalten im Toten Gebirge – zu Recht

von Martin Grabner

Großer Priel, 30 Minuten", weist die gelbe Tafel den Weg zum höchsten Gipfel des Toten Gebirges. Schön wär’s. Wir, meine Himalaja gestählte, langjährige Bergkameradin und ich, sehen kaum noch die Hand vor Augen. Der Graupel- und Schneeschauer hat wieder eingesetzt und ist noch stärker geworden. Die rot-weiß-roten Markierungen an den Felsen sind bald die einzigen Farbtupfer im Nebel und bezeichnen notdürftig den letzten schmalen Grat zum Gipfelkreuz.

Weitergehen? Umdrehen?

Das Steigen im Nebel erfordert äußerste Vorsicht. Der frische Schnee macht den Fels sehr rutschig. Links und rechts geht es bergab, wie weit können wir nur erahnen.

 

Überwindung und Genuss

Vor zwei Stunden sind wir bei der Welser Hütte gestartet. "Geht’s ihr jetzt wirklich auf den Priel?", hat uns Hüttenwirt Erwin Reisenhofer noch gefragt. Wir: "Ja." Der Erwin, selbst ein leidenschaftlicher Bergsteiger, nimmt es zur Kenntnis.

Schon beim Aufstieg von Grünau am Tag davor war das Wetter saumäßig: Vom Parkplatz des Almtaler Hauses in drei Stunden auf einem zum Teil mit Drahtseilen und Leitern versicherten Steig hinauf zur Welser Hütte. Bei schönem Wetter ein Genuss, aber gestern hat es Überwindung gekostet.

Das Basislager

Die Welser Hütte! Wie ein Adlerhorst thront sie auf 1740 Metern unter den Felsmauern des Priel. Bei Geselchtem mit Sauerkraut lässt es sich gut sitzen und die Tour des nächsten Tages planen. Dafür ist dieses Alpenvereinshaus das ideale Basislager. Neben dem König des Toten Gebirges, dem Priel mit 2515 m, sind Touren auf den Schermberg (2396 m) mit seiner großartigen Nordwand – der immerhin zweithöchsten in den nördlichen Kalkalpen – oder auf den Temlberg (2327 m) lohnende Ziele. Die warme Gaststube und Erwins Schmäh liegen einige Hundert Höhenmeter unter uns. Wir haben uns im Schneetreiben dem Gipfel genähert. Glauben wir zumindest. Auf einmal reißt der Nebel auf und für einen Augenblick sind die Umrisse des riesigen, roten Gipfelkreuzes erkennbar. Kurz ist auch der Weg vor uns zu sehen: Der Grat führt noch einmal bergab und dann steil hinauf zur Spitze. Da wollen wir hinauf.

Berg ist kein Frosch

Aber dieses Mal siegt die Vernunft über den Drang zum Gipfel. "Gemma zurück, oder?" Meine Bergkameradin zögert noch: "Es geht eh noch." Aber eigentlich wissen wir beide, dass das nicht stimmt. Ich bin der, der es ausspricht: "Wir drehen um, bevor es zu spät ist." Es ist 16.30 Uhr, rutschig und wir haben schlechte Sicht. Drei Faktoren, die uns keine Wahl lassen.

Erwin meint später, als wir bei einem Most zusammensitzen: "Zehn Minuten hättet’s noch braucht zum Gipfel. Aber der Berg is ja ka Frosch. Der hupft net weg." Das denken wir auch. Wir kommen wieder.

Info: Kalkplateau und Klettersteig

Bergnamen

Mit 1130 ist das Tote Gebirge das größte Plateau der nördlichen Kalkalpen, mit 600 Höhlen und Schächten. Der Name spielt auf die wegen Wassermangels öde Landschaft an. Scheinbar öd. Denn Kalkflora und Hochgebirgsfauna sind üppig entwickelt. Das Gebirge hieß in alten Zeiten "Freigehege", weil die Jagd nicht eingeschränkt war. Der Name "Priel" bedeutet "Wasserstelle" und ist vom Almgebiet auf den Gipfel "hinaufgewandert".

Via Ferrata

Auf den schönsten Gipfel des Gebiets, den Schermberg, führt der Klettersteig "Tassilo". 600 Höhenmeter sind dabei auf der modernen Steiganlage in drei Stunden zu bewältigen. Der Weg ist mäßig schwierig, aber lang, meist A und B bis C, mit drei kurzen und kräftigen D-Passagen.

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